Tourismus Urlaub am Tatort

Ob Agatha Christie, Donna Leon oder Jean-Luc Bannalec – Krimiautoren sind perfekte Werbebotschafter für eine Region. Mit seiner Bruno-Reihe hat Autor Martin Walker das südwest-französische Périgord auf die literarische Weltkarte gesetzt.

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Wer nicht nur im Geiste die Schauplätze von Krimis besuchen möchte, der kann dort auch Urlaub machen. Quelle: Fotolia

Chai Monique ist eine Weinbar an der Hauptstraße von Le Bugue, einem beschaulichen, knapp 3000 Einwohner großen Städtchen irgendwo im südlichen Périgord. Martin Walker hat den hintersten Ecktisch gewählt, aber das hilft ihm nicht. Kaum hat er sein Foie Gras und ein Glas weißen Bergerac bekommen, steht eine Touristin vor ihm. Ob er ihr wohl ein Autogramm geben könne? Sie sei ein Fan, kenne alle seine Bücher. Martin Walker kramt bereitwillig einen Stift aus der Tasche und erkundigt sich nach dem Namen. „Franziska? Sind Sie aus Deutschland?“, fragt er. „Nein, aus Graz in Österreich“, antwortet die Dame. „Das kenne ich“, sagt Walker, „ich hatte dort eine Lesung. Hübsche Stadt.“ Er steht auf, lässt sich fotografieren, wünscht einen schönen Urlaub und hat auch noch einen Tipp bereit: Die Croissants der Patisserie Cauet gleich hinter dem Rathaus seien die besten im Ort.

Für alle ein Geschenk

Martin Walker ist Brite, aber er lebt seit 15 Jahren in einem renovierten Bauernhaus am Dorfrand von Le Bugue. Teilweise jedenfalls. Er war 25 Jahre Redakteur bei der britischen Tageszeitung „The Guardian“ und leitete dann einen privaten Thinktank für Top-Manager in Washington. Früher verfasste er Sachbücher über den Kalten Krieg, Gorbatschow und Bill Clinton, jetzt schreibt er vorwiegend Krimis. Seine mittlerweile sieben Bruno-Romane werden in 15 Sprachen übersetzt und sind – trotz der vielen Leichen – die beste Werbung für das Périgord.

Dass Kriminalromane nicht abschreckend wirken, sondern ganz im Gegenteil Touristen an die Orte der Verbrechen locken, ist nicht neu. Schon Agatha Christies Buch „Tod auf dem Nil“ dürfte der Reisebranche kaum geschadet haben. Noch heute werden Nilkreuzfahrten auf den Spuren von Agatha Christie angeboten. Kultstatus erlangte das Hotel Old Cataract in Assuan, in dem die „Queen of Crime“ logierte und in das sie ihren Meisterdetektiv Hercule Poirot zum Dinner schickte. Nach einer Totalrenovierung gehört das Haus heute zur Sofitel-Gruppe, die auch nicht vergaß, eine Agatha-Christie-Suite einzurichten.

Mordsattraktiv: Krimi-Schauplätze

Wie viele Leser von Manuel Vásquez Montalbán sind dem Privatdetektiv Pepe Carvalho auf seinen Streifzügen durch Barcelonas Boqueria-Markt gefolgt? Wie viele sind bis ins Bretonische Concarneau gereist, um sich wie Jean-Luc Bannalecs Kommissar Dupin im Restaurant L’Amiral mit Entrecôte und Rotwein zu stärken? Offenbar eine ganze Menge, denn im Fenster des Lokals hängt ein Zettel: „Kopien des Buchtitels ,Bretonische Verhältnisse‘ und seines Folgebands ,Bretonische Brandung‘“ – die beiden Bestseller von Jean-Luc Bannalec.

Es soll Touristen geben, die Venedig mit einem aufgeschlagenen Buch von Donna Leon in der Hand erkunden. Das ist zwar spannend, aber nicht ganz einfach, denn die seit mehr als 30 Jahre in Venedig lebende Amerikanerin lässt Comissario Brunetti vorzugsweise durch enge Hintergässchen laufen und in unscheinbaren Bars einkehren, die in keinem Reiseführer stehen. Der Leser lernt, dass Brunetti Käse in der Casa del Parmigiano am Rialto-Markt kauft, seinen Espresso in der Bar Rosa Salva am Campo San Luca trinkt und seine Frau gelegentlich ins Fischlokal Al Covo zum Essen führt. Dessen Patron Cesare Benelli bestätigt, dass manche Gäste wegen der Krimis kämen – besonders beeindruckt wirkt er nicht.

