Ungezwungener Freitag

Die Sache mit dem Dresscode

Lin Freitag
Lin Freitag Stellvertretende Ressortleiterin Erfolg

Der Dresscode soll für Klarheit in Kleidungsfragen sorgen. Stattdessen stiftet er häufig Unsicherheit.

Dresscode: Casual. Doch was heißt das für den Einzelnen? Quelle: Fotolia

In der vergangenen Woche herrschte große Aufregung in der Redaktion. Und das lag nicht etwa an der Krise der Deutschen Bank oder am dramatischen Ölpreisverfall. Nein, Schuld waren zwei kleine Wörter am Ende der Einladung zur Feier des 90. Geburtstages dieses Magazins. „Dresscode: Casual“ war da zu lesen.

Eigentlich eine feine Sache. Soll der Dresscode doch für mehr Klarheit bei der Klamottenwahl sorgen. Stattdessen war plötzlich gar nichts mehr klar. Es herrschte maximale Unentschlossenheit.

Die Kollegen waren sich uneins, ob sie bloß die Krawatte weglassen dürfen oder einfach auch nur eine Jeans tragen können.

Und bei den Kolleginnen reichte die Auslegung des Wörtchens Casual noch deutlich weiter: Von „Wir brezeln uns richtig auf“ bis „Ich ziehe Turnschuhe an“ war alles dabei.

So sieht die neue Lässigkeit deutscher Manager aus
Oliver BäteDer Manager von heute zeigt sich gerne weltoffen, agil und innovativ, statt sich mit zu viel Förmlichkeit aufzuhalten - und wirbt damit auch um kreative Köpfe aus der Gründer-Szene. So mancher muss sich daran allerdings erst gewöhnen.  Noch sorgen Auftritte wie der von Allianz-Chef Oliver Bäte, der auf der Hauptversammlung vor einigen Wochen in knallroten Turnschuhen vor die Aktionäre trat, für eine kleine Sensation. Hintergrund für die Wahl seines Schuhwerks war zwar ein weltweiter Mitarbeiterlauf, doch viele Beobachter werteten sie auch als Signal für Wandel und Zukunft - und die ist auch bei Europas größtem Versicherer digital. Quelle: dpa
Joe Kaeser Bei Siemens weht ebenfalls ein frischer Wind: Seit einem Start-up-Event vor einigen Monaten zeigt sich Konzernchef Joe Kaeser gelegentlich im offenen Hemd und Jeans - ähnlich wie beispielsweise Daimler-Chef Dieter Zetsche. „Bei uns kann jeder anziehen, was er will, es gibt keine Vorschriften“, ließ Kaeser, der jahrelang in den USA arbeitete und dort auch seinen Geburtsnamen Josef Käser gegen die internationale Version eintauschte, kürzlich wissen. Und wenn doch mal ein Dresscode für eine Veranstaltung gelte, schreibe man es einfach auf die Einladung oder in die Tagesordnung. Quelle: dpa
Johann JungwirthNoch entspannter geht es VW-Digitalchef Johann Jungwirth an: „Ich bin J.J. Mich muss man nicht siezen“, sagte der Manager kürzlich auf einem Automobilforum in München. Hierarchien seien ihm nicht wichtig - und das Duzen baue Hierarchien ab. Quelle: dpa
Hans-Otto Schrader Quelle: dpa
Albert KleinDen Wandel muss Otto nun auch ins 400 Kilometer weiter südlich gelegene Weismain in Oberfranken tragen, wo der zur Gruppe gehörende Versandhändler Baur sitzt. Der versucht gerade, sich stärker zu spezialisieren, schneller und offener zu werden, um dem Druck der großen Konkurrenten im Online-Handel standzuhalten. Symbol dafür soll auch hier das „Du“ sein, das Geschäftsführer Albert Klein kürzlich sogar Praktikanten bei einem Essen anbot. „Wenn man etwas älter ist wie ich, das geb ich offen zu, ist das auch eine Umstellung, die mir persönlich auch nicht immer so ganz leicht gefallen ist“, räumt er ein. Quelle: dapd

Woran liegt das nur, dass etwas, das die Welt vereinfachen soll, sie scheinbar so viel komplizierter macht? Oft erschwert die Verbindung aus Beruflichem und Privatem die Wahl. Wie auch in diesem Fall. Geladen waren nicht nur Redakteure, sondern auch Manager, Politiker und Leser. Stattgefunden hat das Fest außerdem an einem Freitagabend in einer ehemaligen Düsseldorfer Diskothek – eine schwer kombinierbare Mischung.

Dazu kommt die muntere Ausweitung der gängigen Kleiderordnung. Gab es früher im Großen und im Ganzen doch nur zwei verschiedene Möglichkeiten: die „Abendgarderobe“, die einen dunklen Anzug für den Mann und ein Cocktailkleid für die Frau vorsah, und „Black Tie“, bei dem sich der Mann in einen Smoking hüllte und die Frau in das lange Abendkleid warf. Heute ist das anders.

Mit dem Siegeszug der Werber, Kreativen und Gründer in der deutschen Wirtschaft kamen auch allerlei Wortneuschöpfungen auf, wie etwa Smart Casual, Business Casual oder auch Creative Casual.

Die Folge? Die größere Auswahl sorgte nicht für schärfere Grenzen, sondern ließ sie mehr und mehr verschwimmen. Egal, ob T-Shirt unter dem Blazer, Sneaker zum Smoking oder die Abwesenheit der Krawatte: Irgendwie scheint immer alles zu gehen.

Das bedeuten die verschiedenen Business-Dresscodes

Was wiederum zu der nächsten Frage führt, ob es überhaupt noch Dresscodes braucht. In einer Welt, die Individualität hoch schätzt, wirken sie wie aus der Zeit gefallen. Ist der Kleiderordnung oberstes Ziel doch die Gleichmacherei: Alle ziehen sich ähnlich an, damit keiner sich unwohl fühlt.

So geschehen dann auch am Freitagabend auf der großen Party zum 90. Geburtstag dieses Magazins. Wie die große Unsicherheit endete? Alle trugen die Nummer sicher: Jeans und Blazer. Zweck erfüllt, langweilig ist das trotzdem.

Geht gut: Langweilig, aber bei fast allen Mischformen völlig in Ordnung: Jeans und Blazer.

Geht gar nicht: Heißt es Black Tie, gehen Jeans und Blazer nicht. Und umgekehrt. Wer ein kleines bisschen wild sein will, wählt eine Smokingjacke aus Samt.

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