Tourismus in Zeiten des Terrors Was bleibt vom Urlaubsziel Deutschland?

Reisemanager haben Deutschland als Ziel für wohlhabende Araber, Chinesen und Amerikaner herausgeputzt. Doch nun platzt die weltpolitische Wirklichkeit in das mühsam aufgebaute Image vom perfekten Reiseziel. Was bleibt?

Tourismus in Deutschland: Politische Unruhen oder eine schwache Wirtschaft schlagen sich sofort auf die Urlaubsfreude durch. Quelle: dpa Picture-Alliance

Eine arabische Großfamilie schiebt sich durch die Menschenmenge näher an die Musiker heran.

Mit einer großen Parade eröffnet der Europa-Park Rust an diesem Tag einen neuen Themenbereich, Irland. Pferde trippeln nervös, Dudelsackspieler pfeifen. Und mittendrin die arabische Familie. Die Kinder ziehen ihren Eltern aufgeregt an den Ärmeln. Zwei Jungs holen ihre Handys aus der Hosentasche, machen Videos. Die Mädchen, die Haare unter dem Kopftuch, zeigen nervös auf ein Rudel irischer Wolfshunde mit ihren Führern, das sich langsam nähert.

In Dubai gibt es das nicht, sagt Thomas Mack. Sein Vater hat den Europa-Park gegründet, vor 41 Jahren. Wer will, kann hier erst durch ein Alpendorf schlendern, dann in Griechenland Achterbahn fahren und schließlich in Italien essen. Etwa 350 Millionen Euro Umsatz macht der Park laut Schätzungen, im vergangenen Jahr kamen 5,5 Millionen Besucher, die Mehrheit kommt aus dem Ausland.

Das sind die Reisetrends für den Sommer 2016
Kein Urlaubsverzicht Die Wahl des Sommerurlaubsziels mag sich in diesem Jahr zwar verschieben, einen generellen Reiseverzicht hält die Leiterin von Travel & Logistics Germany bei GfK - Dörte Nordbeck -, jedoch aufgrund des guten Konsumklimas, der Beschäftigungslage und der Einkommenszuwächse für höchst unwahrscheinlich. Ihrer Meinung nach unterstreichen die Zuwächse bei mehrtägigen Urlaubsreisen und sonstigen Privatreisen von fast sechs Prozent "die Bedeutung, die Reisen und Urlaub bei den Deutschen genießen". Immerhin haben die Deutschen für Urlaubsreisen insgesamt mehr als 58 Milliarden Euro springen lassen. Quelle: GfK-Analyse zum Reiseverhalten der DeutschenStand: Ende Januar 2016Zur Studie: GfK hat die Buchungsdaten von rund 1200 Reisebüros und 19.000 Privathaushalten, die monatlich zu ihrem Reise- und Buchungsverhalten befragt wurden, ausgewertet. Aussagen im Text beziehen sich auf das abgelaufene Kalenderjahr 2015. Quelle: dpa
Verunsicherte UrlauberTerroranschläge, Kriege im Nahen Osten und die anhaltende Flüchtlingskrise in Europa haben Spuren hinterlassen. In der Tourismusindustrie äußern sich die Krisen in Form von Umsatzeinbrüchen. Viele deutsche Urlauber warten derzeit - wie es scheint - erst einmal ab, wie sich die Sicherheitslage und die anhaltenden Flüchtlingsströme im Mittelmeerraum entwickeln, bevor sie ihre Urlaubsentscheidung treffen. Insbesondere Familien, die mit Kindern verreisen, sind vorsichtig. Im Vergleich zum Vorjahr haben bisher fast eine Million Bundesbürger weniger ihren Sommerurlaub für 2016 gebucht. Besonders betroffen von den Einbußen ist der östliche Mittelmeerraum, wie eine aktuelle GfK-Analyse zum Reiseverhalten der Deutschen offenlegt. Quelle: dpa
Junge Erwachsene und Best Ager besonders reiselustigAuch die demographische Entwicklung spiegelt sich in den Reisetrends wider: Die Altersgruppe ab 50 Jahren steht bei Urlaubsreisen bereits für 55 Prozent der Gesamtausgaben. Besonders zugenommen hat die Reiselust bei jungen Erwachsenen im Alter von 20 bis 34 Jahren. In dieser Referenzgruppe lässt sich eine steigende Reiseintensität von 15 Prozent beobachten. Zudem ist die Zahl Alleinreisender überproportional stark gewachsen (plus 10 Prozent), ebenso die der Kleinfamilie mit einem Kind (plus 12 Prozent). Quelle: obs
Badeurlaub am beliebtestenSpitzenreiter bleibt - in Bezug auf die Urlaubsform - der Badeurlaub am Meer oder See mit einem Umsatzanteil von 35 Prozent. Auf Basis der Ausgaben folgen darauf Pauschalreisen, die knapp die Hälfte aller Urlaubsreisen ausmachen. Sehr gut entwickeln sich Bausteinreisen, bei denen Flug, Hotel und gegebenenfalls weitere Reisebausteine spontan zusammengestellt werden. Sie wachsen mit 18 Prozent überdurchschnittlich. Ebenfalls wachsender Beliebtheit erfreuen sich Rund- und Studienreisen, die einen Anteil von 20 Prozent ausmachen. Urlaub in den Bergen und Wellnessreisen haben dagegen leicht an Bedeutung verloren. Quelle: gms
NahzieleWas die Urlaubsziele betrifft, sind im Sommer 2016 - nicht zuletzt wegen des hohen Anteils bei der Eigenanreise mit dem Auto - Nahziele bei deutschen Urlaubern sehr beliebt: Laut GfK-Studie zum Reiseverhalten der Deutschen machen sogenannte "erdgebundene Reisen" einen Umsatzanteil von neun Prozent aus. Das entspricht einem Zuwachs von zwei Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch einen Urlaub im eigenen Land ziehen viele Deutsche in Betracht: Unter den gebuchten Veranstalterreisen wächst der Deutschlandurlaub aktuell um 12 Prozent. Quelle: dpa
Kreuzfahrten12 Prozent des Umsatzes von Reisebüros geht auf von Deutschen gebuchte Kreuzfahrten für den Sommer 2016 zurück. Diese Reiseform konnte ein Umsatzplus von vier Prozent verzeichnen. Der Trend lässt vermuten, dass die Deutschen diese Reiseform für sicherer halten als andere. Quelle: obs
FernreisenMit einem Umsatzanteil von 14 Prozent sind Fernreisen neben Urlaub am westlichen und östlichen Mittelmeer in diesem Jahr die drittbeliebteste Reiseform. Allerdings zeichnet sich in Bezug auf die Reiseziele ein sehr durchwachsenes Bild ab: Mit den Trendzielen Kuba (Umsatzplus von 27 Prozent) und Dominikanische Republik erlebt die Karibik einen regelrechten Boom. Auch die afrikanischen Reiseländer – allen voran Südafrika und Namibia – erholen sich nach den Einbrüchen während des Ebola-Ausbruchs zunehmend (plus 12 Prozent). Starke Fernreiseziele wie die USA, die Malediven oder Thailand sind bei den deutschen Urlaubern jedoch weniger nachgefragt als noch vor einem Jahr. Mit Umsatzrückgängen zwischen 11 und 21 Prozent sorgen diese volumenstarken Fernreiseziele dafür, dass die Fernreisen insgesamt zum aktuellen Buchungsstand eine negative Entwicklung von -6 Prozent aufweisen. Quelle: obs
Östliches MittelmeerUnter der Buchungszurückhaltung der Deutschen leiden in erster Linie die Urlaubsländer im östlichen Mittelmeer: Für Sommerurlaube in der Türkei, Ägypten und Tunesien stehen die fehlenden Buchungsumsätze im stationären Reisevertrieb für mehr als 500 Millionen Euro. Die Umsatzrückgänge für alle drei Urlaubsländer bewegen sich im Bereich 40 Prozent und mehr. Auch auf Online-Reiseportalen sind die Buchungen für Ägypten um mehr als die Hälfte zurückgegangen, die Türkei büßt hier mit einem Fünftel ihrer Vorjahresumsätze weniger ein als im Reisebüro. Trotz der starken Umsatzeinbrüche (-31 Prozent) bleibt die Region des Östlichen Mittelmeers mit einem Umsatzanteil von 26 Prozent auch in diesem Jahr das zweitbeliebteste Reiseziel der Deutschen. Quelle: REUTERS
Westliches Mittelmeer In erster Linie profitieren Urlaubsländer in der westlichen Mittelmeerregion davon, dass die Deutschen unbeschwerte Ferien verbringen möchten. Länder in dieser Region verzeichnen die höchsten Umsatzzuwächse aus dem deutschen Markt (12 Prozent im Vergleich zum Vorjahr). Insbesondere die Kanaren und Portugal sind beliebte Urlaubsziele für den Sommer 2016. Reisen zum Westlichen Mittelmeer machen insgesamt einen Umsatzanteil von 33 Prozent aus und sind damit das mit Abstand beliebteste Reiseziel in diesem Jahr. Quelle: dpa

