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Tauchsieder

Halt die Klappe, Goethe!

Wir sammeln, vernetzen und vermehren unser Wissen von der Welt - nur verstehen tun wir sie nicht mehr. Warum? Weil wir vor lauter Faktenaddition nicht mehr dazu kommen, unser Leben zu erzählen - und von der Gegenwart regelrecht verschluckt werden.

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Das Wissen der Welt passt nicht mehr zwischen Buchdeckel. Doch trotzdem hatte der Brockhaus seine guten Seiten Quelle: REUTERS

Vergangene Woche habe ich mich über die aufgebauschte Nachrichtenarmut in den ersten Neujahrswochen beklagt und darüber, dass man so viel Zeit ver(sch)wendet auf die Begleitung von tagesaktuellen Sinnlosigkeiten. Haben wir uns wirklich seitenlang für den Skiunfall eines Rennfahrers und die sexuellen Vorlieben eines Fußball-Nationalspielers interessiert? Haben wir wirklich Horst Seehofer gedanklich mal wieder nach Kreuth begleitet und uns bei Jauch-Illner-Will-Lanz-Beckmann darüber informieren wollen, ob Deutschland zum "Sozialamt Europas" degeneriere oder nicht? Ja, doch, irgendwie schon. Woraus ich den Schluss gezogen habe, dass die größte Medienkompetenz heute derjenige besitzt, der sie als Unterlassungskompetenz begreift, das heißt: wer sich dem instantanen Nachrichtensog entzieht, sich nicht zum Simultanten des Augenblickgeschehens degradieren lässt. Aufklärung sei der Ausgang des Menschen aus seiner medialen Jetzt-und-gleich-Vernetzung, so der Kant paraphrasierende Befund der vergangenen Woche: Sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, bedeute heute mehr denn je: sich von Internet, Fernsehen und Zeitungen nicht (fehl-)interessieren zu lassen. 

Es können nicht alle Informationen verarbeitet werden

Was aber ist der eigentliche Grund für das dauerinformierte Unbehagen? Warum fühlt man sich, wie es so schön heißt, ständig overnewsed and underinformed, also zugleich nachrichtlich abgefüttert und informationshungrig? Wahrscheinlich weil wir den neuen technischen Möglichkeiten des Nachrichtenkonsums kognitiv erst noch nachwachsen müssen. Jedenfalls schaffen wir es vorerst nicht, all die Informationen zu verarbeiten, die uns täglich über Twitter, Facebook, Smartphone, Internet und Mail-Account, Tageszeitung, Magazin und Fernsehen erreichen - ganz zu schweigen davon, dass wir auch nur annähernd in der Lage wären, die meisten Nachrichten zu etwas Sinnhaftem zu verknüpfen.

Man bekommt alles nur ein bisschen mit

Was sich inmitten des Informationsflusses alleine einstellt, ist ein Zustand zunehmender Unruhe und Nervosität - das fürchterliche Gefühl, zugleich überfordert und unterfordert zu sein. Die Rentenpläne der Koalition kosten 60 Milliarden Euro bis 2020, in Australien leiden Tennisspieler unter großer Hitze, Außenminister Frank-Walter Steinmeier bereitet eine Syrien-Konferenz vor und das nächste Dschungelcamp wurde auch gerade eröffnet: Man bekommt das alles irgendwie mit, am Rande, ungefragt, ob man will oder nicht und eben deshalb zunehmend desinteressiert - gerade so als sei man selbst zum Nachrichtenticker geworden, der willenlos Neuigkeiten ausspuckt. Früher hat man vom Musik- oder Formel-1-Zirkus gesprochen, und was man damit meinte war, dass beispielsweise Pianisten oder Rennfahrer in ihrem je eigenen Kosmos lebten, um sich selbst kreisten und von der "wirklichen Welt" nicht viel mitbekamen. Im Unterschied dazu lässt der Newszirkus die "wirkliche Welt" beständig um sich selbst kreisen - und zwingt alles Geschehen in unseren Kosmos.

