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Tauchsieder

Halt die Klappe, Goethe!

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Diderot lehrt mehr

Was wirklich hinter Lernmythen steckt
Bloß nicht mit den Fingern rechnen Quelle: Fotolia
Eine Lehrerin schreibt mit Kreide an die Tafel Quelle: dpa
Schüler mit dem Smartphone auf dem Schulhof Quelle: dpa
Fehler helfen beim LernenWer sich beim Lernen häufig verhaspelt und die Lösung raten muss, lernt trotzdem was. Eine kanadische Studie hat gezeigt, dass die Gedächtnisleistung sogar von den Fehlern profitiert. Dies gilt allerdings nur, wenn die Raterei nicht völlig ins Kraut schießt, sondern nur knapp an der richtigen Lösung vorbei ist. Wer häufig fast richtige Vermutungen anstellt, dem helfen diese wie kleine Brücken beim Erinnern an die korrekte Information. Diesen Vorteil konnten die Forscher sowohl bei jüngeren als auch bei älteren Probanden feststellen. Wer sich selbst herantastet, profitiert davon also mehr, als wenn ihm die richtige Antwort vorgesagt wird. Quelle: Fotolia
Texte wiederholt zu lesen, heißt viel zu lernen Quelle: dpa
Gelerntes erzählen, hilft es sich zu merken Quelle: AP
Hochbegabte sind LernüberfliegerWer einen ungewöhnlich hohen IQ hat, ist in der Schule noch lange kein Überflieger. Weil viele Hochbegabte in der Schule unterfordert sind, markieren sie den Klassenclown und bekommen entsprechend schlechte Noten. Quelle: Fotolia

Nur zwei Beispiele: Im Text über die "Nase" lernt man bei Wikipedia: "Die Nase (lat. nasus, griech. rhis) ist in der Anatomie das Organ von Wirbeltieren, das die Nasenlöcher sowie die Nasenhöhle beherbergt", außerdem allerlei zu Funktion und Erkrankungen. Bei Diderot hingegen erfährt man, dass "die Negerinnen... ihre kleinen Kinder bei der Arbeit auf dem Rücken tragen", weshalb "die Nase des Kindes an den Rücken der Mutter stößt und unmerklich plattgedrückt wird"; man erfährt, dass die "Bewohner von Gudscharat, die malabarischen Frauen und des Persischen Golfs... Reifen, Ringe und andere Schmuckstücke" in der Nase tragen und dass, allgemein gesprochen, "ihre Position und ihre Form, die weiter herausragt als alle anderen Teile des Gesichts... dem Menschen eigentümlich" sind.

Ein Kaufbefehl

Der Text über die Freiheit wiederum geht bei Wikipedia so los: "Freiheit wird in der Regel verstanden als Möglichkeit, ohne Zwang zwischen verschiedenen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können..." - eine trockene Definition, die nichts von den spannenden Jahren erzählt, in denen diese Freiheit erst noch durchgesetzt werden musste. In der Enzyklopädie Diderots dagegen klingt in jedem Wort das ganze Pathos der Verheißung durch, die ganze widerständige, antimonarchische, christlich gespeiste Kraft des Gedankens der natürlichen, vorstaatlichen Freiheit: "Der erste Zustand, den der Mensch von Natur aus erwirbt und der als kostbarste aller Güter gilt, die er besitzen kann, ist der Zustand der Freiheit; er kann weder gegen einen anderen getauscht noch verkauft werden, noch verloren gehen; denn natürlicherweise werden alle Menschen frei geboren; das heißt, sie sind nicht der Gewalt eines Herrn unterworfen, und niemand hat auf sie ein Eigentumsrecht."

In Arbeit
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Tatsächlich lernt man in diesem Satz mehr über die Freiheit und die Aufklärung als in jedem Wikipedia-Artikel: Etwa dass die Aufklärung sich nicht (nur) gegen die Religion als System des Aberglaubens wendete, sondern den emanzipatorischen Kern des Christentums würdigte. Etwa, dass Freiheit definitionsgemäß nicht ökonomisch auszudeuten ist, weil es sich bei ihr um ein absolutes, nicht verhandelbares Gut handelt. 

Dies ist deshalb kein Tipp, sondern ein Kaufbefehl: Besorgen Sie sich Diderots Enzyklopädie noch heute und fangen Sie sofort an, darin zu lesen! Nur so bleiben Sie zugleich auf dem Laufenden, im Gespräch mit der Geschichte - und ihrem Leben!

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