Tauchsieder

Frontalunterricht? Ja, bitte!

Oper, Konzert, Theater - das alles soll buchstäblich old school sein: Einbahnstraßen-Unterricht von elitären Künstlern für abhängig Zahlende. Wie wäre es, wenn wir dank Twitter ein bisschen dazwischen funken könnten?

Warum sollten wir überhaupt ins Theater gehen? Quelle: dpa

Heute mal was Leichtes. Was Persönliches. Nicht-ganz-so-Wichtiges. Also. Warum, habe ich mich zuletzt gefragt, warum gehe ich eigentlich im Schnitt einmal die Woche in die Oper, ins Theater oder ins Konzert? Erste Anmutung: Naja, magst halt gerne Mozart, Wagner, Janacek und Tschechow, Ibsen, Brecht. Aber das ist es nicht. Einige Arbeiten des "modernen Regietheaters" haben bei mir in den vergangenen Jahren doch eher die Lust an der Wiederentdeckung des Originaltextes geweckt, mich jedenfalls nicht dazu bewogen, den nächsten Dienstagabend unbedingt in Frank Castorfs "Volksbühne", sondern daheim auf dem Sofa zu verbringen. Und siehe da: So manches von Balzac und Bulgakov lässt sich in epischer Breite viel schöner nachlesen als in dramatisch verfremdeter Weise ansehen.

Zweite Anmutung: Der Besuch einer Oper oder eines Konzerts ist ja dem Agnostiker das, was dem Gläubigen der Gottesdienst ist. Hmm, dachte ich, ja: Das kommt der Sache schon näher. Der "Parsifal" zum Beispiel, das ist ja nichts anderes als klanggewordener Rausch, tönende Passion: Der Raum weitet sich zur Zeit, man fühlt sich aufgehoben in einen größeren Zusammenhang, erhoben zu nicht-gewusster Gewissheit, glücklich umfangen von Gegenwärtigkeit, eins mit dem Augenblick, gefangen in Hier-und-Jetzt-Ekstasen. Oder der "Tristan", der ja nichts anderes ist als liturgische Erotik, erigierte Musik, ein auskomponierter Orgasmus - eine Weihefest der Sexualität. Andererseits: Ich bei kein Wagnerianer, der unter "Wagner" und "Oper" etwas Synonymes versteht. Und bei "Peter Grimes", "Jenufa" oder "Woyzeck" will sich bei mir auch partout kein Präsenzgefühl einstellen, das einer religiösen Erfahrung gleichkommt.

Was also ist es dann? Dritte Anmutung: Die Suspension des Alltags. Nicht im eskapistischen Sinne, versteht sich. Ich möchte im Theater nicht moralisch erhoben werden, keine Auszeit von meiner bürgerlichen Existenz nehmen, um zwei Stunden später kunst-gekräftigt meinen bürgerlichen Alltag zu bewältigen. Ich gehe schließlich nicht gegen mein Leben gern ins Konzert, sondern für mein Leben. Nein, unter Suspension des Alltags verstehe ich eher: das Abschalten des Grundrauschens. Es ist eine Wohltat, den Konzertsaal zu betreten, zu sehen, wie die Türen geschlossen werden, das Ritual des Einstimmens zu verfolgen, den von wohlwollendem Beifall begleiteten Auftritt des Dirigenten - und erst einmal der Stille zu lauschen. Im selben Moment ist das Grundrauschen draußen, weg, vorbei - zum ersten Mal an diesem Tag, und das ist herrlich.

