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Selbstversuch in der Share Economy Das Leben als moderner Tauschhändler

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Unbekannte Übernachtungsgäste auf der heimischen Couch

Als einschneidender empfindet meine Freundin jedoch den Eingriff in die Privatsphäre: unbekannte Übernachtungsgäste auf der heimischen Couch. Sie lehnt es erst kategorisch ab. Schließlich einigen wir uns darauf, unsere Schlafgelegenheit für 25 Euro auf Airbnb anzubieten.

Doch Caro ist nicht die Einzige, die mitbestimmt, ob unsere Schlafcouch online gehen darf. Sowohl unser Vermieter – ist eine zeitlich begrenzte Untervermietung erlaubt? – als auch unsere Gemeinde, die Stadt Ratingen – handelt es sich möglicherweise um Hotellerie? – haben Mitspracherecht. Beide erteilen mir auf Nachfrage eine halbgare Genehmigung. „Machen Sie ruhig. Sollte es jedoch Probleme geben, tragen allein Sie die Verantwortung“, sagt mein Vermieter.

Zwei Wochen später klingelt es abends an der Tür. „Bonsoir, c’est Julien“, rauscht es aus der Gegensprechanlage. Das Bett ist frisch bezogen, die Wohnung gesaugt, und die teuersten Wertsachen sind entfernt aus dem Zimmer, das wir vermieten.

Spezielle Versicherungen für Sharing gibt es noch nicht

Trotz anfänglicher Euphorie ist mir nun mulmig zumute. Was ist, wenn etwas kaputt geht, womöglich die Wohnung abbrennt? Zwar gibt Airbnb dem Gastgeber eine Garantie. Die deckt Schäden bis zu 700.000 Euro. Ausgenommen sind Bargeld, Schmuck, Verluste oder Schäden durch Abnutzung sowie die persönliche Haftung. Dazu heißt es: „Die Gastgeber-Garantie ist keine Versicherung und ersetzt nicht deine Hausrat- oder Mieterversicherung.“

Auch Rita Reichard von der Verbraucherzentrale konnte meine Sorgen im Voraus nicht ausräumen: „Diese Art von Mietsachschäden sind nicht immer in einer privaten Haftpflicht mitversichert.“ Sollte meinem Gast durch irgendwelche Schäden in meiner Wohnung etwas zustoßen, kommt dafür im Zweifel also die Haftpflicht auch nicht auf. Spezielle Versicherungen für Sharing gibt es noch nicht.

So aufgeräumt, als wäre er nie da gewesen

Julien, Anfang 20, ist Medizinstudent aus Lyon. Über seiner Schulter hängt eine Kühltasche, doppelt so groß wie sein Rucksack. In einem Krankenhaus in der Nähe soll er am nächsten Tag eine Rückenmarkspende abholen. „Kann ich diese Kühlakkus in deinen Kühlschrank tun?“

Der letzte von Juliens Kühlakkus findet gerade noch im Gemüsefach Platz. Wir plaudern noch über ein Souvenir für seine Freundin, sein Studium und den kürzesten Weg zum Krankenhaus, bevor sich Julien zurückzieht. Das Zimmer verlässt er am Morgen so aufgeräumt, als wäre er nie da gewesen.

So tun es auch die vier Gäste nach ihm. Wir bewerten sie auf Airbnb positiv. Auch wir werden positiv bewertet. Nicht ohne Folgen. Wer heute auf Airbnb eine Schlafgelegenheit in Ratingen sucht, findet unsere Schlafcouch auf der ersten Seite. Für uns hat sich das Vertrauen ausgezahlt – auch finanziell. Mittlerweile haben wir den Übernachtungspreis auf 35 Euro erhöht. Es läuft so vielversprechend, dass die Frage aufkeimt: Sind das zu versteuernde Einnahmen aus einem Gewerbe?

Der Steuerberater Franz Plankermann beruhigt: Zwar sind Nebeneinkünfte bis 800 Euro von der Einkommensteuer befreit. „Aber natürlich müssen alle Einnahmen aus dem Sharing in der Steuererklärung angegeben werden“, warnt er uns.

Essen tauschen und für Fremde kochen

Doch Sharing geht auch weniger umständlich. Dann etwa, wenn es nicht so marktwirtschaftlich zugeht, beim Essen. Über foodsharing.de bieten wir nett gemeinte, aber schlecht schmeckende Geschenke kostenlos zur Abholung an – einen Schoko-Tee oder ein angebrochenes Glas Kastanienhonig.

Kaum ins Internet gestellt, erhalten wir Anfragen, aus Duisburg oder Mettmann. Unseren Kühlschrank füllen wir im Gegenzug mit Milch, Federweißer oder Salatmischungen. Einige Tauscher, die ich treffe, containern – sie holen also abgelaufene, ungeöffnete Waren aus Supermarkt-Höfen. Andere wieder sind Hartz-IV-Empfänger und tun es schlicht, um Geld zu sparen.

Bei joinmymeal.de stelle ich nicht nur Lebensmittel, sondern meine Kochkünste zur Verfügung – nach der Hobby-Hotellerie ist der Schritt in die Amateur-Gastronomie nicht mehr schwer. Auf der Karte stehen für einen Donnerstagabend vegane Rouladen mit Klößen und Rotkraut. Für eine Portion hätte ich gern drei Euro. Getränke inklusive. Sehr wenig Geld für sehr viel Aufwand. Doch bei meinem ersten Angebot möchte ich erst einmal den Markt sondieren.

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