„Jetzt, nach dem Ende des Ramadan, haben wir hier viele arabische Gäste“, sagt Mack. Die Dubaier, Katarer oder Bahreiner genießen die Achterbahnen, die Blumen, die liebevoll gestalteten Themendörfer, Pommes und Pizza. Vor allem aber lieben sie die Zeit, in der Krieg, politische Unruhe und Terroranschläge wirklich weit weg sind. Nur, gilt das noch für den Urlaub hierzulande?

Als Urlaubsziel liegt Deutschland im Trend. Vor allem Europäer, aber auch immer mehr Urlauber aus dem Nahen und Fernen Osten bereisen das Land. Nach Daten des Statistischen Bundesamts verbrachten ausländische Gäste im vergangenen Jahr fast 80 Millionen Nächte in Deutschland – ein Plus von über fünf Prozent. Im Jahr 2030, prognostiziert die Deutsche Zentrale für Tourismus, könnten die ausländischen Gäste mehr als 120 Millionen Nächte in deutschen Hotels verbringen. Touristiker haben Milliarden investiert, um daran Anteil zu haben.

Lufthansa und Easyjet kappten ihre Gewinnprognose

Doch der Tourismus ist ein wankelmütiges Geschäft. Politische Unruhen oder eine schwache Wirtschaft schlagen sich sofort auf die Urlaubsfreude durch. Und die Nachrichten vom Axtangriff in Würzburg, dem Amoklauf in München oder dem Sprengstoffattentat in Ansbach haben auch Amerika und Asien erreicht. Dass die Angst nicht unbegründet ist, zeigen die aktuellen Warnungen von Lufthansa und Easyjet. Beide Airlines kappten ihre Gewinnprognose. Begründung: Wegen der Terroranschläge und politischer Unruhe haben die Buchungen auf der Langstrecke nach Europa nachgelassen.

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