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Team Wallraff Jobcenter-Pfusch und Lama-Wanderungen

Günter Wallraff knöpft sich die Arbeitsagentur vor. In der RTL-Sendung „Team Wallraff“ enthüllt er, wie Arbeitslose in mehr oder weniger sinnvolle Fortbildungen gesteckt werden – und Anträge ungeöffnet im Müll landen.

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Der Journalist Günter Wallraff deckt die Zustände in der Arbeitsagentur auf. Quelle: dpa

Günter Wallraff und seine Perücke - sie sind einfach ein unschlagbares Team: Wo der Investigativjournalist sich den Haarfetzen überstülpt, werden Missstände aufgedeckt und die Bösen enttarnt. Dieses Mal führt der Weg der beiden nach Süddeutschland, wo Wallraff als Tourist verkleidet eine sogenannte „Maßnahme“ des örtlichen Jobcenters besucht: Eine Lama-Wanderung, bei der Arbeitslose mit Urlaubern und Tieren zwei Stunden lang spazieren gehen.

Zwei Arbeitslose halten jeweils ein Lama an der Leine. In einer langen Schlange marschieren sie durch den nicht näher genannten Ort. Das wirkt so absurd, dass es fast zum Lachen wäre, wenn es nicht um ein ernstes Thema gehen würde.

Aus diesen Gründen bekommt nicht jeder Arbeitslose auch Geld

„Kunden“ werden die Arbeitslosen von den Jobcenter-Mitarbeitern genannt, „Kundenparkplätze“ nennen sie dann folgerichtig die Maßnahmen, in die die Arbeitssuchenden gesteckt werden: Bewerbungstrainings, Motivationscoachings, Lama-Wanderungen – zum großen Teil sinnlose Veranstaltungen, urteilt Wallraff.

„Das ist wie eine Art vorsätzliche Körperverletzung, die man an den Leuten begeht“, sagt Wirtschaftswissenschaftler Stefan Sell, der früher selbst ein Arbeitsamt leitete, in die Kamera. „Weil man sie reintreibt in eine Situation, die am Ende ihren Zustand oftmals eher noch verschlimmert.“

"Da wird nur Arbeitslosigkeit verwaltet"

Kein Wunder, dass den Arbeitslosen irgendwann der Kragen platzt: Immer wieder bricht der Frust während der Jobcenter-Veranstaltungen aus ihnen heraus. Gefilmt wird das von einem Informanten des Teams Wallraff. „Ich sehe den Sinn dahinter nicht“, sagt einer. „Ich bin eigentlich ein bisschen entsetzt.“

Doch für die Jobcenter machen die Maßnahmen Sinn. Allein schon aus statistischen Gründen, wie Wallraff in seiner Sendung vorrechnet: 2,7 Millionen Menschen waren im vergangenen Oktober offiziell arbeitslos. 450.000 Menschen, die zwar Arbeitslosengeld beziehen, aber an Maßnahmen teilnehmen, werden aus der Statistik so herausgerechnet. Auch 254.000 krank gemeldete und 168.000 ältere Arbeitslose tauchen nicht auf. Weitere 294.000 fehlen laut den Recherchen von "Team Wallraff" aus unbekannten Gründen in der Arbeitslosenstatistik.

Die Zahl der Erwerbslosen ist also deutlich höher, als offiziell angegeben – und damit auch die Belastung für die Jobcenter, sagt Wallraff. Er schickt seinen Kollegen Torsten Misler als Praktikant in mehrere Jobcenter und lässt ihn Gespräche mit Arbeitsvermittlern filmen.

Die Hartz IV-Vorschläge der Arbeitsagentur

Die zusammengeschnittenen Zitate zeichnen ein desaströses Bild der Arbeitsagentur. „Es geht doch hier nur darum, dass die Zahlen stimmen. Der Mensch bleibt hier doch so oft auf der Strecke“, sagt eine Mitarbeiterin. Und eine andere Kollegin: „Bei aller Schönrederei: Da wird nur Arbeitslosigkeit verwaltet. Da passiert nicht wirklich was.“

Das Problem: Laut Misler sind Jobcenter-Mitarbeiter für 250 bis 500 Arbeitslose zuständig. Vorgesehen sind eigentlich 150 „Kunden“ pro Sachbearbeiter. Für eine wirkliche Beratung bleibt da keine Zeit. So wirken denn auch die Mitarbeiter im Film vollkommen überfordert.

Briefe landen ungeöffnet im Müll

Arbeitslose müssen teilweise Monate warten, bis ihre Anträge bearbeitet werden, zeigt die Reportage. „Grundsätzlich wollen die meisten Arbeitsvermittler helfen“, sagt Misler. „Nach Jahren haben viele aber auch resigniert.“

Da hilft es nicht, dass die Mitarbeiter der Jobcenter teilweise selbst von der Arbeitslosigkeit bedroht sind. Einige berichten von befristeten Verträgen und „Hire and Fire“-Methoden. Eine Mitarbeiterin sagt, sie lerne die neuen Kollegen gar nicht mehr an, die seien ohnehin bald wieder weg.

Zehn Jahre Hartz IV: Arbeitslosigkeit damals und heute

Die Folge: Frust und Wut bei den Angestellten. Man könne das Ganze nur mit Sarkasmus durchstehen, sagt eine Mitarbeiterin. Die Überlastung trägt teilweise absurde Blüten: Wenn die Flut der Anträge zu groß wird, würden unkonventionelle Maßnahmen ergriffen, deutet ein Mitarbeiter an.

„Es verschwinden auch schon mal Sachen“, sagt er und nickt vielsagend zu einem Aktenschredder in der Ecke. „Aber das sind keine offiziellen Geschichten.“ Auch eine ehemalige Jobcenter-Angestellte berichtet Wallraff von Arbeitsvermittlern, die Briefe ungeöffnet im Müll verschwinden ließen.

Mehr Personal statt purem Geldeinsatz

Davon habe niemand etwas, sagt Heinrich Alt, Vorstandsmitglieder der Bundesagentur für Arbeit. Schließlich stehe hinter jeder Akte ein Mensch, der bald schon wieder im Jobcenter sei.

In Arbeit
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Konfrontiert mit Vorwürfen zu unnötigen Maßnahmen, hoher Arbeitsbelastung und langen Bearbeitungszeiten reagiert Alt immer auf dieselbe Weise: Einzelfälle seien das, seine Statistiken zeichneten ein anderes Bild der Arbeitsagentur. Wenn es aber solche Fälle gebe, müsse denen nachgegangen und dringend nachgebessert werden.

Der Vorstandsvorsitzende der Arbeitsagentur, Frank-Jürgen Weise, sagt auf Nachfrage Wallraffs, er wünsche sich mehr Personal statt purem Geldeinsatz bei der Arbeitsagentur.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles wollte sich zu den Recherchen nicht äußern. „Aber wir sind immer offen für Gespräche, auch nach der Recherche“, sagt Wallraff aus dem Off.

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