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Stimmtrainerin „Zuhörer schalten ab, wenn es anstrengend wird“

Kommunikation im Job: So nutzen Sie Ihre Stimme richtig Quelle: Getty Images

Ein Kollege versteht Sie ständig falsch? Bei Ihrer Präsentation hört fast niemand richtig zu? Kommunikationscoach Nina Höllinger erklärt, wie Sie Ihre Stimme im Berufsalltag so nutzen, dass Ihre Botschaft hängen bleibt.

WirtschaftsWoche Online: Wie wichtig ist unsere Stimme im Job-Alltag?
Nina Höllinger: Immer mehr Meetings finden online statt. Häufig telefonieren die Teilnehmer ohne Kamera miteinander. Dann muss die Stimme all das ausdrücken, was sonst Stimme, Mimik und Körpersprache zusammen sagen. Dazu gehören die Stimmung, Ironie und wie wichtig das Gesagte ist.

Beim Sprechtraining lernen Teilnehmer, alle Buchstaben korrekt auszusprechen. Ist das am wichtigsten?
Ich finde Authentizität viel wichtiger als Perfektion. Man sollte kein perfekter Roboter werden, der die Sprache perfekt sprechen kann.

Sondern?
Das wichtigste ist, dass andere Ihr Gesagtes so verstehen, wie Sie es meinen. Wenn Sie deutlich, aber viel zu schnell sprechen, kann der Gegenüber nicht mehr filtern, was wichtig ist. Wenn Sie an den wichtigsten Stellen etwas langsamer reden, merkt er: das ist wichtig. Nuscheln sollten Sie natürlich trotzdem nicht.

Nina-Nike Höllinger berät Unternehmen in allen kommunikativen Bereichen. Die Unternehmerin studierte Kommunikationswissenschaften, war Redakteurin und Sprecherin im ORF und Lektorin an der Karl-Franzens-Universität Graz. www.ninahoellinger.atFoto: Karin Bergmann Quelle: PR

Wie kann man seine eigenen Sprech-Marotten erkennen?
Nehmen Sie sich selbst vor einer wichtigen Präsentation mit dem Smartphone auf. Sprechen Sie Ihre Präsentation laut durch, als säße Ihr Publikum vor Ihnen. Hören Sie sich die Aufnahme hinterher in Ruhe an. So können Sie kontrollieren, ob Sie einen roten Faden in ihrer Präsentation haben, ob sie schlüssig ist und wie lange sie dauert. Außerdem werden Sie hören, ob Sie „Lieblingswörter“ verwenden, wie zum Beispiel: warum, beispielsweise, wir gehen zum nächsten Punkt und so weiter.

Das sind aber keine schönen Lieblingswörter.
Die meisten dieser Wörter sind nur Füllwörter und tragen kaum etwas zum Inhalt bei. Hören Sie sich die Aufnahme an und überlegen, welche Wörter überflüssig sind, über welche Sie beim Sprechen stolpern und ob Ihr roter Faden schlüssig ist. Dann nehmen Sie das Ganze noch einmal auf.

Wenn die perfekte Präsentation steht, muss der Text noch in den Kopf.
Das ist nicht schwer. Hören Sie sich die beste Ihrer Aufnahmen mehrmals an. Das ist, als würden Sie einen Lieblingssong hören. Sie werden sich den Text durchs Hören einprägen und zwar nicht nur den Inhalt sondern auch die Intonation, das heißt wie Sie den Inhalt richtig betonen.

Und wenn man sich kurz vor Ende der Aufnahme verhaspelt?
Dann macht das auch nichts. Das hilft uns bei der richtigen Performance der Präsentation an dieser besagten Stelle noch aufmerksamer zu sein, damit es nicht live passiert.

Wie kann der Sprecher verhindern, dass jeder nur das hört, was er hören will?
Menschen schalten dann ab, wenn es ihnen zu anstrengend oder zu langweilig wird, zuzuhören. Das kann sein, weil der Sprechende zu laut, zu schnell oder zu leise spricht. Gezieltes Sprechtraining kann helfen.

Was ist Ihr Geheimtipp, um Menschen zum Zuhören zu bewegen?
Das wirkungsvollste Stilmittel ist, nichts zu sagen. Wenn ich eine kurze Pause von ein bis zwei Sekunden mache, gebe ich dem, was ich davor gesagt habe, am meisten Nachdruck. So bleibt genau das beim Zuhörer hängen, was am wichtigsten ist.

Angenommen, der perfekte Inhalt steht. Was hilft gegen die Nervosität vor dem Vortrag?
Schnauben Sie vor dem Vortrag aus wie ein Pferd. Pusten Sie also durch die Lippen und atmen Sie so lange aus wie möglich. Das machen Moderatoren oft, um die Lippen zu entspannen. Intensives Gähnen und Strecken hilft, den Kiefer und das Gesicht zu entspannen.

Im Laufe des Meetings verfliegt die Entspannung häufig.
Viele von uns neigen dazu, in Stresssituationen mehr Luft ein- als auszuatmen. Die Folge ist paradoxerweise, dass wir keine Luft mehr zum Sprechen haben. Diese Übung kann helfen, die Atmung zu normalisieren: Atmen Sie dazu rasch und ruckweise durch die Nase ein, bis Ihre Lunge gänzlich mit Luft gefüllt ist – halten Sie die Luft kurz an – atmen Sie anschließend wieder ruhig durch den Mund aus. Wiederholen Sie diese Übung mehrmals bis sich ein Gefühl der Ruhe einstellt und Sie wieder natürlich atmen können. Dies ist eine sehr unauffällige Übung, die Sie auch in Meetings unmittelbar vor Ihrem Präsentationsstart machen können.

Wie wirkt sich die Körperhaltung auf die Stimme aus?
Wenn Sie sich hängen lassen, wird Ihre Stimme nicht souverän und stark sein. Je aufrechter ihre Position, umso stärker klingt Ihre Stimme. Wichtig: Schultern nie in Richtung Ohren ziehen! Das verspannt und Sie können nicht mehr frei sprechen.

Wie kann ich mich auf einen englischsprachigen Vortrag vorbereiten?
Hören Sie sich englischsprachige Radionachrichten an und achten Sie darauf, wie die Moderatoren sprechen, wo sie Pausen machen und wie die Beiträge aufgebaut sind.

Und wenn die Leute trotz aller Sprachkünste nicht zuhören?
Dann ist entweder der Inhalt langweilig oder die Präsentation nicht schlüssig aufgebaut. Da hilft dann auch die schönste Betonung nicht weiter.

Einige Menschen sprechen ständig zu hoch, quietschig oder stottern. Müssen sie damit leben?
Ein professionelles Sprechtraining oder Logopädie können helfen. Hilft beides nicht, sollten Betroffene zum Psychologen gehen. Sprechstörungen können nämlich auch psychosomatische Ursachen haben.

Wem würden Sie immer zuhören?
Barack Obama – ihm würde ich für Inhalt und Betonung eine glatte Eins geben.

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