Eine Krankheit unserer Zeit

Diese Technik! Dinge, die Ihre Kinder nicht mehr kennen
Früher war alles besser? Von wegen. Wer heutzutage einen Reise buchen will, geht nicht als erstes in ein Reisebüro, sondern sucht im Internet. Dort gibt es alles, individuell zusammenstellbar und vom heimischen Rechner aus. Quelle: dpa/dpaweb
Können Sie sich erinnern, wann Sie das letzte Mal bei der Auskunft angerufen haben, weil Sie eine Telefonnummer nicht gefunden haben? Halt: Kennen Sie eine Nummer, bei der Sie anrufen könnten? Eben. Quelle: dpa
Erinnern Sie sich noch? Irgendwann landete die Abholkarte in der Post, mit der jeder Haushalt sein persönliches Exemplar des Telefonbuchs und der Gelben Seiten ausgehändigt bekam. Zwar gibt es die Papierausgaben immer noch. Doch vieles spricht für die digitale Ausgabe - Verfügbarkeit, Aktualität und Benutzerfreundlichkeit sind da nur drei Argumente. Quelle: AP
Im Bücherregal machen die dicken Wälzer natürlich schon was her. Doch selbst Duden und Wörterbücher sind online deutlich bequemer zu benutzen als auf Papier. Quelle: dpa/dpaweb
Saßen Sie in ihrer Jugend auch sonntags vor dem Radio, um während der Chartsendung die Lieblingslieder auf Kassette aufzunehmen? Wie groß der Ärger doch jedes Mal war, wenn der Moderator in die letzten Sekunden des Songs hineinquasselte. Und wie gehütet wurde die eigens für einen aufgenommene Kassette der ersten großen Liebe. Heute ist alles digital. Kaum noch Musiksammlungen, die man beim ersten Date in der eigenen Wohnung durchsuchen kann. Dabei war das doch die perfekte Methode, schon frühzeitig Konfliktpotenzial aufgrund unterschiedlicher Geschmäcker aus dem Weg zu räumen. Quelle: REUTERS
Wie aufwändig es das Fotografieren und Austauschen von Fotos doch einmal war. Jetzt gibt es Fotos fast nur noch digital und wer die Printvariante bevorzugt, bekommt sie innerhalb weniger Minuten ausgedruckt. Quelle: dapd
Wer heute einmal nicht telefonieren kann, hat entweder gerade ein leeres Akku oder gehört zu der Minderheit, die sich bewusst gegen ein mobiles Telefon entschieden hat. Auf die Idee, ein öffentliches Telefon zu benutzen, kommen daher die wenigsten, weshalb die Telefonsäulen in den vergangenen Jahren immer mehr aus dem Stadtbild verschwunden sind. Quelle: AP
Eine Sache, die eigentlich ziemlich traurig ist: Durch die Digitalisierung schreiben wir immer weniger Briefe. E-Mails, SMS oder andere Formen von Kurznachrichten, die wir über unsere Smartphones verschicken, haben den privaten Brief abgelöst. Handgeschriebene Post beschränkt sich meist auf Post-ITs a la "Bitte Milch kaufen" oder ein paar Grüße an Weihnachten. Dabei sprechen auch wissenschaftliche Gründe dafür, öfter mal wieder mit der Hand etwas zu schreiben: Denn der dafür zuständige Hirnteil wird durch die fortschreitende Digitalisierung immer weniger benutzt - Forscher befürchten, dass er deshalb sogar schrumpft. Je weniger wir das gesamte Hirn nutzen, desto schneller werden wir im Alter vergesslich. Es lohnt sich also, ein bisschen retro zu sein. Quelle: ZBSP
Deshalb beenden wir diese Liste mit einem Aufruf: Schreiben Sie wieder! Und wenn es nur eine Postkarte aus dem Urlaub ist. Sie fordern damit nicht nur ihr Gehirn, sondern könnten damit auch der Ansichtskarte zu einem Comeback verhelfen. Auch sie leidet nämlich unter dem Mobiltelefon. Quelle: dpa

Denn das Grundrauschen ist nicht nur ein hässliches Geräusch. Es ist in den vergangenen Jahren auch immer lauter geworden. Ja, dieses Grundrauschen ist eine akustische Umweltzerstörung unerhörten Ausmaßes, ein Kollateralschaden des massenmedialen Fortschritts, eine Art Nachrichten-Tinnitus, der sich als Folge des mehrkanaligen Alltagsbildersturms und der echtzeitigen Neuigkeits-Live-Tickerei bei mir eingestellt hat: Man kriegt ihn nicht aus dem Ohr, aus dem Kopf, man kann man machen was man will, man schafft es einfach nicht mehr, sich abzuschließen gegen Dinge, die einen partout nicht interessieren, sich abzuschotten gegen den Einbruch des tausendfach Banalen.