Eine Tageszeitung, die sich den Luxus erlaubt, eine Nachricht sieben Monate lang liegen zu lassen, um sie auf ihre Bedeutung hin zu überprüfen, ist ausdrücklich nicht von dieser Welt - und eben drum gar nicht genug zu preisen. Vor zwei Wochen meldete die Neue Zürcher Zeitung (NZZ), der "Brockhaus" sei am Ende: Die jüngste, 21. Ausgabe der viel gerühmten Enzyklopädie aus dem Jahre 2006 sei zugleich die letzte - der verlegende Bertelsmanns-Konzern hatte es der Welt bereits im Sommer 2013 mitgeteilt. Der Gründe für das Ende des Brockhaus gibt es viele: Das Wissen der Welt passt nicht mehr zwischen Buchdeckel und ist in dem Moment veraltet, in dem es in gedruckter Form erscheint.

Der Nachwuchs wird zum Kopfproletarier optimiert

Die Lieblings-Sachbücher der WiWo-Redaktion
Franziska Bluhm, Chefredakteurin von wiwo.deTill Roenneberg – Wie wir ticken: Die Bedeutung der inneren Uhr für unser LebenIch finde es wahnsinnig spannend zu erfahren, welchen Einfluss unser Schlafverhalten auf das Berufs- und Schulleben hat – und welche Auswirkungen ausreichender Schlaf auf unseren Alltag hat. Viele Dinge, die man intuitiv vermutet, werden von Roenneberg wissenschaftlich belegt. Jeder sollte dieses Buch lesen – und dann mehr schlafen! Quelle: Presse
Manfred Engeser, Ressortleiter Management&ErfolgReinhard Sprenger – Radikal führenEin Buch, das einem auf den ersten Blick scheinbar Banalitäten liefert, dem Leser aber die Augen öffnet, worauf Führungskräfte wirklich achten müssen, wenn sie ihrer Aufgabe im Wortsinn gerecht werden wollen. Sprenger sagt, WAS zu tun ist – das WIE kann und muss jeder für sich selbst entwickeln. Lesenswert für alle, die sich kompakt nochmal in Erinnerung rufen wollen, worauf es im Job ankommt. Quelle: Presse
Konrad Fischer, Redakteur Politik&WirtschaftNate Silver – The signal and the noise: Why so many predictions fail – but some don’tNate Silver, Blogger und Ex-Unternehmensberater, hat 2012 schon zum zweiten Mal alle Wahlforschungsinstitute in den USA mit seinen Prognosen für die Präsidentenwahl geschlagen. Silvers Methode: Er setzt nicht auf eine bestimmte Umfragetechnik, sondern trägt alle erdenklichen Informationen von Umfragen bis zu Gesprächen mit Kandidaten zusammen. In seinem Buch erklärt Silver nicht nur seine Methode, sondern diagnostiziert detailliert einen offensichtlichen Befund der Gegenwart: Trotz absoluten Überflusses an Daten scheitern wir bis heute weitgehend an der korrekten Prognose zukünftiger Entwicklungen – zumindest in der Wirtschaft. Am Beispiel der Finanzkrise macht Silver deutlich, dass dies keinesfalls so sein müsste. Sehr lehrreich und – typisch amerikanische Wissenschaftsliteratur – leicht geschrieben. Quelle: Presse
Thomas Kuhn, stellvertretender Ressortleiter Technik&WissenBill Bryson – Eine kurze Geschichte von fast allemEin Buch, das ich mit größtem Vergnügen gelesen habe und jedem mittelmäßig an Wissenschaft interessierten Menschen wärmstens ans Herz legen möchte. Das Buch des britischen Wissenschaftsjournalisten Bill Bryson ist ein Parforceritt durch die Wissenschafts- und Erkenntnisgeschichte der Menschheit, einschließlich des Entstehens der Erde. Bryson beschreibt in rund 30 wirklich unterhaltsamen Kapiteln, warum wir inzwischen vieles über uns und unsere Umwelt wissen – und mindestens so amüsant, wie es eigentlich dazu gekommen ist, dass wir wissen, was wir wissen. Er erläutert Zusammenhänge und portraitiert die teils großartigen, teils ziemlich wahnsinnigen Typen, denen wie den wissenschaftlichen Fortschritt zu verdanken haben. Das ist enorm faszinierend und teils zum Schreien komisch. Quelle: Presse
