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Transsibirische Eisenbahn Auf der Suche nach der langen Weile

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Die Transsib ist schon lange nicht mehr Luxus

Der Wagen ist ein paar Tage unser Schlaf- und Wohnzimmer auf Schienen. Frauen ziehen ihre Plüschpantoffeln an, Männer sitzen im Feinrippunterhemd auf ihren Betten. In der Luft hängt permanent ein Geruch von Kaffee und Tütensuppen, aus dem Samowar gibt es für alle umsonst heißes Wasser. Während draußen der sibirische Winter in Minus-Zwanziger-Graden klirrt, wird der Wagen auf 23 Grad geheizt.

„Um ehrlich zu sein: Die Reise war nicht anstrengend. Es genügte, wenn man sich hinsetzte und schmutziger und schmutziger wurde“, berichtet die norwegische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Sigrid Undset nach ihrer Transsib-Fahrt 1940. Wie anders wirken da die Bilder der poetischen Fiktion. Die Transsib ist seit jeher Fantasiemaschine und Projektionsfläche: Im russischen Film „Der Barbier von Sibirien“ von Nikita Michalkow wird sie zum Vehikel für ein nostalgisches Liebesepos, in Josef Martin Bauers Roman „So weit die Füße tragen“, der zuletzt 2001 verfilmt wurde, bildet sie den Hintergrund für eine abenteuerliche Nachkriegsgeschichte: Mit der Transsib werden Tausende von deutschen Kriegsgefangenen in sibirische Gefangenschaft verbracht, einer kann später fliehen, knapp die Hälfte von ihnen stirbt – auf derselben Route, auf der die Reisenden heute unterwegs sind.

Transsib-Touristen schätzen die Ruhe

Wenn die stählerne Wagenschlange durch die Taiga rattert, werden natürlich ganz andere Geschichten erzählt, vor allem in der dritten Klasse. Wir sind keine zwei Stunden unterwegs, da kommen zwei Mädchen an mein Bett und fragen, wie das Leben in Deutschland sei, warum ich nicht mit dem Flugzeug nach Moskau fliege, was doch viel komfortabler sei. Auch das hat sich geändert: Früher fuhren die Menschen mit der Transsib, weil sie unterwegs Luxus genießen wollten. Auf der Pariser Weltausstellung 1900 wurden vier Waggons der Vorläuferstrecke als Schaustücke des modernen Reisens vor den Eiffelturm gestellt, inklusive Pianobar, Friseursalon und Badewanne. Das Zugrestaurant war auf Wochen ausgebucht.

Heute hingegen wird Luxus womöglich auch im Verzicht gesucht, im Genuss immaterieller Dinge. Der Transsib-Tourist schätzt vor allem die Ruhe, das ungestörte Bei-sich-Sein. Während wir uns zu Hause über jede verspätete ICE-Minute ärgern und unsere Freizeit möglichst effizient organisieren, genießen wir hier das tagelange Ausharren, den Leerlauf der Zeit. Es kann uns gar nicht langsam genug gehen. Denn wer auf seiner Zugpritsche sitzt, hat keine Eile, er reist gründlicher, fährt behutsamer ab, kommt überlegter an – und entdeckt die Sensationen der langen Weile: Am ersten Reisetag bringt mir meine mitfahrende Freundin das Stricken bei, am zweiten Tag ist mein Schal schon einen halben Meter lang. Andere lösen hefteweise Kreuzworträtsel. Die Schulklasse spielt von morgens bis abends das gleiche Kartenspiel. Am Ende weiß ich allein aus Beobachtung, welche die beste Siegstrategie ist.

Das sind die aktuellen Superzüge
Deutschland: ICE Quelle: DPA
Italien: Alstom Pendolino Quelle: PR
Italien: Frecciarossa 1000 Quelle: DPA
Spanien: AVE Quelle: AP
Spanien: AVE auf Jungfernfahrt (1992) Quelle: Handelsblatt
Frankreich: TGV Quelle: DPA
TGV-Modell 1981 Quelle: DPA

Und vielleicht ist das nicht der geringste Grund, weshalb die meisten Menschen voll Fernweh seufzen, wenn sie an die legendäre Route der Transsib denken: Die 167 Stunden und 22 Minuten Fahrt bieten alle Zeit der Welt für Gespräche und Tagträume, für Gedankenspiele oder tagelanges Ausschlafen.

Gewiss, viele wollen einfach nur nach Moskau. Entlang der Transsib-Route zeigen die Uhren immer die aktuelle Uhrzeit der Hauptstadt an. Dem Touristen im Zug kann das gleichgültig sein: Für ihn versinkt die Zeit in Nichtigkeit.

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