Anders gesagt: Ich fühle mich ständig überfordert und unterfordert zugleich, overnewsed and underinformed, weil es mir schier unmöglich ist, den Namen Conchita Wurst nicht zu kennen, obwohl ich mich statt dessen schon seit zwei Monaten endlich einmal gründlich über das Reformationszeitalter informieren wollte. Wieso weiß ich, wo ungefähr der Dax steht und dass Mario Mandzukic gestern aus dem Bayern-Kader gestrichen wurde, obwohl ich es gar nicht wissen will? Weil das Grundrauschen es mir einflüstert. Weil ich es nicht einfach ausstellen kann wie einen Radioapparat.

Es ist die Krankheit unserer Zeit. Man kann nicht mehr zwei Stunden am Stück den Fantasiewelten eines E.T.A. Hoffmann seinen Besuch abstatten, ohne dass einen der Blick in die Twitter-Timeline ins Hier und Jetzt zurückholt, weil irgendein geschätzter Follower einem ein must read im "New Yorker" empfiehlt. Man kann nicht abschalten. Sich nicht konzentrieren. Sich nicht außerhalb der Grundrauschens der Gegenwart aufhalten. Allein in der Oper, im Konzert, im Theater ist das noch möglich: ein Konzentrationsakt, wenn auch passiver Art. Man bekommt eine Ahnung davon, was man selbst früher in acht Stunden zu leisten imstande war - und welche ungeheuren Möglichkeiten der Sammlung von Wissen den Gelehrten des 19. Jahrhunderts zur Verfügung standen, die das Glück hatten, auf TV, Tablets und Smartphones verzichten zu müssen, statt dessen Homer im griechischen Original lesen konnten und - ja tatsächlich: ein ganzes Buch am Stück.

Aber ach, selbst die Glückserfahrung meiner passiven Konzentrationsakte in Oper, Konzert, Theater ist nun gefährdet. In der Komischen Oper in Berlin (nebenbei: derzeit das erste Haus am Platze!) erschallt seit einigen Monaten vor den Vorstellungen eine sonore Männerstimme aus dem Lautsprecher: "Wir bitten Sie darauf zu verzichten, während der Vorstellung zu telefonieren, e-Mails oder SMSe zu versenden, zu posten, zu twittern oder zu google-n. Gönnen Sie sich und Ihren Sitznachbarn einen ungestörten Musikgenuss. Bitte schalten Sie ihr Handy jetzt aus." Abgesehen davon, dass die hübsche Ansage verlässlich für Erheiterung unter den Anwesenden sorgt - es ist offensichtlich, dass der Hinweis nicht ohne Grund erfolgt. In der Berliner Schaubühne flippte zuletzt Lars "Hamlet" Eidinger aus, als er im Zuschauerraum plötzlich bläulich erhellte Gesichter erblickte, die nicht auf die Bühne, sondern auf ihr Smartphone starrten: Ob sie nicht mal zwei Stunden ohne ihre "Scheiß-Telefone" auskommen könnten, raunzte Eidinger, um dann höchst galant und selbstironisch zugleich zurück zu Shakespeare zu kommen: "So, und jetzt Ruhe bitte. Es folgt ein Monolog."