Sebastian Matthes, Ressortleiter Technik&WissenNassim Nicholas Taleb – Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehenOrdnung ist das wichtigste Prinzip unserer Welt. Es beherrscht die Wissenschaft, die Erziehung und damit unser gesamtes Leben: Verlaufen die Dinge wie geplant, dann ist es gut so – denken wir zumindest. Der US-Bestsellerautor Nassim Nicholas Taleb („Der Schwarze Schwan“) sieht darin eine Gefahr. In seinem neuen Buch, das bald auch auf Deutsch erscheint, liefert er ein faszinierendes Plädoyer für mehr Chaos und Spontanität. Laut Taleb nehmen komplexe Systeme durch Veränderungen keinen Schaden, sondern verbessern sich. Das gelte für die Wirtschaft, für die Wissenschaft und für den Körper. Taleb illustriert es mit so vielen Beispielen und Beobachtungen, dass der Leser mitunter zwar den Überblick verlieren kann. Faszinierend ist die Idee dennoch. Eine kurzweilige Lektüre, die zum Denken anregt. Quelle: Presse
Daniel Rettig, Redakteur Management&ErfolgMichael Lewis – The Blind Side: Evolution of a GameEs klingt zu schön, um wahr zu sein: Michael Oher, schwarz, Halbwaise und Analphabet, mit der Statur eines Riesen und dem Gemüt eines Chorknaben, wird von einer reichen, weißen Familie adoptiert. Holt seinen Schulabschluss nach, geht aufs College und wird schließlich Football-Profi. Gibt’s nicht? Gibt’s doch. Starjournalist Michael Lewis porträtiert die Lebensgeschichte und verwebt sie mit der Entwicklung der beliebtesten amerikanischen Ballsportart. Sehr lesenswert, auch für Nicht-Football-Fans. Quelle: Presse
Kristin Schmidt, Redakteurin Management&ErfolgFabrizio Gatti – Bilal: Als Illegaler auf dem Weg nach Europa„Ein Schiff mit mehr als 100 afrikanischen Flüchtlingen an Bord ist vor der italienischen Insel Lampedusa gekentert.“ Nachrichten wie diese kennen wir alle. Doch dieses Buch zeigt, welche Strapazen die Flüchtenden auf sich nehmen müssen, bevor sie das Schiff erst mal besteigen – und wie viele es gar nicht bis dahin schaffen. Der italienische Journalist Fabrizio Gatti hat sich unter die Migranten gemischt und die lebensgefährliche Reise auf einem überfüllten, klapprigen Laster durch die Sahara auf sich genommen. Erst durch die persönliche Erfahrung des Autors kann sich der Leser ansatzweise vorstellen, was eine solche Flucht nach Europa bedeutet. Quelle: Presse

Die dicken Bände sind weniger handlich als ein Tablet, die Informationen weniger farbig aufbereitet, nicht verlinkt mit verwandten Informationen, nicht ergänzt durch Grafiken oder kurze Filme. Das von einem unzähligen Freiwilligen-Heer verfasste Online-Lexikon Wikipedia ist schneller, aktueller, laufend optimierbar und grenzenlos zu erweitern: Den 300.000 Brockhaus-Artikeln stehen schon heute fünfmal so viele Wikipedia-Einträge gegenüber. Vor allem aber: Wer benötigt heute schon ein Lexikon? An den Schulen und Universitäten werden seit "Pisa" und "Bologna" fachspezifische Kompetenzen trainiert, die den Nachwuchs auf seine Rolle als rentensichernd-effizienten Kopfproletarier vorbereiten sollen; um das Vermitteln von allgemeiner Bildung jedenfalls, die das anscheinend Nutzlose zum eigentlich Wertvollen erhebt, geht es ganz sicher nicht. Mit der doppelten Folge, dass jedes Fach hat heute seine eigenen Lexika und Wörterbücher hat, die dezidiert nicht allgemein verständlich sind - und dass für die Aneignung von Wissen, wie es ein "Konversationslexikon" vorhält, keine Zeit mehr bleibt. 

