Sinnvolles Einschlaf-Ritual Ein Drittel aller Eltern liest Kindern kaum vor

Vorlesezeit ist für Kita- und Grundschulkinder nicht nur wegen der schönen Geschichten spannend. Oft geht es um viel mehr - doch längst nicht alle Eltern wissen und nutzen das.

Das sind die zehn beliebtesten Bücher auf Facebook
Platz 10: Die Chroniken von Narnia (Clive Staples Lewis)Bereits über 100 Millionen Mal griffen Menschen zu den zwischen 1939 und 1954 veröffentlichten Fantasyromanen der siebenteiligen "Chroniken von Narnia". Die Abenteuer verschiedener Kinder und Erwachsener in der fiktiven Welt Narnia wurden bislang in 47 Sprachen übersetzt. Quelle: dpa
Platz 9: Der Fänger im Roggen (J.D. Salinger)Schon zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung des "Fängers im Roggen" galt der Roman in den USA als "moderner Klassiker". Er erzählt die Geschichte des Schülers Holden Caulfield, der nach Problemen in der Schule von Zuhause wegrennt und drei Tage durch Manhattan irrt. Heute verkauft sich die Pflichtlektüre an zahlreichen US-Schulen jährlich etwa 250.000 Mal. Insgesamt ging Salingers Werk über 65 Millionen Mal über die Ladentheke. Quelle: AP
Platz 8: Die Tribute von Panem (Suzanne Collins)Die düstere Zukunftsvision  von Autorin Suzanne Collins ist ein Kassenschlager: Seitdem 2008 der erste Teil der Trilogie veröffentlicht wurde, haben sich ihre Bücher allein in den USA 65 Millionen Mal verkauft. Insgesamt wurden die "Tribute von Panem" in 51 Sprachen übersetzt. Bei diesem Erfolg griff Hollywood zu und verfilmte die Reihe. Im November wird der erste Teil der Filmversion des dritten Buches "Flammender Zorn" in den USA veröffentlicht, der zweite folgt ein Jahr später. Quelle: dapd
Platz 7: Per Anhalter durch die Galaxis (Douglas Adams)Obwohl offiziell eine Trilogie, schrieb Douglas Adams zwischen 1979 und 1992 vier Teile von "Per Anhalter durch die Galaxis". Der Erfolg der Reihe, die sich rund um die „Ultimative Frage des Lebens, des Universums und dem ganzen Rest“ dreht, motivierte Hollywood, 1981 eine Fernsehserie und 2005 einen Kinofilm herauszubringen. 2009 erschien mit Erlaubnis von Adams' Witwe die Fortsetzung "Und übrigens noch was..." von Eoin Colfer. Quelle: dpa
Platz 6: Die BibelDas schafft kein einzelnes Buch: Die jährliche Auflage der Bibel beträgt 29 Millionen, sie wurde komplett in 511 Sprachen übersetzt und zumindest teilweise in 2.650 Sprachen. Quelle: dpa
Platz 5: Stolz und Vorurteil (Jane Austen)In einer Umfrage der BBC erklärten die Briten "Stolz und Vorteil" zum beliebtesten Buch des vereinigten Königreichs. Der 1813 erstmals erschienene Liebes- und Gesellschaftsroman verkaufte sich weltweit bereits etwa 20 Millionen Mal und wurde zehn Mal verfilmt - zuletzt 2005 mit Keira Knightley. Quelle: AP
Platz 4: Der Hobbit (J.R.R. Tolkien)1937 veröffentlichte J.R.R. Tolkien erstmals die Vorgeschichte zur "Herr der Ringe"-Trilogie, die nach den Verfilmungen durch Regisseur Peter Jackson in den vergangenen Jahren hohe Popularität erlangte. Quelle: AP
Platz 3: Der Herr der Ringe (J.R.R. Tolkien)Noch erfolgreicher als "Der Hobbit" war die Trilogie, die J.R.R. Tolkien 20 Jahre später veröffentlicht hat. Die Klassiker der Fantasy-Literatur gingen seit dem 150 Millionen Mal über die Ladentheke. Nicht minder erfolgreich ist die Filmreihe von Regisseur Peter Jackson, die zwischen 2001 und 2003 ganze 17 Oscars abstaubte. Quelle: REUTERS
Platz 2: Wer die Nachtigall stört (Harper Lee)So umstritten das Buch in den USA ist, so beliebt ist es bei Facebook. Der Roman über Rassismus im US-Bundesstaat Alabama in den 1930er Jahren befand sich von 1990 bis 1999 regelmäßig unter den Top 10 der Bücher, die am häufigsten aus dem Unterricht verbannt wurden. Politisch konservative Kreise stört das schlechte Bild der amerikanischen Gesellschaft und liberale Kreise verurteilen es für seine politisch inkorrekten Sprache wegen Ausdrücken, wie "Nigger". Angesichts der Beliebtheit bei Facebook lässt sich sagen: Auch schlechte PR ist gute PR. Quelle: AP
Platz 1: Harry Potter (Joanne K. Rowling)Niemand ist bei Facebook-Nutzern so beliebt wie die Harry-Potter-Reihe. Allein bis 2008 haben sich die sieben Bücher und ihre drei Ableger über 400 Millionen Mal verkauft. Ähnlich ist der Erfolg an der Kinokasse: Mit 1,3 Milliarden US-Dollar bis September 2014 ist die zweite Verfilmung des siebten Buches, "Die Heiligtümer des Todes", der weltweit vierterfolgreichste Film aller Zeiten. Quelle: dapd

„Es war einmal...“ ist alles andere als ein alter Hut. Wenn Mütter oder Väter ihren Kindern Märchen und andere Geschichten vorlesen, geht es um weit mehr als ein Einschlaf-Ritual.