Venedig braucht keine Donna Leon, aber wie sieht es im Périgord aus? „Martin Walker ist zu uns gekommen wie der Weihnachtsmann“, sagt Marie-Pierre Tamagnon, die für die Vereinigung der Bergerac-Weine tätig ist, „er hat für alle ein Geschenk dabei. Seitdem er über unsere Winzer schreibt, interessieren sich auch Ausländer für unsere Weine.“ Nicht nur Winzer profitieren. Offizielle Zahlen belegen den Aufwärtstrend im Tourismus: Zwischen 2010 und 2013 nahm die Zahl der deutschen Gäste in der Region um 30 Prozent zu, bei den Schweizern steigerte sie sich sogar um 35 Prozent. Während im ersten Halbjahr dieses Jahres vier Prozent weniger Franzosen ins Périgord reisten, kamen 21 Prozent mehr Ausländer als im Vorjahr. „Ohne Martin Walker wäre unsere Hotellerie nicht so gut dran“, glaubt Micheline Morissonneau vom Fremdenverkehrsamt der Dordogne.

Die Abwesenheit von Industrie führte zur Isolierung

Das Périgord ist eine ländlich geprägte Provinz im Südwesten Frankreichs und entspricht heute mehr oder weniger den Umrissen des Départements Dordogne. Die Menschen leben von Landwirtschaft und vom Tourismus, denn die Abwesenheit von Industrie und schnellen Verkehrswegen haben zu einer Isolierung geführt, die die Region besonders reizvoll macht: Hier sieht man keine gigantischen Einkaufszentren und keinen sozialen Wohnungsbau. Stattdessen: stille Dörfer, Schlösser und viele Restaurants. Trotzdem stand das Périgord stets im Schatten der wohlhabenden Stadt Bordeaux und des berühmten Weinanbaugebiets in dessen Hinterland.

Da kann etwas Werbung nicht schaden. „Mein Freund Martin hat mir viele Besucher beschert“, sagt François-Xavier de Saint-Exupéry, Herrscher über ein beeindruckendes 50-Zimmer-Schloss und über 35 Hektar Weinberge im Norden von Bergerac, „es vergeht kaum eine Woche, in der nicht mindestens eine E-Mail aus Deutschland bei uns eingeht. Die Leute möchten wissen, ob und wo sie Brunos Lieblingswein, meinen Grand Millésime Château de Tiregand kaufen können.“ Der feinwürzige Pécharmant ist auch Martin Walkers Favorit und in Deutschland nicht zu haben. Also kommen manchmal ganze Busladungen williger Käufer zum Schloss. „Sie wollen gar nichts verkosten, sie nehmen einfach ein paar Flaschen mit“, amüsiert sich Saint-Ex, wie der adlige Schlossherr allgemein genannt wird.

Walker, der durch Freunde erstmals in die Gegend kam und sich in den ländlichen Lebensstil und die großartige Küche verliebte, erfand mit Bruno Courrèges einen sympathischen Chef de Police, der seine Freunde mit hausgemachter Entenleber-Pastete, einem perfekt zubereiteten Trüffel-Omelette oder seinem Lieblingskäse Tomme d’Audrix bewirtet. Ende September erscheint bei Diogenes „Brunos Kochbuch“ mit Rezepten aus dem Périgord. Offenbar reicht es nicht, auf Brunos Spuren die prähistorische Grotte du Sorcier oder das steil in den Hang gebaute Dorf Limeuil zu besuchen. Echte Fans möchten auch das Enchaud de Porc (eingemachtes Schweinefleisch) essen, von dem in fast jedem Buch die Rede ist.

Auf dem Markt von Le Bugue erzählt Käsehändler Stéphane Bounichou, dass sein Tomme d’Audrix dank Bruno schon zu einem Bestseller avanciert ist. „Es ist unglaublich, wie viele Touristen kommen, um ein Stück davon zu kaufen“, sagt er. In Audrix selber, einem malerischen, mittelalterlichen Weiler, profitiert das Zwei-Sterne-Hotel Auberge Médievale vom Erfolg der Bruno-Bücher. Gastgeberin Karine Beyney erzählt, dass ihre sechs Zimmer den ganzen Juni über mit deutschen Gäste belegt waren und dass fast jeder einen Walker-Krimi im Gepäck hatte.

Wohl niemand erlebt den Walker-Effekt so hautnah wie Pierre Simonet, Polizeichef in Le Bugue. Bruno-Leser wissen, dass Le Bugue das Vorbild für den fiktiven Romanort Saint-Denis ist und dass Pierre Simonet für Bruno Courrèges Modell stand. Zwar ist Pierre Simonet verheiratet, doch davon abgesehen stimmt fast alles: Er ist der einzige Polizist im Ort, Hobbykoch, Rugbytrainer und zutiefst davon überzeugt, dass der gesunde Menschenverstand besser für den dörflichen Frieden sorgt, als die buchstabengenaue Beachtung des Gesetzes.

Dank Bruno ist Pierre berühmt geworden: Er gibt fast ebenso viele Autogramme wie der Mann, der ihn erfunden hat. Autor und Polizist sind seit vielen Jahren befreundet. „Eines Tages sagte Martin: Pierrot, ich schreibe einen Krimi und du bist die Hauptfigur“, erzählt Simonet, „ich dachte, er scherzt, aber dann hat er mir das Manuskript gezeigt.“ Viele der Geschichten sind am Küchentisch entstanden, dort sitzen die beiden am liebsten. „Wir kochen, essen, trinken, diskutieren“, sagt Martin Walker, „ausnahmsweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit.“

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