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So wird 2016 "Das Schlaraffenland ist bald abgebrannt"

Der Zukunftsforscher Horst Opaschowski erklärt, wie die junge Krisengeneration mit der wachsenden Ungewissheit umgeht und verrät seinen Tipp für das Unwort des Jahres.

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Horst Opaschowski Quelle: PR

2015 war ein ziemliches Katastrophenjahr mit Terroranschlägen, Millionen Menschen auf der Flucht und der Angst vor einer Rückkehr des kalten Kriegs. Geht das 2016 so weiter?

Die „3K“, Kriege, Krisen und Katastrophen, werden im Jahr 2016 weltweit die Hauptsorge der Menschen sein. Deutschland in der Mitte Europas bleibt davon nicht verschont. Die Krisen werden immer globaler. Es gibt keine Insel der Seligen mehr.

Zur Person

Wie reagieren die Deutschen auf die Dauerkrisen?

Krisen sind ja nicht neu, wohl aber das Ausmaß, die Intensität und die Dauer von Krisen, die in immer kürzeren Abständen auftreten und in ihren Auswirkungen extremer und bedrohlicher werden. Dies ist der Nährboden für wachsende Zukunftsängste, weil alles in Bewegung ist – das Geld, die Güter, die Märkte und die Menschen auch. Wir müssen uns verabschieden von der Illusion einer Gesellschaft der Sicherheiten, Absicherungen und Versicherungen.

Einige Katastrophen und Skandale trafen Aushängeschilder der deutschen Wirtschaft, etwa der Lufthansa-Germanwings-Absturz, der VW-Skandal oder die Qualitätsprobleme beim neuen Bundeswehr-Gewehr. Gehen die Deutschen mit eingeschränktem Selbstwertgefühl ins Neue Jahr?

Das Selbstwertgefühl der Bevölkerung ist nicht erschüttert, wohl aber das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Versprechungen von Politik und Wirtschaft. Ein Verfall moralischer Grundsätze zeichnet sich ab. Mit den Skandalen vom Autobauer VW bis zum Fußballverband DFB stellt sich die Frage nach Fairness, Anstand und Ehrlichkeit neu. Wer kann wem noch trauen? Gibt es keinen Ehrenkodex für Manager mehr? Es ist kein Zufall, dass derzeit „Ehrlichkeit“ sowie „Anstand und richtiges Benehmen“ die Wertehierarchie der Deutschen anführen. Konvention ist wieder mehr gefragt als Emanzipation.

Zehn provokante Thesen für 2016
Saxo-Bank-Gebäude Quelle: Presse
Euromünze und Dollarschein Quelle: AP
Moskau Quelle: dpa-tmn
Smartphone Quelle: REUTERS
Maskottchen für die olympischen Sommerspiele in Brasilien Quelle: dpa
Hillary Clinton Quelle: REUTERS
Tankstelle Quelle: AP

Woraus ziehen wir künftig unser Sicherheits- und Selbstwertgefühl? Oder müssen wir einfach lernen, mit Unsicherheit zu leben?

Leben in einer Welt, die immer unsicherer und unzuverlässiger wird, zwingt zum Um- und Neudenken: Nicht resignativ, sondern offensiv, ja positiv lernen viele Menschen, dem Zukunftsgewissheitsschwund zu begegnen, um krisenresistenter zu werden. Die Millennials, die Generation der um das Jahr 2000 Geborenen, leisten derzeit geradezu Pionierarbeit. Die Jugendlichen bezeichnen sich selbst als „Generation Krise“ und wollen dennoch das Beste aus ihrem Leben machen. Sie sind geradezu zukunftsoptimistisch eingestellt.

Bietet eine krisenreiche Zeit wie diese eigentlich auch Chancen für die Zukunft?

Für die Chinesen gibt es für die beiden Wörter Krise und Chance nur ein Schriftzeichen...

…Sie meinen das chinesische Wort für Krise (weiji), welches die beiden gegensätzlichen Begriffe von Gefahr (weixian) und Chance (jihui) vereint?

Die Deutschen sehen darin ebenfalls zwei Seiten einer Medaille und verhalten sich auch so: Stolpern. Aufstehen. Weitermachen. Krisen machen stärker und selbstbewusster. Bisher hatte jedes Jahrzehnt „seine“ Krise – von der Kubakrise 1962, der Öl-Energiekrise 1972, Tschernobyl 1986 über den Golfkrieg 1991 bis zum 11. September 2001. Seither leben wir in einer Ära der Dauerkrise. Und ein Ende der Terrorattacken und Umweltbedrohungen ist noch lange nicht absehbar.