Vorurteil und Schnellgericht

Deutsche leiden am meisten unter Arbeitslast
Fast jeder fünfte Deutsche (19 Prozent) empfindet seine Arbeitsbelastung als zu hoch, weitere 47 Prozent als „hoch“. Das ergab eine Studie der HR Partners Von Rundstedt in Düsseldorf. Quelle: dpa
Demnach sind in puncto Arbeitslast besonders Brasilianer und Spanier am wenigstens belastet. Mehr als zwei Drittel (68 Prozent) der Brasilianer empfinden die Arbeitsbelastung als normal oder niedrig, bei den Spaniern sind es immerhin 60 Prozent. Quelle: dpa
Am meisten unter der Arbeitsbelastung leiden nach den Deutschen laut der Studie die Schweizer (63 Prozent gaben an, einer zu hohen oder hohen Arbeitsbelastung ausgesetzt zu sein) und die Franzosen (61 Prozent). Quelle: dpa
Im Mittelfeld der 16-Länder-Umfrage liegen Staaten wie China und Italien: Dort empfindet jeweils fast jeder Zweite (49 Prozent) die Arbeitsbelastung als hoch oder zu hoch, in Italien und Finnland sind es jeweils 48 Prozent. Quelle: dpa
Die meiste Arbeit nach Hause nehmen sich die Marokkaner und Chinesen mit. 57 Prozent (beziehungsweise 45 Prozent) der Befragten gaben an, oft Arbeit zu Hause zu erledigten, um Deadlines einzuhalten. In Deutschland sind liegt die Quote bei immerhin noch 28 Prozent. Quelle: dpa
Für die meisten Russen allerdings bleibt Arbeit Arbeit und Freizeit Freizeit. Nur 16 Prozent erledigen Arbeit zu Hause, um Fristen einzuhalten. In den meisten anderen Ländern trifft das auf etwa jeden Vierten zu (etwa Frankreich: 25 Prozent, USA: 27 Prozent, Schweiz sogar: 35 Prozent). Quelle: dpa
In den Interviews haben die Forscher auch die Zustimmung zu Statements im Bezug auf die Loyalität des Arbeitsnehmers zu seinem Unternehmen abgefragt. Der Aussage „Ich sage nie etwas Schlechtes über meine Firma zu anderen“, stimmen 68 Prozent der Deutschen zu und liegen damit im oberen Bereich. Quelle: obs
Am loyalsten sind demnach Arbeitnehmer in Rumänien: 72 Prozent der Befragten stimmten dieser Aussage zu. Die niedrigste Zustimmungsrate weist Belgien auf: Dort gab nicht mal jeder Zweite (48 Prozent) an, nie schlecht über seinen Arbeitgeber zu sprechen. Quelle: dpa
Auch das Verhalten zu Kollegen ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Während 60 der Chinesen und 61 Prozent der Spanier angaben, sich in ihrer Freizeit häufig mit Kollegen zu treffen, sind es in Deutschland nur 39 Prozent. Quelle: gms
Am wenigstens wollen demnach die Finnen mit ihren Kollegen außerhalb der Arbeit zu tun haben: Nur 30 Prozent gaben an, sich nach dem Job häufig mit Kollegen zu treffen. Quelle: dpa
Über Probleme bei der Arbeit sprechen die meisten Arbeitnehmer mit Kollegen aus der gleichen Abteilung oder mit ihren Vorgesetzen. Doch während sich in Spanien „nur“ 56 Prozent der Befragten ihren Kollegen und dagegen 75 Prozent ihrem Chef anvertrauen, ist es etwa in Frankreich genau umgekehrt: Dort suchen die Angestellten eher ihre Kollegen (72 Prozent) als ihren Vorgesetzten (60 Prozent) bei Problemen auf. In Deutschland liegen diese Werte enger beieinander: 77 Prozent (Kollegen) und 74 Prozent (Chef). Quelle: AP
Deutliche Unterschiede gibt es beim Vertrauen der Arbeitnehmer in ihre Personal- bzw. HR-Abteilung. An die Kollegen dort wenden sich in Polen gerade mal 15 Prozent, in China dagegen 43 Prozent. In Deutschland suchen immerhin 23 Prozent der Angestellten bei Problemen die Personalabteilung auf. Quelle: Presse
Außerhalb der eigenen Abteilung, aber innerhalb der Firma (etwa bei anderen Kollegen) suchen nur 30 Prozent der deutschen Arbeitnehmer Rat, in Finnland sind es mehr als doppelt so viele (70 Prozent). Quelle: dpa
Das Unternehmen von Rundstedt HR Partners führte zwischen Anfang des Jahrs 2012 und 9145 Interviews in 16 Ländern für das international tätige Consulting-Unternehmen, BPI-Group, um ein „Stimmungsbild“ unter den Arbeitnehmern zu bekommen. Der Schwerpunkt der Studie lag auf Europa, aber auch Länder wie USA, Kanada, Brasilien und China wurden mit einbezogen. In den meisten Ländern wurden zwischen 500 und 1000 Interviews geführt - nach repräsentativen Standards. Allerdings ist etwa Afrika nur mit Marokko vertreten. Das liegt laut Rundstedt HR Partners daran, dass es als einziges afrikanisches Land Mitglied der Unternehmensgruppe ist. Von daher sind die Werte aus Marokko etwa lediglich als Vergleichsgröße zu sehen und können lediglich ein Schlaglicht auf die Situation dort werfen. Quelle: gms