Die Wissensgesellschaft verliert den Bezug zur Welt

"Konversationslexikon" - in der Vorrede zur elften Auflage des Brockhauses aus dem Jahre 1868 heißt es dazu, dass man sich mit ihm "die Flüssigmachung und Popularisierung der wissenschaftlichen, künstlerischen und technischen Ergebnisse" zur Aufgabe mache, "nicht für die geschäftliche Praxis, sondern für die Befriedigung und Förderung der allgemeinen Bildung". Nun, genau damit ist es heute vorbei; genau das ist die Nachricht hinter der Nachricht, dass der "Brockhaus" eingestellt wird: Eine Gesellschaft, die nicht ohne Stolz von sich annimmt, eine "Wissensgesellschaft" zu sein, versteht sich blendend aufs Sammeln, Vernetzen und Vermehren des wissenschaftlich gesicherten Weltwissens - und verliert gleichzeitig den Bezug zu ihr. Ein altes Thema, gewiss: Richard Wagner hat daraus seinen "Ring des Nibelungen" geschmiedet. Der Unterschied ist, dass man im 19. Jahrhundert durch den Vormarsch der Rationalität den metaphysischen (religiösen) Bezug zur Welt verloren hat, während es heute die Rationalität selbst ist, die Gefahr läuft, unter lauter Faktenhaufen und Wissensschnipseln begraben zu werden. 

Der äußerliche Grund ist das, was der Philosoph Hermann Lübbe einmal auf den schönen Begriff der "Gegenwartsschrumpfung" gebracht hat. Damit ist gemeint, dass einerseits der Zeitraum immer kürzer wird, innerhalb dessen wir auf eine Vergangenheit blicken können, die unserer heutigen Lebenswelt ähnelt - und dass andererseits die Zahl der Jahre abnimmt, innerhalb derer wir mit einer Zukunft rechnen können, die unserer heutigen Lebenswelt ähnelt. Lübbe hat daraus den Schluss gezogen, dass der moderne Mensch auf den zunehmenden Verlust von Gegenwart kompensatorisch reagiert. Es gebe heute ein größeres Bedürfnis nach der Vergegenwärtigung des Vergangenen, so Lübbe - und tatsächlich: Die Musealisierung von bildender Kunst und Theaterstoffen, von Geschichte und klassischer Musik ist allgegenwärtig. Und doch unterschätzt Lübbe, dass uns mit der Gegenwartsschrumpfung die Kontextualisierung des Vergangenen zunehmend schwer fällt, weil es uns nicht mehr gelingt, unser "Weltbild" mit den Weltbildern der Generationen vor uns zu verknüpfen.

