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Selbstversuch in der Share Economy Das Leben als moderner Tauschhändler

Einen Hund leihen, ein Abendessen teilen oder ein Bett für eine Nacht finden. Wie funktioniert das Teilen von Dingen und Dienstleistungen? Ein Selbstversuch.

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Teilen in der Share Economy Quelle: Marcel Stahn

Eine Stunde später als verabredet. Mein Blick fällt im Zehn-Sekunden-Rhythmus auf das stille Smartphone. Damit habe ich in der vergangenen halben Stunde wiederholt eine Mobilfunknummer gewählt und von einer freundlichen, aber mittlerweile ungeliebten Stimmte gehört: „Guten Tag, dies ist die Mailbox von null – eins – fünf – zwei…“

Weiter kam sie bei meinem letzten Versuch nicht mehr. Ich habe aufgelegt. Mit der Mailbox möchte ich nicht sprechen. Habe ich schon. Ohne Erfolg. Die Mailbox fährt auch nicht mein Auto, sondern Johann, ihr Besitzer. Der sollte längst zurück sein und sich zuvor noch per Telefon melden. Das ist nicht passiert, und jetzt sitze ich vor meinem Schreibtisch, alle Konzentration im Eimer, weil meine Gedanken nur noch um mein Auto kreisen.

Es liegt nicht am materiellen Wert meines Autos. Der ideelle des 17-jährigen Audi A3 übertrifft den bei Weitem. Ich fahre das Auto, seit ich den Führerschein habe. Von Minute zu Minute werde ich unsicherer, ob ich den Wagen jemals wiedersehe. Dabei war mir Johann noch recht sympathisch am Morgen. Das half, denn er ist der erste Wildfremde, mit dem ich mein Auto teile. Den Schlüssel habe ich ihm freiwillig in die Hand gedrückt, denn ich will Teil der Share Economy sein.

Share Economy im Selbstversuch
Matthias Streit und Lisa Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche
Matthias Streit Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche
Lisa Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche
Vegane Roulade mit Rotkraut und Klößen Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche
Lisa und Matthias Streit Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche
Matthias Streit Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche
Wörterbuch Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche

Die Idee des Tauschens von Waren ist alt

Für einige Wochen möchte ich am eigenen Leibe erfahren, was es im Alltag bedeutet, wenn ich auf Online-Plattformen mein Auto, eine Übernachtung oder meine Kochkünste anbiete und im Gegenzug versuche, Dinge, die im Haushalt fehlen, günstig oder kostenlos dafür von anderen zu bekommen.

Die Idee des Tauschens von Waren ist älter als Muschelgeld. Doch der im Internet vermittelte Tauschhandel soll für viele Gegenstände das Geld als Zahlungsmittel ablösen. „Unsere Vision ist, irgendwann einmal eine collaborative society zu haben, also eine Gesellschaft, die auf Teilen basiert“, sagt Francesca Pick, Projektleiterin von OuiShare-Fest, einer Tagung rund um kollaborative Wirtschaft. Die Idee ist simpel. Die Vorbehalte aber sind groß.

Vertrauen ist die Währung

„Du spinnst doch“, watscht mich meine Freundin Caro ab, als ich ihr offenbare, dass ich auch unsere Wohnung für Gäste auf einer Sharing-Plattform anbieten möchte. Meine Eltern sind alarmiert: „Wer weiß, was für verrückte Leute da kommen.“ Weiß ich vorher nicht. Alle Menschen, mit denen ich zu tun haben werde, sind mir bis zur ersten E-Mail völlig unbekannt. Denn eine Grundvoraussetzung für das fast selbstlose Teilen von Auto, Haus und Küche ist, dass man diese Zweifel nicht an sich heran lässt.

„Vertrauen ist die Währung der Sharing Economy“ – das ist das Credo von Rachel Botsman, Pionierin der Sharing-Bewegung. Ihre Vorschläge zum Gemeinschaftseigentum haben es bis in die Liste der zehn Ideen geschafft, die laut „Time Magazine“ die Welt verändern werden.

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Bewertungssysteme

Um Vertrauen zu gewinnen, gibt es Bewertungssysteme. Wer schlechte Bewertungen hat, bekommt ein schlechtes Ranking und steht ganz unten in der Liste der Angebote. Wer unzuverlässig ist, wird schnell von der Gemeinschaft entlarvt – oder eben von den Plattformbetreibern: Autonetzer und Airbnb, die Plattformen, auf denen ich mein Auto und meine Wohnung anbiete, raten mir, innerhalb von 24 Stunden auf Anfragen zu antworten. Ansonsten rutscht mein Angebot nach unten.

Wer die Dienste nutzen will, muss sich nicht nur anmelden. Um Vertrauen zu schaffen, muss ich mich bei verschiedenen Anbietern noch mit der echten Identität verifizieren lassen – mit Handynummer, Personalausweis oder dem Facebook-Konto, quasi dem digitalen Ausweis.

