Tauchsieder

Verschont uns mit der "Kanzlerdämmerung"

Die Dunkelheit holte einst das Beste aus Dichtern und Denkern heraus, heute ist sie nur noch hohle Metapher.

Inflation der Dämmerung. Quelle: Getty Images

Vielleicht war früher nicht alles besser, aber schöner dunkel wurde es allemal. Der Dichter Heinrich Heine etwa konnte an der Nordsee noch einem Sonnenuntergang beiwohnen, ohne dabei an Angela Merkel denken zu müssen. Er saß einfach „am blassen Meeresstrande, gedankenbekümmert und einsam“ und hing verschollenen Sagen nach – ohne dass ein Newsalert auf dem Smartphone ihn darüber in Kenntnis zu setzen vermochte, dass auch der Himmel über dem Regierungsviertel in Berlin sich gerade verdüsterte. Ach – was für Welten liegen zwischen der tiefen Empfindung der Romantiker beim Anblick der hereinbrechenden Dunkelheit und dem Befund einer „Kanzlerdämmerung“, an der sich die Journalisten dieser Tage mal wieder in Berlin berauschen!

Richard Wagner ist an dieser Entwicklung nicht ganz unschuldig: Mit ihm beginnt die metaphorisch-intellektuelle Indienstnahme dessen, was einmal allein schmerzlich-süße Sehnsuchtsstimmung war – mit ihm schlägt das Lyrische der Romantik ins Hochdramatische um. So kündet das Abendrot in Wagners „Götterdämmerung“ von Ende und Heraufkunft ganzer Zeitalter: Die naturhaft festgeschriebene Ordnung der himmlischen Gesetze und des Glaubens zerbricht, um einer nachmythisch ausgenüchterten Welt der Verträge und des Geldes Platz zu machen. Natürlich dachte auch Friedrich Nietzsche, der Mann, der „mit dem Hammer“ philosophierte, keine Nummer kleiner. Seine „Götzendämmerung“ hat die Zerstörung der Jahrtausende „alten Wahrheit“ zum Ziel, die „Umwertung aller Werte“: Nietzsche arbeitet am Aufstand des lebensbejahenden Menschen wider eine (christliche) Moral, die ihn sittlich verzwergt.

Kein Wunder, dass 1919 eine „klassische Anthologie des Expressionismus“ unter dem Namen „Menschheitsdämmerung“ firmierte: Das Bewusstsein einer faulig absterbenden Vergangenheit verband sich am Ende des vielleicht weltstürzendsten Jahrzehnts der Moderne mit einem tief empfundenen Leiden an der Gegenwart – und mit dem fanatischen Glauben an einen Neubeginn. Wilhelm Klemm dichtete: „O meine Zeit! So namenlos zerrissen / so ohne Stern, so daseinsarm im Wissen.“ Gottfried Benn wusste rückblickend von einem „Aufstand mit Eruptionen, Ekstasen, Haß“ zu berichten, von einer „neuen Menschheitssehnsucht, mit Zerschleuderung der Sprache zur Zerschleuderung der Welt“.

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Und heute? Die „Kanzlerdämmerung“, der Umschlag des Dramatischen ins Prosaische: grau(enhaft)er kann hereinbrechende Dunkelheit nicht sein. Obwohl. Man blicke auf den Buchmarkt, um die rhetorische Trivialisierung des Schummerlichts auf die Spitze des Stumpfsinns, vom Prosaischen ins Dümmliche getrieben zu sehen. Da findet sich der Titel „Kirchendämmerung“ vom höchst respektablen Theologen Friedrich Wilhelm Graf – das kann man mit Blick auf die „Götterdämmerung“ gerade noch durchgehen lassen. „Sozialstaatsdämmerung“ (Jürgen Borchert) hingegen und „Lehrerdämmerung“ (Christoph Türcke). Geht’s noch? Daher mein Aufruf: Rettet die Dämmerung! Wir müssen sie schützen vor ihrer dramatischen, prosaischen und dümmlichen Ausbeutung! Die Teilnahmebedingung ist einfach: ein Gedicht lesen, sofort. Sagen wir: „Die Dämmerung“ von Alfred Lichtenstein: „Ein dicker Junge spielt mit einem Teich. / Der Wind hat sich in einem Baum gefangen …“

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