Kurzum: Die Mobiltelefon-Bearbeiter sind dabei, die letzten multimedial befreiten Bastionen sturmreif zu schießen. Der jüngste Angriff erfolgte während des Theatertreffens, das heute in Berlin zu Ende geht. Unter der Überschrift "Warum wir twittern" erschien im Blog des Theatertreffens aus der Feder von Jan Fischer eine Apologie des Schnellkommentars aus dem Zuschauerraum: "Für mich macht es deshalb eine Menge Sinn, mich mit einem Smartphone ins Publikum zu setzen: Ich bin nicht mehr innerhalb eines schmalen Regelwerkes dem ausgeliefert, was mir vorgesetzt wird, mit viel zu wenigen Interaktionsmöglichkeiten für das, was ich loswerden will, muss, soll. Es machte für mich eine Menge Sinn, ... die Spielwiese zu vergrößern... Es geht nicht darum, dass das, was dabei rauskommt, inhaltlich immer zu 100 Prozent brillant ist... (Aber) was wäre, wenn das Publikum, um das es geht, sich Theater neu aneignet, es neu denkt? Was wäre, wenn jeder mitmachen könnte, wenn irgendwo an der Bühne noch eine Twitter-Wall wäre? Wir reden hier von einer Aneignung von unten, davon, die - von Zeit zu Zeit - doch sehr elitär dahin schreitende Form "Theater" dem Publikum fast gleichberechtigt zu übergeben... In der Schauspieler und Regisseure nicht präsentieren - sondern zittern müssen, schwitzen müssen, sich das Schweigen des Publikums hart erspielen müssen."

Klingt gut? Klingt demokratisch, kommunikativ? Nach Austausch und Augenhöhe statt nach chefdramaturgischer Anmaßung und Selbsterhöhung? Für mich nicht. Für mich klingt es schrecklich. Für mich klingt es nach: Vorurteil und Schnellgericht. Vom großen Bazon Brock stammt sinngemäß der Satz, dass der Künstler die Pflicht habe, sich in seinen Werken verständlich auszudrücken - und der Zuschauer/Zuhörer umgekehrt die Pflicht, den Künstler verstehen zu wollen. Übersetzt man diesen Satz in das Sinnbild einer Symmetrie, die zwischen Kunstwerk und Rezipient bestehen muss, will die Begegnung zwischen ihnen glücken, heißt das nichts anderes als: Auch der Zuhörer hat sich die Musik, die Oper, das Theaterstück anzueignen, bevor er sich ihm aussetzt.

