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Tauchsieder

Die Lüge von der Leistungsgesellschaft

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Ein Ende der Leistung? Hoffentlich nicht!

Gewiss, das Leitbild des immer kampfbereiten Managers, der Ruhe an der Heimatfront benötigt, um das Beste aus sich herauszuholen und seiner karitativ engagierten Gattin daher nur die Aufgabe der Zurschaustellung ihres geliehenen Prestiges zuweist, ist glücklich überholt. Aber die aktivistisch-akklamatorische Bereitschaft, die Außergewöhnlichkeit einer „individuellen Leistung“ zu bewundern, ist in der Welt der Wirtschaft noch so intakt wie sonst nur im Bereich des Sports und der Popkultur.

Im Doppelpass mit dem Wirtschaftsjournalismus erschließen Manager/-innen heute täglich aufs Neue die semantischen Felder von Mut und Entschlossenheit, Führung und Kraft, Potenzial und Energie – mit der Folge, dass sich das unternehmerische Leistungsparadigma als unisexueller Selbstanspruch verallgemeinert, sich als internalisierte Norm buchstäblich in uns hineinfrisst: so sehr, dass wir uns nicht nur verpflichtet fühlen, immer Leistung zu bringen, sondern sie auch immer zu steigern. „Ego plus ultra“, ich immer weiter, über mich selbst hinaus, was meine Kompetenzen, Fähigkeiten und Netzwerkerfolge anbetrifft – wie dominant diese enge, solipsistische Leistungsideologie ist, das erfahren viele dann erst, wenn sie ihr nicht mehr genügen können: Stress. Erschöpfung. Depression.

Müssen wir uns von diesem Leistungsbegriff verabschieden? Ein Teil der Geldelite hat es längst getan, hat von Leistung auf Erfolg umgestellt, von Arbeit, Prinzipientreue und Aufrichtigkeit auf Schläue, Opportunismus und Weltgewandtheit – bestenfalls. Denn was sich Nutznießer ererbter Vermögen und Immobilien vor allem leisten können, ist Anstrengungslosigkeit.

Billionen werden in diesen Jahren von einer Generation an die nächste weitergereicht. Wir erleben den Umschlag von einer Leistungs- in eine Besitzgesellschaft, in der das Wachstum der Lohneinkommen hinter dem Wachstum der Kapitaleinkünfte und Mieterträge zurückbleibt (Thomas Piketty) – erleben die „Entmarktlichung“ der leistungslos Vermögenden einerseits und die „Vermarktlichung“ breiter Bevölkerungsschichten andererseits, so der Soziologe Sighard Neckel: Jene sind allen Zwängen der Leistungserbringung enthoben. Diese zur Leistungskonkurrenz verdammt. Es sei denn, sie ließen sich mit einem bedingungslosen Grundeinkommen ruhigstellen und digital bewirtschaften, so wie es etwa Facebook-Chef Mark Zuckerberg vorschwebt.

Ein Ende der Leistung? Hoffentlich nicht! Wir haben die Wahl, welche Leistung wir schätzen. Die Historikerin Nina Verheyen zeichnet in ihrem Buch „Die Erfindung der Leistung“ sehr beispielreich die Geschichte der Nachweise, Zeugnisse und Zulassungen nach: einerseits als Geschichte der ungleichen Verteilung (und der Verteidigung) von Zugangsmöglichkeiten. Andererseits als moderne Geschichte der Rationalisierung und Standardisierung. Zugespitzt formuliert: Der gottgewollten Ständeordnung wichen im Verlauf des 19. Jahrhunderts prüfstatistische Methoden, um Menschen ihren Platz in der Gesellschaft anzuweisen. An vielen Universitäten wurde weiterhin lateinisch gelehrt, um die Demokratisierung der Bildung aufzuhalten. Militärs nutzten den IQ-Test, um ihr Personal zu sortieren. Unternehmen richteten sich bei der Einstellung eines Mitarbeiters nach dessen Zensuren. Und in Sportwettbewerben wurden nicht mehr nur Vor-Ort-Sieger ermittelt, sondern auch global vergleichbare Rekorde.

Dass Leistung auch ganz anders verstanden werden kann, nicht als aggregierte Zahl und Wert an sich, sondern als soziales Vermögen, als etwas, dass man einem anderen, der Familie, dem Freund, dem Staat oder der Gesellschaft gönnt, gibt und schuldet, das weiß jeder, der schon mal bei Adalbert Stifter oder Thomas Mann vorbeigelesen hat. Man kann diese Form der Leistung heute als Förmlichkeit gesellschaftlicher Pflichterfüllung abtun. Oder aber als ein modernes System der Gegenleistungen begreifen.

Tatsächlich sind wir längst auf dem Weg dorthin, zu einem postheroischen Leistungsverständnis: Wir bemessen die Leistung eines Autos nicht mehr an seinen PS, sondern auch an seiner Umweltbilanz. Wir finden neue Väter toll, die sich nicht im Job, sondern für ihre Familien verausgaben. Wir arbeiten gern teamorientiert, stellen den Numerus clausus infrage, honorieren Pflegekräfte besser, weil wir meinen, sie hätten es verdient – und kommen schon lange nicht mehr auf die Idee, der Wohlstand unserer Nation drücke sich allein im Bruttoinlandsprodukt aus.

Gar keine schlechte Leistung.

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