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Dating-Apps wie Tinder erfreuen sich großer Beliebtheit. Quelle: Imago

Der Instagram-Defekt: Warum sich das Onlinedating erneuern muss

Ein bisschen swipen, ein paar klügere Algorithmen – das war's auch schon mit der Innovation beim Onlinedating in den vergangenen 20 Jahren. Schade. Es geht doch viel kreativer.

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Unser Datingverhalten hat sich in den vergangenen Jahren schneller verändert als zu jedem anderen Zeitpunkt in unserer Geschichte. Die Partnersuche im Netz hat sich über alle Altersgruppen hinweg von der Nische zum Mainstream entwickelt. Selbst viele Großeltern führt der Weg zum zweiten Liebesglück übers Internet. Versprochen wird uns eine nie dagewesene Auswahl an potenziellen Partnern, die wir darüber hinaus noch ganz einfach von unserer Couch aus filtern und kennenlernen können. Doch wer hinter die Fassade aktueller Dating-Apps blickt, findet oft etwas anderes. Wir möchten behaupten, dass diese grundlegend dysfunktional sind. Die Konsequenzen: Die Suche nach einer glücklichen Partnerschaft bleibt oft erfolglos und lässt immer mehr von uns mit einem Gefühl der Leere zurück.

So viel Innovation. Oder vielleicht doch nicht?

Außer ein paar kosmetischen Updates – etwas Swiping hier, einem „AI-Algorithmus“ dort – haben sich Datingplattformen in ihrem Kern kaum verändert: Ein Profil mit Fotos und Angaben zur Person, ein paar Freitextfelder für die persönliche Note, eine Such- oder Matching-Funktion, ein Text-Chat. Jede noch so schöne Oberfläche ändert nichts daran, dass Onlinedating 2022 Onlinedating 2005 verwirrend ähnlich sieht. Smartphone und technischer Fortschritt haben die Benutzung zweifelsfrei sehr verbessert. Wirkliche Innovation sieht jedoch anders aus.

Was uns derzeit entgeht

Ein Mangel an Innovation wäre per se nichts Schlimmes, wenn das Kernprinzip aktuellen Onlinedatings funktionieren würde. Das tut es jedoch nicht, und die Probleme sind grundlegend. Onlinedating ist übertrieben oberflächlich und statusgetrieben. Es minimiert die Bedeutung von Persönlichkeit, Humor und Kreativität. Es ist kein soziales Erlebnis, sondern Einzelbeschäftigung. Konversationen ergeben sich nicht einfach so nebenbei, in einem natürlichen Umfeld. Darüber hinaus finden sie oft versetzt über einen langen Zeitraum statt. Gemeinsame Interessen und kompatible Werte – zwei Dinge, von denen wir aus vielen Jahren Forschung gesichert wissen, dass sie Grundlage erfolgreicher Partnerschaften sind – spielen beim Swipen selten eine Rolle.

All diese Eigenschaften machen Onlinedating entscheidend anders als die Partnersuche vor dem Internetzeitalter. Das Resultat: Wir treffen eine ganz andere Gruppe von potenziellen Partnern, und diese auch noch ganz anders. Zuerst per Chat, fast immer allein, und immer als Teil eines trügerisch unendlich erscheinenden Pools an Matches, der vielleicht einen noch besseren Kandidaten bereithalten könnte. Onlinedating leidet am Instagram-Defekt: auf zwei-Dimensionen reduzierte, gefilterte Profile, die nicht viel von den Menschen preisgeben, die hinter ihnen stecken. Wir sortieren viele potenzielle Partner, mit denen wir uns vielleicht gut verstanden hätten, anhand von Kriterien aus, die zwar bisher eine Rolle spielten, aber nie so im Vordergrund standen. Der Freund eines Freundes, dem wir bei einem Abendessen vorgestellt werden, könnte unser Herz mit seinem Humor erobern, selbst wenn er in einem Selfie aus dem Fitnessstudio nicht ganz wie der Mann unserer Träume aussieht.

So wie der Facebook-Feed zur Echokammer der Meinungsbildung wurde, in der wir nur mit uns auf den ersten Blick gefälligen Schlagzeilen konfrontiert werden, so werden Dating-Apps zu Echokammern einiger weniger, meist oberflächlicher Kriterien, von denen wir glauben, sie wären ausschlaggebend für die Wahl des richtigen Partners. Darüber hinaus fühlen wir uns, ebenfalls analog zur intensiven Nutzung von Instagram, schlechter mit uns selbst und unserem Körper. Auf unser Aussehen reduziert zu werden und sich noch dazu ständig mit Models zu vergleich, das kratzt auch an gesunden Egos. 

Neue Ansätze dringend gesucht

Auch wenn noch niemand den Code geknackt hat, gibt es doch einige interessante Ansätze, das Onlinedating zu verbessern: Tinder experimentiert mit Funktionen wie „SwipeNight“ (interaktive Storylines, bei denen man auf spielerische Weise zueinander findet) und „Mixer“ (Gruppen-Videochats). Hinge stellt Voice-Notes immer mehr in den Mittelpunkt von Profil und Chat. Hulah erlaubt es Nutzern, Video-Testimonials von ihren Freunden in ihr Profil zu integrieren. Bei SwoonMe werden zuerst nur Avatar und Stimme preisgegeben, bis sich Fotos erst mit der Zeit aufdecken. Snack und Lolly setzen auf in einem vertikalen Feed präsentierte Kurzvideos, die den Humor und die Kreativität ihrer Nutzer hervorstellen sollen, und die nur geliked – aber nicht disliked – werden können.

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Onlinedating muss endlich sozialer, persönlicher, vielfältiger und kreativer werden. Es steht ja nichts auf dem Spiel – außer der Liebe.

Mehr zum Thema: Was heute im Silicon Valley Millionen einsammelt, wird morgen nach Europa exportiert und übermorgen in Deutschland bestaunt. Glücklich, wer da eine Abkürzung kennt. Sarah Buchner und Lorenz Pallhuber weisen in ihrer Kolumne einmal im Monat den Weg ins Übermorgen. Lesen Sie hier die vergangenen Ausgaben.

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