Dialog ist, wenn wir ausreden dürfen

Wie Big Data Ihr Leben verändert
Dicht an dicht: Wenn die Autos auf der Straße stehen, lässt sich das mit moderner Technologie leicht nachvollziehen. Zum einen gibt es Sensoren am Straßenrand, zum anderen liefern die Autos und die Smartphones der Insassen inzwischen Informationen über den Verkehrsfluss. Diese Daten lassen sich in Echtzeit auswerten und mit Erfahrungswerten abgleichen – so wird klar, wo gerade ungewöhnlich viel los ist und beispielsweise eine Umleitung Sinn ergeben würde. Ein Pilotprojekt dazu lief in der Rhein-Main-Region, allerdings nur mit rund 120 Autos. Langfristig ist sogar das vollautomatische Autofahren denkbar – der Computer übernimmt das Steuer. Eines ist aber klar: Alle Big-Data-Technologien helfen nichts, wenn zu viele Autos auf zu kleinen Straßen unterwegs sind. Quelle: dpa
Fundgrube für Forscher: Google Books ist nicht nur eine riesige digitale Bibliothek. Die abertausenden eingescannten Texte lassen sich auch bestens analysieren. So kann nachvollzogen werden, welche Namen und Begriffe in welchen Epochen besonders häufig verwendet wurden – ein Einblick in die Denkweise der Menschen. Der Internet-Konzern nutzt den Fundus außerdem, um seinen Übersetzungsdienst Translate zu verbessern. Quelle: dpa Picture-Alliance
Schnupfen, Kopfschmerz, Müdigkeit: Das sind die typischen Symptome der Grippe. Aber wann erreicht die Krankheit eine Region? Bislang konnte man das erst feststellen, wenn es zu spät war. Der Internet-Riese Google hat ein Werkzeug entwickelt, mit dem sich Grippewellen voraussagen lassen: Flu Trends. Bei der Entwicklung hielten die Datenspezialisten nicht nach bestimmten Suchbegriffen Ausschau, sondern nach Korrelationen. Wonach also suchten die Menschen in einer Region, in der sich das Virus ausbreitete? Sie filterten 45 Begriffe heraus, die auf eine unmittelbar anrollende Grippewelle hindeuten – ohne dass irgendein Arzt Proben sammeln müsste. Quelle: dpa Picture-Alliance
Aufwärts oder abwärts? Die Millionen von Kurznachrichten, die jeden Tag über Twitter in die Welt gezwitschert werden, können Aufschluss über die Entwicklung der Börsen geben. Denn aus den 140 Zeichen kurzen Texten lassen sich Stimmungen ablesen – das hat ein Experiment des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) gezeigt. Je intensiver die Emotionen, desto stärker die Ausschläge. Marktreife Investitionsmodelle, die auf Tweets setzen, gibt es indes noch nicht. Quelle: dpa
Lotterie am Himmel: Die Preise von Flugtickets lassen sich für Laien kaum nachvollziehen. Auch eine frühe Buchung garantiert kein günstiges Ticket, weil die Fluggesellschaften ständig an der Schraube drehen. Das wollte sich der Informatiker Oren Etzioni nicht gefallen lassen: Er sammelte mit seiner Firma Farecast Millionen von Preisdaten, um künftige Preisbewegungen zu prognostizieren. 2008 kaufte Microsoft das Start-up, die Funktion ist jetzt in die Suchmaschine Bing integriert. Quelle: dpa Picture-Alliance
Jeder Meter kostet Zeit und Geld. Daher wollen Logistikunternehmen ihre Fahrer auf kürzestem Wege zum Kunden lotsen. Der weltgrößte Lieferdienst UPS führt dafür in einem neuen Navigationssystem Daten von Kunden, Fahrern und Transportern zusammen. „Wir nutzen Big Data, um schlauer zu fahren“, sagte der IT-Chef David Barnes der Nachrichtenagentur Bloomberg. Im Hintergrund läuft ein komplexes mathematisches Modell, das auch die von den Kunden gewünschten Lieferzeiten berücksichtigt. Quelle: dpa Picture-Alliance
Es waren nicht nur gute Wünsche, die US-Präsident Barack Obama 2012 zur Wiederwahl verhalfen: Das Wahlkampf-Team des Demokraten wertete Informationen über die Wähler aus, um gerade Unentschlossene zu überzeugen. Dabei griffen die Helfer auch auf Daten aus Registern und Sozialen Netzwerke zurück. So ließen sich die Bürger gezielt ansprechen. Quelle: dpa
Was sagen die Facebook-Freunde über die Bonität eines Nutzers aus? Das wollten die Auskunftei Schufa und das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam im Sommer 2012 erforschen. Doch nach massiver Kritik beendeten sie ihr Projekt rasch wieder. Dabei wollten die beiden Organisationen lediglich auf öffentlich verfügbare Daten zugreifen. Unternehmen in den USA haben weniger Hemmungen. Der Anbieter Experian etwa bietet einen Dienst namens Income Insight, der das Einkommen einer Person aufgrund vorheriger Kredite schätzt. Quelle: dapd
Wenn mit einer Kreditkarte erst Babykleidung und später ein Abenteuerurlaub in Indien bezahlt werden, könnte dahinter ein Betrüger stecken, der die Daten gestohlen hat. Die Finanzdienstleister versuchen deshalb, alle Transkationen auf ungewöhnliche Anzeichen zu analysieren. Das geschieht möglichst in Echtzeit – eine Herausforderung für die IT. Visa hat 2011 ein Modell eingeführt, das 500 Aspekte bewertet. Damit werde nicht nur die Sicherheit verbessert, sondern auch das Vertrauen in die Marke gestärkt, erklärte das Unternehmen gegenüber dem „Wall Street Journal“. Quelle: dpa Picture-Alliance
Welche Geschenke interessieren welchen Kunden? Und welchen Preis würde er dafür zahlen? Der US-Einzelhändler Sears wertet große Datenmengen aus, um maßgeschneiderte Angebote samt individuell festgelegter Preise zu machen. Dabei fließen Informationen über registrierte Kunden ebenso ein wie die Preise von Konkurrenten und die Verfügbarkeit von Produkten. Die Berechnungen erledigt ein Big-Data-System auf der Grundlage von Hadoop-Technik, an dem der Konzern drei Jahre gearbeitet hat. Quelle: dapd
Die Handelskette Target weiß viel über ihre Kunden – zumindest wenn diese eine Kundenkarte haben. Das Unternehmen machte damit Schlagzeilen, dass es anhand von Einkäufen herausfinden kann, welche Kundinnen schwanger sind. Etwa weil sie im dritten Monat parfümfreie Lotionen kaufen oder später Magnesium und Zink in den Einkaufswagen legen, wie die „New York Times“ aufdeckte. Target kann den werdenden Eltern gezielt Werbung schicken und sie so womöglich auf Dauer an sich binden. Quelle: dpa Picture-Alliance
Operationssaal in einer Klink: Eine kluge Datenanalyse kann Patienten helfen. So fand Microsoft im Auftrag eines Washingtoner Krankenhauses heraus, dass Patienten mit Herzkrankheiten häufiger wieder eingeliefert werden mussten, wenn sie niedergeschlagen waren – abzulesen an Begriffen wie „Depression“ in der Patientenakte. Quelle: dpa
Damit die Energiewende gelingt, müssen die Stromnetze intelligenter werden. Big-Data-Technologien können helfen, das stark schwankende Stromangebot von Windrädern und Solaranlagen zu managen. Quelle: dpa

