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Social Games Karriere in der Kaffeepause

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Gewiss, das Ganze erinnert ein wenig an Second Life. 2007 wurde das US-Unternehmen Linden Lab für seine virtuelle Zweitwelt gefeiert, der Cyber-Wohnsitz für Alter Ego als Milliardenmarkt hochgejubelt. Abgehoben hat der Laden trotzdem nie. Ein Jahr später verzeichnete Second Life gerade einmal eine Million aktive Nutzer – nichts im Vergleich zu den heutigen Simulationen, die vom Facebook-Boom enorm profitieren.

Und noch etwas ist heute anders: Statt die künstliche Realität optisch opulent abzubilden, konzentrieren sich die Entwickler auf das Suchtpotenzial ihrer Spiele.

Alle paar Minuten ein Erfolgserlebnis – mit diesem Rezept sollen die Spieler bei Laune gehalten und aus dem flotten Zeitvertreib ein lukratives Geschäftsmodell werden. Die meisten Social Games lassen sich nebenbei spielen, machen wenig Mühe und erfordern anfangs nur wenig Konzentration. So bleiben die Spieler den ganzen Tag über online, ohne es zu merken.

Um bei Fliplife mitzumischen, reicht es schon, sich über seinen Facebook-Account zu registrieren. Danach erstellt jeder neue Spieler einen virtuellen Alias von sich, einen sogenannten Avatar, und startet mit seinem Kunst-Ich eine zweite Laufbahn – ob als Drogenkurier, als Nachwuchswissenschaftler oder klassisch von unten: als Tellerwäscher.

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    „Wir versuchen das echte Leben nachzubilden, in allen denkbaren Facetten“, sagt Evsan. Doch das stimmt nicht ganz. Künftig soll der Wechsel auch in der Gegenrichtung stattfinden: Fliplife ist nicht nur ein soziales Spiel, es ist ein virtuelles Assessment Center. Und immer mehr Unternehmen wollen das nutzen.

    Beispiel Bayer. Wer seine Laufbahn in der digitalen Zweigstelle des Pharmakonzern beginnt, muss erst einmal im Rechenzentrum kaputte Server finden. „Wir vermuten, dass sich ein Kabel gelöst hat. Da aber auch die automatische Ortung den Geist aufgegeben hat, wirst du dich auf allen Vieren auf die Suche nach dem Server machen müssen. Hier hast du eine Taschenlampe und Kniepolster – viel Glück!“, lautet die knappe Anweisung der Online-Chefin.

    Immerhin: Spieler müssen den Kriechjob nicht selbst mit diversen Mausklicks ausüben, das übernimmt die Software. Es reicht schon, das Projekt anzunehmen. Danach rackert sich der Avatar minutenlang ab, während man selbst nebenbei seiner realen Beschäftigung nachgehen oder einen Kaffee trinken kann – bis das erste virtuelle Gehalt verdient ist.

    Post vom Personaler

    Mit steigendem Level werden die Projekte jedoch komplexer. Die Spieler müssen Teams bilden, um ihre Aufgaben zu absolvieren, dringen dabei tiefer in die Strukturen der künstlichen Unternehmen vor und beschäftigen sich intensiver mit deren realen Berufsbildern.

    Und genau das sollen sie. Denn wer die Aufgaben binnen kürzester Zeit mit Bravour besteht, könnte bald schon Post von der Personalabteilung bekommen – samt des Angebots, sich etwa für ein Praktikum zu bewerben.

    „Wir wollen unsere Zielgruppen auch über Social Gaming ansprechen“, sagt Bernd Schmitz, Leiter des Hochschulmarketings bei Bayer. Fliplife sei Neuland und als Ergänzung zu den bisherigen Personalmarketingstrategien des Pharmakonzerns gedacht – natürlich mit möglichst „positiven Effekten“.

    So sei dort auch schon ein Quiz mit Wissensfragen rund um den Konzern geplant. Außerdem sollen Kennenlerngespräche für Top-Spieler arrangiert werden. „Ein paar Tage müssen die aber schon spielen, bis so eine Einladung kommt“, relativiert Entwickler Evsan.

    Virtuelle Mitarbeiter

    Spätestens ab Level zehn soll deutlich werden, dass es hierbei um mehr geht als eine bunte Heile-Welt-Simulation. So tauchen dann zum Beispiel auch „Sonderprojekte“ auf, hinter denen sich durchaus reale Mikrojobs verbergen können. Etwa Texte übersetzen oder einer Liste von Lieferantenadressen Geo-Codes zuweisen.

    Im Gegenzug erhalten die Spieler nicht nur Bonuspunkte, die sich in der Kunstwelt in digitalen Schnickschnack umwandeln lassen. Je nach Performance winken eben auch Jobangebote.

    Die Fliplife-Macher verdienen derweil an den virtuellen Mitarbeitern mit: Für jeden aktiven Spieler in ihren Online-Filialen bezahlen die Unternehmen Geld.

    Und das gerne. Anfang März soll die digitale Niederlassung von Siemens auf Fliplife eröffnen. Weitere zehn deutsche Konzerne stehen mit den Kölnern bereits in Verhandlung.

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