Stoische Philosophie als Lebenshilfe Standhalten, ruhig bleiben, Charakter zeigen

Stoische Philosophie war in der Antike eine Anleitung zur Lebensbewältigung in einer unruhigen Welt. Kein Wunder, dass Senecas Lehre der Gelassenheit und inneren Ruhe auch heute höchst aktuell ist.

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Es ist so leicht, sich über die Stoiker, diese Virtuosen der Seelenruhe, der heroischen Selbstgenügsamkeit, lustig zu machen. Erst recht über ihren führenden Kopf, den Philosophen, Politiker und Geschäftsmann Seneca, der gewaltige Reichtümer anhäufte und zugleich die Geringschätzung irdischer Güter empfahl, die Einübung in Armut und Not. Generationen von Lateinschülern haben den römischen Moralisten verlacht: Seneca galt ihnen als Inkarnation der Heuchelei, weshalb sie es lieber mit seinem griechischen Gegenspieler Epikur hielten, den Lehrer im Garten der wohlkalkulierten Lüste.

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Jüngst noch hat der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère in seinem Riesenessay „Das Reich Gottes“ den in seinen Widersprüchen allzu menschlichen Chefstoiker mit mildem Spott bedacht – um ihn sodann zu rühmen: Nachdem er jeden Tag in seinem Pariser Lieblingscafé einen oder zwei der „Briefe an Lucilius“ gelesen habe, wisse er, dass Seneca ein großartiger Autor sei. Ein „beständig achtsamer“, selbstkritischer Freund der Weisheit, der noch in den Widrigkeiten des Lebens den Sinn des Weltganzen entdeckt. In langen, kreisenden Meditationen über den Beruf des Lebens spreche hier nicht der Sittenprediger, sondern der weltkluge, philosophierende Arzt, der sich selber als Kranker outet, ein „Bettnachbar im selben Spitalzimmer“, wie sein Gesprächspartner, dem er seine „Heilmittel weiterreicht“: keine spekulativen Abhandlungen, sondern praktische Arzneien, die der „Sorge um das Selbst“ gelten, seiner inneren Souveränität, seiner Unangreifbar- und Unerreichbarkeit, die ihm Garanten eines in Gelassenheit gelebten Lebens sind.

Denn darum geht es Seneca: Um alltagstaugliche Handreichungen zur Lebensbewältigung, um Anweisungen zum Glücklichsein, kurz: um ein Stück Lebenshilfe. Oder wie Seneca im 15. Brief an Lucilius schreibt: „Nicht auf Worten beruht die Philosophie, sondern auf Handlungen“, sie „zeigt, was man tun und lassen muss“.

Kein Wunder, dass nicht nur die Ratgeberliteratur auf die Stoiker abonniert ist, sondern auch amerikanische Autoren den Stoizismus wiederentdecken, als betont antiakademische Anleitung zum gelingenden Leben: So zitiert etwa der Publizist Timothy Ferriss, Autor des Bestsellers „Die Vier-Stunden-Woche“ und antikenfreundlicher Propagandist erfüllter, tätiger Muße, Senecas Schrift „Von der Kürze des Lebens“ als Lehrstück im vernünftigen, haushälterischen Umgang mit der Zeit: „Wir haben nicht zu wenig Zeit, aber wir verschwenden zu viel davon.“ Und der 29-jährige Unternehmensberater und Schriftsteller Ryan Holiday wirbt in seinem Buch „The Obstacle is the Way“ für die Schriften Marc Aurels als Gebrauchsanweisungen im Kampf um geschäftlichen Erfolg, als Schule der inneren Stärke, die dem Einzelnen hilft, auch in „worst-case-scenarios“ standzuhalten: „Unglück mutig zu ertragen ist Glück.“

Seneca und Marc Aurel als Lebensführer und Ruhepol in einer unruhigen, unberechenbar gewordenen Welt? Die Stoa als Durchhalte- und Trost-Philosophie? Als Kompass in stürmischen, von Katastrophen heimgesuchten Zeiten? Tatsächlich war sie das von Anfang an, seit dem 3. Jahrhundert vor Christus: Eine Krisen-Philosophie, die, so der in Witten-Herdecke lehrende Philosoph Jürgen Werner, auf den Zerfall der griechischen Stadtstaaten, auf den „dramatischen Verlust kultureller Selbstverständlichkeiten, auf die Erosion politisch-ökonomischer Erfolgsmodelle“ reagiert. Und zwar mit möglichst „einfachen Antworten“, die „dem Bedürfnis nach tragfähigen Gewissheiten“ entgegenkommen: So findet der Einzelne sein Glück nicht mehr auf dem Boden der Polis, sondern im ruhigen, reflektierten Bei-sich-Sein, im Einklang mit sich und der Welt, mit der vernünftig geordneten Natur.

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