Unter dieser Maßgabe, genauer: Allein unter dieser Maßgabe ergäbe die kurzkritische Twitterei aus dem Zuschauerraum "eine Menge Sinn". Mal eben bei Helmut Lachenmann vorbeischauen? Mal schnell gucken, was René Pollesch - oder wie heißt noch mal der Regisseur? - zu bieten hat? Nee, liebe Leute, so einfach geht das nicht. Man kann nicht einfach mal so twittern, Olga Neuwirth klingt schräg oder Kathrin Röggla hat 'ne Meise, nur weil man zu faul war, sich vorher auch nur eine Minute mit deren Arbeit beschäftigt zu haben. Zuhören, Zugucken, Schnauze halten, offen sein für das Kunstwerk, den Interpretationsversuch, sich vorher Fragen stellen, später nachschlagen, diskutieren, mit ein wenig Abstand loben und mäkeln - was bitteschön, soll daran schlecht sein, nur weil es neuerdings ein digitales Instrument des Instant-Neroismus (Daumen-hoch-und-Daumen-runter) namens Twitter gibt?

Auch zu diesem Thema hat der große Bazon Brock das Entscheidende gesagt: Einer Zeiteinheit Output (Kunstwerk) sollten mindestens zehn Zeiteinheiten Input (Handwerk, Lesearbeit, Vorbereitung) gegenüberstehen. Ähnliches ließe sich auch für das Verhältnis von Kunstwerk und Rezipienten-Kurzkommentar sagen: 100 Zeiteinheiten Information/Zuhören/Zusehen sollten einer Zeiteinheit Kommentar schon vorangehen. Ansonsten findet nämlich kein Austausch statt, sondern nur 140 Zeichen Verbalkrawall.

In Arbeit
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Anders gesagt: "Dialog" ist nicht, wenn Aufführende und Zuschauer um die Wette plappern. Sondern wenn sie ausreden dürfen. Insofern schwöre ich hier und heute hoch und heilig: Wenn ich irgendwann einmal erleben muss, dass Gustav Mahler beim Vortrag seiner Dritten Sinfonie durch die Berliner Philharmoniker nach siebzig Minuten unterbrochen wird, weil einer in den Saal hinein meint twittern zu müssen, an der ein oder anderen Stelle hätte dieser Mahler sich ruhig ein bisschen kürzer fassen können; wenn der Dirigent daraufhin den Vortrag abbricht und den Zuhörer meint erklären zu müssen, die Tempobezeichnung "ohne Hast" sei vom Komponisten durchaus mit Bedacht gewählt... - bin ich das letzte Mal in Oper, Theater, Konzert gewesen. Der Rest wird Rauschen sein.

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