Die Fähigkeit unser Leben zu führen geht verloren

So steht es um die deutsche Bildung
Ein Studium und eine gute Berufsausbildung zahlen sich in wirtschaftlichen Krisenjahren besonders aus. So gibt es für Akademiker und Meister in Deutschland laut dem aktuellen Bildungsbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nahezu Vollbeschäftigung. Nur 2,4 Prozent von ihnen waren in der Bundesrepublik 2011 erwerbslos - während es im Schnitt der 30 wichtigsten OECD-Industrienationen 4,8 Prozent waren. Aber selbst für EU-Krisenländer wie Griechenland und Spanien gilt: Je höher die Qualifikation, desto niedriger die Arbeitslosenquote. Quelle: dpa
Laut dem Bericht ist die Zahl der Studienanfänger in Deutschland zwischen 2005 und 2011 von 36 auf 46 Prozent eines Altersjahrganges gestiegen - im Schnitt der anderen Industrienationen im gleichen Zeitraum von 54 auf 60 Prozent. 28 Prozent der jungen Deutschen zwischen 25 und 34 verfügen über einen akademischen Abschluss (OECD-Schnitt: 39 Prozent). Quelle: dpa
Als besonders positiv für die Bundesrepublik wird der überdurchschnittliche Anstieg der Studienanfängerzahlen in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern herausgestellt. Und bei den Abschlüssen in diesen Disziplinen dringen zunehmend Frauen nach vorn: So ist in den Naturwissenschaften der Anteil der weiblichen Absolventen innerhalb von zehn Jahren von 27 Prozent auf 42 Prozent (2011) gestiegen. Quelle: dpa/dpaweb
Viele Akademiker lohnen sich auch für den Staat: Pro ausgebildetem Akademiker erhält der Staat in Deutschland über das gesamte Lebenseinkommen gerechnet im Schnitt 115.000 Euro mehr an Steuern zurück als er in die Studienkosten investiert hat. Erstmals hat der OECD-Bericht auch Nebenaspekte wie die Gesundheit von unterschiedlich gebildeten Bevölkerungsgruppen untersucht. Danach neigen Akademiker seltener zu Fettsucht und rauchen auch deutlich weniger. Quelle: dpa/dpaweb
Und eine gute Ausbildung zahlt sich aus: Akademiker verdienten 2011 nahezu zwei Drittel mehr als Absolventen einer Lehre. Im Jahr 2000 waren dies erst 40 Prozent mehr. „Bei Spitzenqualifikationen hat die Bundesrepublik nach wie vor Nachholbedarf“, sagte OECD-Experte Andreas Schleicher. Dies schlage sich auch in den hohen Gehälter für Akademiker nieder. In Deutschland ist der Einkommensunterschied zwischen Akademikern und beruflich ausgebildeten Fachkräften in den vergangenen zehn Jahren laut OECD sprunghaft gestiegen, und zwar um 20 Prozentpunkte. Das ist mehr als in jeder anderen Industrienation. Quelle: dpa
Doch auch eine sehr gute Ausbildung schützt nicht vor Gehaltsunterschieden: In Deutschland verdienen Frauen nur etwa 74 Prozent des Gehalts der Männer. Besonders deutlich wird der Unterschied bei Spitzenfunktionen. So erhalten 43 Prozent der Männer mit akademischer Qualifikation mehr als das doppelte des Durchschnittseinkommens. Bei den Frauen sind dies hingegen nur 11 Prozent. Als eine mögliche Begründung verweist der Bericht darauf, dass 56 Prozent der Frauen mit akademischem Abschluss nur Teilzeit beschäftigt sind, während dies nur für 19 Prozent der Männer gilt. Quelle: dapd
Bei den Doktorarbeiten liegt Deutschland im weltweiten Vergleich an der Spitze. 2,7 Prozent eines Altersjahrganges schließen ihre akademische Ausbildung mit einer Promotion ab. Nur in der Schweiz (3,2 Prozent) und Schweden (2,8) werden mehr Doktorhüte vergeben. Quelle: dpa

Die nachdenkend-einfühlende Anverwandlung dessen, welche Lebensumstände Goethe in Weimar geprägt haben, ist für uns beinah so schwer geworden wie die nachdenkend-einfühlende Anverwandlung der Lebensumstände Homers. Anders gesagt: Goethes Welt war Homers Welt näher als es unsere Welt der Welt Goethes ist, obwohl zwischen Goethes Welt und Homers Welt 2500 Jahre liegen und zwischen Goethes Welt und unserer Welt nur 200 Jahre. 