Unbekannte Übernachtungsgäste auf der heimischen Couch

Als einschneidender empfindet meine Freundin jedoch den Eingriff in die Privatsphäre: unbekannte Übernachtungsgäste auf der heimischen Couch. Sie lehnt es erst kategorisch ab. Schließlich einigen wir uns darauf, unsere Schlafgelegenheit für 25 Euro auf Airbnb anzubieten.

Doch Caro ist nicht die Einzige, die mitbestimmt, ob unsere Schlafcouch online gehen darf. Sowohl unser Vermieter – ist eine zeitlich begrenzte Untervermietung erlaubt? – als auch unsere Gemeinde, die Stadt Ratingen – handelt es sich möglicherweise um Hotellerie? – haben Mitspracherecht. Beide erteilen mir auf Nachfrage eine halbgare Genehmigung. „Machen Sie ruhig. Sollte es jedoch Probleme geben, tragen allein Sie die Verantwortung“, sagt mein Vermieter.

Zwei Wochen später klingelt es abends an der Tür. „Bonsoir, c’est Julien“, rauscht es aus der Gegensprechanlage. Das Bett ist frisch bezogen, die Wohnung gesaugt, und die teuersten Wertsachen sind entfernt aus dem Zimmer, das wir vermieten.

Spezielle Versicherungen für Sharing gibt es noch nicht

Trotz anfänglicher Euphorie ist mir nun mulmig zumute. Was ist, wenn etwas kaputt geht, womöglich die Wohnung abbrennt? Zwar gibt Airbnb dem Gastgeber eine Garantie. Die deckt Schäden bis zu 700.000 Euro. Ausgenommen sind Bargeld, Schmuck, Verluste oder Schäden durch Abnutzung sowie die persönliche Haftung. Dazu heißt es: „Die Gastgeber-Garantie ist keine Versicherung und ersetzt nicht deine Hausrat- oder Mieterversicherung.“

Auch Rita Reichard von der Verbraucherzentrale konnte meine Sorgen im Voraus nicht ausräumen: „Diese Art von Mietsachschäden sind nicht immer in einer privaten Haftpflicht mitversichert.“ Sollte meinem Gast durch irgendwelche Schäden in meiner Wohnung etwas zustoßen, kommt dafür im Zweifel also die Haftpflicht auch nicht auf. Spezielle Versicherungen für Sharing gibt es noch nicht.

So aufgeräumt, als wäre er nie da gewesen

Julien, Anfang 20, ist Medizinstudent aus Lyon. Über seiner Schulter hängt eine Kühltasche, doppelt so groß wie sein Rucksack. In einem Krankenhaus in der Nähe soll er am nächsten Tag eine Rückenmarkspende abholen. „Kann ich diese Kühlakkus in deinen Kühlschrank tun?“

Der letzte von Juliens Kühlakkus findet gerade noch im Gemüsefach Platz. Wir plaudern noch über ein Souvenir für seine Freundin, sein Studium und den kürzesten Weg zum Krankenhaus, bevor sich Julien zurückzieht. Das Zimmer verlässt er am Morgen so aufgeräumt, als wäre er nie da gewesen.

So tun es auch die vier Gäste nach ihm. Wir bewerten sie auf Airbnb positiv. Auch wir werden positiv bewertet. Nicht ohne Folgen. Wer heute auf Airbnb eine Schlafgelegenheit in Ratingen sucht, findet unsere Schlafcouch auf der ersten Seite. Für uns hat sich das Vertrauen ausgezahlt – auch finanziell. Mittlerweile haben wir den Übernachtungspreis auf 35 Euro erhöht. Es läuft so vielversprechend, dass die Frage aufkeimt: Sind das zu versteuernde Einnahmen aus einem Gewerbe?

Der Steuerberater Franz Plankermann beruhigt: Zwar sind Nebeneinkünfte bis 800 Euro von der Einkommensteuer befreit. „Aber natürlich müssen alle Einnahmen aus dem Sharing in der Steuererklärung angegeben werden“, warnt er uns.

Essen tauschen und für Fremde kochen

Doch Sharing geht auch weniger umständlich. Dann etwa, wenn es nicht so marktwirtschaftlich zugeht, beim Essen. Über foodsharing.de bieten wir nett gemeinte, aber schlecht schmeckende Geschenke kostenlos zur Abholung an – einen Schoko-Tee oder ein angebrochenes Glas Kastanienhonig.

Kaum ins Internet gestellt, erhalten wir Anfragen, aus Duisburg oder Mettmann. Unseren Kühlschrank füllen wir im Gegenzug mit Milch, Federweißer oder Salatmischungen. Einige Tauscher, die ich treffe, containern – sie holen also abgelaufene, ungeöffnete Waren aus Supermarkt-Höfen. Andere wieder sind Hartz-IV-Empfänger und tun es schlicht, um Geld zu sparen.