Das belegt die jüngste repräsentative Vorlesestudie der Stiftung Lesen, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Sie zeigt, wie der Zusammenhalt einer Familie durch Vorlesen wachsen kann. Denn durch eine Geschichte in Kuschel-Atmosphäre können Gespräche entstehen, die Eltern viel über ihr Kind verraten - von Wünschen bis Ängsten. Und viele Kinder genießen die ungestörte Nähe von Mama oder Papa fast so sehr wie die Gute-Nacht-Geschichte selbst.

Ein Drittel der Eltern liest seinen Kindern nicht regelmäßig vor

Umzüge, Trennungen, Tod der Großeltern, wachsender Alltagsstress, Kita, Schule und neue Medien: Eine Kindheit in Deutschland kann ganz schön anstrengend sein. Vorlesen heißt da oft: Innehalten und den Luxus ungeteilter Aufmerksamkeit genießen - oft bei Kindern und Eltern gleichermaßen, heißt es in der Studie.

Doch nur etwa zwei Drittel der Familien in Deutschland gönnen sich diese regelmäßige Auszeit. Ein Drittel aller Eltern liest Kindern selten oder gar nicht vor. Ein Fünftel der Eltern lesen Kindern zwischen zwei und acht Jahren selten vor, elf Prozent verzichten trotz vieler Appelle ganz. Das sei aus vielen Gründen bedauerlich, sagen Experten.

Vorlesetipps

„Es geht ja nicht allein um die Entwicklung von Sprachvermögen, einen größeren Wortschatz oder Ausdrucksvermögen“, sagt Simone Ehmig, Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen. Kinder erführen durch Geschichten auch Dinge, die über ihre eigene Erlebniswelt hinausgingen.

Das erweitere den Horizont, fördere Fantasie und Empathie. Belegt sei, dass Kinder mit Vorlese-Erfahrung ganz unabhängig vom Bildungsniveau ihrer Eltern später bessere Schulnoten bekämen - und das nicht nur in Deutsch.

Vorlesen stärkt die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern

Für die neue Studie wollten die Forscher aber auch wissen, was Vorlesen für die Kommunikation und Bindung zwischen Eltern und Kindern bedeutet. Herausgekommen ist vor allen eines: mehr als gedacht.

Denn in vielen Familien geht es nicht allein um die Geschichten. Sie sind oft der Anknüpfungspunkt dafür, über den Alltag zu reden, über das Miteinander, Regeln, Werte, Ärger, Freude oder über den Ausflug am Wochenende. „Beim Vorlesen können wir häufig auch Themen ansprechen, für die in unserem Alltag kein Platz ist“, hat mehr als die Hälfte der Eltern in der Umfrage geantwortet.

Manchmal greifen sie auch bewusst zum Buch, um ein Thema anzugehen. Tod und Trauer, zum Beispiel. Sehr beliebt: „Die Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren.

Und wer liest vor? „Vor allem Erwachsene, die selbst viel und gerne lesen und dies als Genuss auch Kindern vermitteln wollen“, sagt Petra Wieler, Professorin für Grundschulpädagogik an der Freien Universität Berlin. Es müssen nicht allein die Eltern oder Großeltern sein, in Berlin gibt es zum Beispiel auch Lesepaten an Schulen.

Was gelesen wird, ist egal

Wieler ist viel in Grundschulen im Berliner Multikulti-Stadtteil Kreuzberg unterwegs. Dort hat sie beobachtet, wie sehr gerade auch mehrsprachige Kinder vom Umgang mit Bilderbüchern profitieren: Sie erkennen die Strukturen von Geschichten leichter, sie können sie besser nacherzählen, auch schriftlich formulieren und zugleich fantasievoll ausgestalten. Kinder mit Vorlese-Erfahrung könnten sich auch die Unterschiede zwischen Realität und Fiktion leichter erschließen, berichtet die Forscherin.

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Auch Wieler betont, wie wichtig das Gespräch beim Vorlesen ist. „Das fängt schon beim Frage-Antwort-Spiel zu allerersten Bilderbüchern an“, sagt sie - mit der simplen Frage: „Was ist das?“

Wenn ein Kleinkind dann etwa „Ball“ antworte, sei bereits dies eine große Leistung. Denn das Wiedererkennen und Benennen einer Abbildung fordere das Gehirn in diesem Alter enorm. „Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob wir Vorlesen verordnen sollten“, sagt die Professorin.

Türkische Familien pflegten zum Beispiel häufig die Tradition des Geschichtenerzählens. Wichtig sei, dass diese Zeit füreinander in den Alltag einer Familie fest eingebettet sei, ergänzt die Wissenschaftlerin.

Ob Erzählung, klassisches Kinderbuch, Tablet oder Computeranimation an Anregung - das ist für die Forscher dabei gar nicht entscheidend.

Aber es bleiben Unterschiede: Vorlese-Kinder lesen später oft selbst viel und gern, nutzen aber auch alle andere Medien. Kinder, die ohne Ansprechpartner allein vor dem Fernseher geparkt werden, greifen dagegen seltener zum Buch - und geben das gute Vorlese-Gefühl oft auch nicht an die nächste Generation weiter.

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