Kurzum, was durch die Gegenwartsschrumpfung auf dem Spiel steht, ist eine Anschlussfähigkeit, ist die Erzählfähigkeit unseres Lebens, unsere Fähigkeit zur Identifikation und Selbsteinbettung, kurz: die Fähigkeit, unser Leben zu führen. Die Welt des Wissens dreht sich heute beinah so schnell wie die Welt der Nachrichten, weshalb uns laufend ein Gefühl des Unbehagens beschleicht, des Ein- und Nachholen-Müssens. Im Ergebnis bedeutet das, dass wir laufend Anforderungen gerecht werden, die wir uns nicht selbst stellen - und dass wir vor lauter Tätigkeit, Nachrichtenkonsum und Weiterwissenwollen nicht mehr dazu kommen, unser (gemeinsames) Leben als Erzählung zu begreifen, dass wir von der Gegenwart regelrecht verschluckt werden.

"Reine Faktenhuberei"

Was das Ganze mit dem Brockhaus zu tun hat? Nun, weil sein Zentralprojekt auf dem Spiel steht, die "Konversation" als soziale Praxis, die "Konversation" als gesellschaftliche Selbstverständigung: Nur eine Welt, von der wir uns erzählen können, kann "unsere" Welt sein. In diesem Sinne war der Brockhaus ein zutiefst aufklärerisches Produkt: Er wollte seinen Lesern die Welt, über die er Auskunft gab, mit-teilend erhellen. Seine "Wahrheit" war nicht mit Ausrufezeichen fixiert, sondern kommunikativ und beredt. Sein Wissen wollte keine Summe von Daten und Fakten für Fachleute sein, sondern den öffentlichen Gebrauch von Vernunft distribuieren. Kurzum: Im Unterschied zur faktensammelnden Online-Enzyklopädie, die permanent aktualisiert wird, bestach die klassische Enzyklopädie durch ihren narrativen Subtext: durch ein unsichtbares Band, der jeden einzelnen Artikel mit dem anderen ideell verknüpfte. Und heute? Die NZZ sorgt sich sehr zurecht, dass moderne Enzyklopädien nurmehr ein Wissen vermitteln, das "nicht erzählt und daher auch nicht räsoniert, sondern parzelliert, addiert und aufdatiert": "Reine Faktenhuberei", aber, so die NZZ, führt "direkt in den Blödsinn". 

Um zu ermessen, was damit gemeint ist, muss man sich nur einmal ganz buchstäblich die Ur-Enzyklopädie vor Augen führen, die die französischen Aufklärer Denis Diderot und Jean-Baptiste le Rond d'Alembert in Zusammenarbeit mit dem Zeichner Louis-Jacques Goussier in den Jahren 1747 bis 1772 gegen staatliche Zensur und kirchlichen Widerstand federführend angefertigt haben: 72.000 Artikel in 28 dicken Bänden, davon elf mit Kupferstichen. Eine Auswahl dieses fantastischen Buches aller (modernen) Bücher ist vor wenigen Wochen als Prachtband der "Anderen Bibliothek" in den Handel gekommen: ein 500-seitiger, konzis eingeleiteter, gewissenhaft edierter und höchst liebevoll gesetzter Schatz mit reproduzierten Kupferstichen aus den Tafelbänden - und mit Texten, über deren Auswahl sich streiten lässt, die aber immer kostbar und kunstvoll genug sind, um uns auf höchst angenehme, gelehrte Weise mit unserer Vergangenheit und Zukunft im Gespräch zu halten. 