Bei joinmymeal.de stelle ich nicht nur Lebensmittel, sondern meine Kochkünste zur Verfügung – nach der Hobby-Hotellerie ist der Schritt in die Amateur-Gastronomie nicht mehr schwer. Auf der Karte stehen für einen Donnerstagabend vegane Rouladen mit Klößen und Rotkraut. Für eine Portion hätte ich gern drei Euro. Getränke inklusive. Sehr wenig Geld für sehr viel Aufwand. Doch bei meinem ersten Angebot möchte ich erst einmal den Markt sondieren.

Bei Sharing Economy fehlt es an der kritischen Masse

Und der ist klein. Nur Lisa meldet sich an. In ihrem Profil schreibt sie kurz und knackig: „Ich bin offen für alles.“ Dahinter ein Zwinker-Smiley. Es fühlt sich ein bisschen an wie ein Blind Date. Irgendwie ist es das auch – nur dass meine Freundin dabei ist. „Ich wollte mal ausprobieren, wie das so funktioniert“, sagt Lisa. Kochen könne sie eh nicht, da ist es umso schöner, bekocht zu werden. Und mit drei Euro ist mein Angebot zudem günstiger als jedes Restaurant.

Joinmymeal ist zugleich ein typisches Beispiel, woran es der Sharing Economy an vielen Ecken noch fehlt: an der kritischen Masse. Um bei anderen essen zu gehen, habe ich mir einen Mail-Alarm eingerichtet, der mir mitteilt, wann ich bei jemandem mit essen könnte. In zweieinhalb Monaten kam nur eine Nachricht an.

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Unbeantwortete Anfragen

Ähnlich schwierig ist es noch mit Plattformen wie WhyOwnIt, Leihdirwas.de oder frents.de, auf denen Gegenstände jeder Art getauscht werden. Die meisten meiner Anfragen für Bohrmaschinen oder Fahrräder bleiben schlicht unbeantwortet. Die anderen werden abgelehnt – ganz egal, ob diese in Ratingen oder Berlin gestellt wurden. Auch der Versuch, über eine Berliner Facebook-Gruppe einen Hund für ein paar Stunden spazieren zu führen, scheitert schon am mangelnden Vertrauen.

Selbst eine gelungene Anbahnung bedeutet nicht zwingend Erfolg: Wenige Stunden vor der vereinbarten Ausleihe der Bohrmaschine, schreibt mir der Besitzer, sie sei gerade kaputt gegangen. Als ich wenig später seinen Kärcher ausleihen will, erhalte ich gar keine Nachricht mehr.

Prognostiziertes Wachstum in der Shared Mobility

Zu teuer

Andere Gerätschaften wiederum sind für eine Tagesmiete so teuer, dass sie für mich nicht infrage kommen. Ein wackliges Billig-Stativ für meine Kamera soll 15 Euro am Tag kosten. Das Produkt hat einen Neuwert von 40 Euro. Ein gutes Geschäft für den Verleiher, ein schlechtes für den Mieter. Im gemeinschaftlichen Tausch fallen unter Umständen Profite an, die Gewerbetreibende neidisch machen.

Davon kann bei meinem Auto-Angebot nicht die Rede sein: Zwecks Markteinstieg verlange ich nur 15 Euro pro Tag, Benzin nicht inbegriffen. Viel mehr als den Verschleiß deckt das nicht. Zwar ist der Wagen für die Zeit der Vermietung über eine private Autoversicherung von Autonetzer versichert, aber nicht für unfreiwillige Verlängerungen, wie es jetzt bei mir der Fall ist.

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Stau

Ich probiere es erneut auf dem Handy. Mailbox. Leicht panisch mache mich zum vereinbarten Treffpunkt auf. Plötzlich höre ich die Stimme von Rita Reichard von der Verbraucherzentrale jetzt immer deutlicher in meinem Kopf: „Wenn jemand mit dem Auto wegfährt, kommt dafür auch keine Versicherung auf.“

Die Straßenbahnfahrt kommt mir mindestens doppelt so lang vor, wie gewöhnlich. Als ich schließlich in die Straße des Treffpunkts komme, fährt mir mein Auto entgegen. Am Steuer sitzt Johann. „Tut mir echt leid, dass es so lange gedauert hat. Wir standen im Stau“, sagt er, als er mir die Schlüssel übergibt.

Auf den ersten Blick sind keine Dellen oder Kratzer als Erinnerung an das Experiment zu erkennen. Und trotz eineinhalb Stunden Verspätung und seines ausbleibenden Anrufs – ich möchte seiner Entschuldigung glauben. Denn Vertrauen ist die Währung der Share Economy. Meinen A3 teile ich nie wieder. Über den Rest können wir reden.

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