Sie haben im vergangenen Jahr den Begriff von der Wohlstandswende geprägt. Worauf müssen wir uns dabei einstellen?

Seien wir ehrlich: Das Schlaraffenland ist bald abgebrannt. Noch geht es uns mehrheitlich gut. Aber die Wohlstandswende steht unmittelbar bevor. Meine Prognose von 2014 „Von der Bestzeit über die Wohlstandswende bis zur neuen Bescheidenheit ist vielleicht nur ein Schritt“ behält ihre Gültigkeit.

"Das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit muss neu bestimmt werden"

Die Schwellenländer schwächeln. Woher kommen neue Impulse für die Weltwirtschaft? Aus der Digitalisierung?

Die digitale Revolution hat doch längst begonnen: Fahrerloses Auto, Internetzugang in der Brille, Mikrochips in unserer Kleidung. Aber die Weltwirtschaft braucht nicht nur neue Technologien, sondern auch neue Sicherheiten. Das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit muss neu bestimmt werden, der Paradigmenwechsel vom „Immer mehr“ zum „Immer besser“ auch. Und schließlich muss über die Risiken der wachsenden Kluft zwischen Industrie- und Schwellenländern neu nachgedacht werden, wenn die Ungleichheit nicht zum Pulverfass werden soll. Sozialer Fortschritt wird wichtiger als Wachstum um jeden Preis. Sonst droht Atemnot wie beim Smog in China.

Sind umstrittene Technologien wie Genmanipulation, Nanotechnologie oder Biotechnik der Schlüssel zur Zukunft oder schaffen sie neue Probleme?

Wir wollen doch keine Maschinenstürmer sein. Andererseits weist der Nationale Wohlstands-Index für Deutschland des Ipsos-Instituts (NAWI-D) darauf hin, dass technologische Innovationen keinen Selbstzweck haben. Sie sind nur dann ein Schlüssel zur Zukunft, wenn sie uns dazu verhelfen, besser zu leben. Es geht um die Förderung des persönlichen und sozialen Wohlergehens und nicht nur um Geld und Güter wie beim Bruttoinlandsprodukt.

Was hat das Wirtschaftsjahr 2015 gebracht?
15. Januar Quelle: dpa
22. Januar Quelle: dpa
20. Februar Quelle: dpa
5. März Quelle: dpa
6. März Quelle: dpa
18. März Quelle: dpa
1. April Quelle: dpa

Den Deutschen wird oft nachgesagt, ein innovationsfeindliches Volk zu sein. Stimmt das – und berauben sie sich dadurch ihrer Zukunftschancen?

Nein, das sehe ich nicht so. Die Nachkriegsgeschichte Deutschlands ist doch eine Geschichte der Innovation – politisch, ökonomisch und sozial. Das Wirtschaftswunder, die Wohlstandsgesellschaft und der Titel des Exportweltmeisters und sind doch nicht einfach vom Himmel gefallen. Nach wie vor wollen wir im Wettbewerb der Erste oder Beste sein. Wohl haben wir uns mancher Zukunftschance beraubt, weil wir aus der Innovation keine Investition folgen ließen. Eigentlich müssten wir schon längst ein Fortschrittsland der Magnetschwebebahnen und Elektromobile sein. Mehr Pioniergeist täte uns gut, mehr Mut zu Visionen auch. Unsere Zukunft besteht schließlich nicht nur aus Armut, Arbeitslosigkeit und sozialer Ausgrenzung, sondern auch aus Hoffnung und Fortschritt, Arbeit, Technik und Bildung. Nicht zufällig haben „Wagnis“ und „Weg“ im Deutschen die gleiche Wortwurzel. Die Sorge vor einer ungewissen Zukunft mag groß sein, die Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft aber ist größer und stärker.

Was wird die wichtigste weltpolitische Weichenstellung für die Zukunft sein? War das der Klimagipfel im Dezember in Paris?

Trends



Die Welt wandert und wächst, während Deutschland altert und schrumpft. Das sind global und national die größten Herausforderungen der Zukunft. Wir müssen die Weichen heute so stellen, dass die Welt nicht aus den Fugen gerät, und es in Deutschland demografisch nicht bergab geht. Das ist eine Herkulesaufgabe. Der Klimawandel ist nur ein Teil davon.

Wie immer die Schlussfrage: Wie lautet Ihr Tipp für das Unwort des Jahres?

„Wirtschaftsflüchtling“ und „Obergrenze“ sind für mich die Unwörter des Jahres 2015, weil diese Begriffe Menschen herabsetzen, die wegen existenzieller Not ihre Heimat verlassen müssen.

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