Diderot lehrt mehr

Was wirklich hinter Lernmythen steckt
Bloß nicht mit den Fingern rechnen Quelle: Fotolia
Eine Lehrerin schreibt mit Kreide an die Tafel Quelle: dpa
Schüler mit dem Smartphone auf dem Schulhof Quelle: dpa
Fehler helfen beim LernenWer sich beim Lernen häufig verhaspelt und die Lösung raten muss, lernt trotzdem was. Eine kanadische Studie hat gezeigt, dass die Gedächtnisleistung sogar von den Fehlern profitiert. Dies gilt allerdings nur, wenn die Raterei nicht völlig ins Kraut schießt, sondern nur knapp an der richtigen Lösung vorbei ist. Wer häufig fast richtige Vermutungen anstellt, dem helfen diese wie kleine Brücken beim Erinnern an die korrekte Information. Diesen Vorteil konnten die Forscher sowohl bei jüngeren als auch bei älteren Probanden feststellen. Wer sich selbst herantastet, profitiert davon also mehr, als wenn ihm die richtige Antwort vorgesagt wird. Quelle: Fotolia
Texte wiederholt zu lesen, heißt viel zu lernen Quelle: dpa
Gelerntes erzählen, hilft es sich zu merken Quelle: AP
Hochbegabte sind LernüberfliegerWer einen ungewöhnlich hohen IQ hat, ist in der Schule noch lange kein Überflieger. Weil viele Hochbegabte in der Schule unterfordert sind, markieren sie den Klassenclown und bekommen entsprechend schlechte Noten. Quelle: Fotolia

Nur zwei Beispiele: Im Text über die "Nase" lernt man bei Wikipedia: "Die Nase (lat. nasus, griech. rhis) ist in der Anatomie das Organ von Wirbeltieren, das die Nasenlöcher sowie die Nasenhöhle beherbergt", außerdem allerlei zu Funktion und Erkrankungen. Bei Diderot hingegen erfährt man, dass "die Negerinnen... ihre kleinen Kinder bei der Arbeit auf dem Rücken tragen", weshalb "die Nase des Kindes an den Rücken der Mutter stößt und unmerklich plattgedrückt wird"; man erfährt, dass die "Bewohner von Gudscharat, die malabarischen Frauen und des Persischen Golfs... Reifen, Ringe und andere Schmuckstücke" in der Nase tragen und dass, allgemein gesprochen, "ihre Position und ihre Form, die weiter herausragt als alle anderen Teile des Gesichts... dem Menschen eigentümlich" sind.

Ein Kaufbefehl

Der Text über die Freiheit wiederum geht bei Wikipedia so los: "Freiheit wird in der Regel verstanden als Möglichkeit, ohne Zwang zwischen verschiedenen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können..." - eine trockene Definition, die nichts von den spannenden Jahren erzählt, in denen diese Freiheit erst noch durchgesetzt werden musste. In der Enzyklopädie Diderots dagegen klingt in jedem Wort das ganze Pathos der Verheißung durch, die ganze widerständige, antimonarchische, christlich gespeiste Kraft des Gedankens der natürlichen, vorstaatlichen Freiheit: "Der erste Zustand, den der Mensch von Natur aus erwirbt und der als kostbarste aller Güter gilt, die er besitzen kann, ist der Zustand der Freiheit; er kann weder gegen einen anderen getauscht noch verkauft werden, noch verloren gehen; denn natürlicherweise werden alle Menschen frei geboren; das heißt, sie sind nicht der Gewalt eines Herrn unterworfen, und niemand hat auf sie ein Eigentumsrecht."

In Arbeit
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Tatsächlich lernt man in diesem Satz mehr über die Freiheit und die Aufklärung als in jedem Wikipedia-Artikel: Etwa dass die Aufklärung sich nicht (nur) gegen die Religion als System des Aberglaubens wendete, sondern den emanzipatorischen Kern des Christentums würdigte. Etwa, dass Freiheit definitionsgemäß nicht ökonomisch auszudeuten ist, weil es sich bei ihr um ein absolutes, nicht verhandelbares Gut handelt. 

Dies ist deshalb kein Tipp, sondern ein Kaufbefehl: Besorgen Sie sich Diderots Enzyklopädie noch heute und fangen Sie sofort an, darin zu lesen! Nur so bleiben Sie zugleich auf dem Laufenden, im Gespräch mit der Geschichte - und ihrem Leben!

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