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Uni-Ranking Die besten Unis 2008: Wo die Elite von morgen studiert

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Stressiger Bachelor

Top-Talente rekrutieren die Unternehmen seit Jahrzehnten vor allem in Deutschland - und nicht im Ausland. Nur eine Minderheit der Vorstände in Dax-Unternehmen hat jenseits der Grenzen studiert, so eine Analyse der Personalberatung Heidrick & Struggles. Die Vorstandsschmieden stehen vor allem in München (TU und LMU), Göttingen, Karlsruhe und Köln.

Die Hochschulen müssen aber aufpassen, dass sie die Zeichen der Zeit nicht übersehen. Die Anforderungen der Wirtschaft haben sich geändert: Manager von morgen müssten „eine partnerschaftlich orientierte Unternehmenskultur“ und „ethikorientierte Führung“ verfolgen, sagt Dieter Frey, Wirtschaftspsychologe an der LMU. Hochschulen müssten Studenten „Grundlagen des Umgangs mit Menschen“ beibringen, etwa „richtige Fragen zu stellen, die Motive seines Gegenübers zu erkennen“ und „Mitarbeiter zu Höchstleistungen“ zu bringen.

Der Veränderungsdruck an den Hochschulen durch Exzellenzinitiative, Hochschulautonomie und die Umstellung auf neue Abschlüsse wie Bachelor und Master, wie von den europäischen Bildungsministern 1999 in Bologna vereinbart, kommt gerade recht. „Es ist gut, dass der Pfropfen endlich gezogen ist“, sagt Thomas Sattelberger, Personalvorstand bei Deutsche Telekom. Der Rückstand ist aber „noch groß“. Der Umbau des deutschen Hochschulsystems gleiche einem „laufenden Reparaturbetrieb“. Die verkrustete deutsche Almer Mater muss noch „einen mühsamen Weg gehen“.

Noch knirscht es gewaltig im Reformgebälk. Das spüren Menschen wie Rudolf Hübner fast täglich. Der Jurastudent aus Heidelberg leitet inzwischen Tutorien mit Studienanfängern und hat so den direkten Vergleich zu seiner Zeit als Frischling. „Man merkt, dass die jüngeren Semester unter größerem Druck stehen“, sagt der 26-Jährige. Sie verbringen mehr Zeit in der Bibliothek und wollen keine Zeit verlieren: Wer ein Semester vergeigt, muss extra zahlen. » Jedes halbe Jahr an der Uni schlägt mit 500 Euro Studiengebühr aufs Budget.

Julia Kirn von der Universität Karlsruhe berichtet Ähnliches: „Die Bachelor-Studenten sind schon sehr im Stress. Die müssen durchweg mehr Veranstaltungen besuchen als wir“, sagt die 21-Jährige. Kirn studiert Wirtschaftsingenieurwesen und gehört dem letzten Diplom-Studiengang an.

Experten stützen die Beobachtung der Studenten. „Sorgen über die Studienfinanzierung und eng gestrickte Lehrpläne erzeugen Stress“, sagt der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks (DSW), Achim Meyer auf der Heyde, und belegt das mit Zahlen: 2004 kamen rund 16.100 Menschen in die psychologischen Beratungsstellen der Unis, 2006 baten fast 23.000 um Hilfe. Und die Probleme sind vielfältig.

Zum Beispiel Bachelor: Hier wurde die Studienzeit so vollgepackt, dass Studenten oft Zeit für Auslandssemester fehlt. Laut Erhebungen des DSW ist der Aufwand eines Bachelor-Studiums mit 36 Wochenstunden fast so groß wie ein Jura-Staatsexamensstudium mit 41 Wochenstunden. Magister-Studenten müssen lediglich 30 Stunden aufwenden.

Zum Beispiel Auslandsstudium:   Bei der internationalen Mobilität gibt es Probleme. So sind deutsche Bachelor-Programme oft nur sechs Semester lang. Master-Programme im Ausland verlangen häufig vier Jahre. Wer sich etwa für ein Master-Programm in Holland bewirbt, bekommt seinen deutschen Bachelor mitunter nicht anerkannt. Umgekehrt werden ausländische Lehrveranstaltungen oft in Deutschland nicht angerechnet. Hier hilft nur, sich bei Partnerunis der eigenen Hochschule zu bewerben oder vor Auslandssemestern schriftlich fixieren zu lassen, was anerkannt wird und was nicht.

Zum Beispiel Vergleichbarkeit:   Bei dem Ziel, die Abschlüsse international vergleichbar zu machen, „hinken die meisten Hochschulen weit hinterher“, sagt Christian Schutz, verantwortlich für Strategische Personalentwicklung und Nachwuchssicherung bei BMW sowie Leiter des Bereichs Bachelor/Master beim Arbeitskreis Personalmarketing (DAPM). Die im Rahmen des Bologna-Prozesses zusätzlich zu vergebenden Noten von „A“ bis „F“ — sie spiegeln die Leistung im Vergleich zu Mitstudenten eines Jahrgangs wider - hätte „nur ein Bruchteil der Hochschulen umgesetzt“, sagt Schutz. Zudem würden noch immer zu wenige Hochschulen ihren Absolventen ein „Diploma Supplement“, also eine detaillierte Liste der Pflichtkurse und Wochenstunden, als Zertifikat mitliefern. Für Unternehmen sei das ein wichtiges Element, um Studenten vergleichen zu können.

Zum Beispiel Inhalt: Der große Wurf bei den Studienprogrammen ist der Mehrheit nicht gelungen. Statt innovative und interdisziplinäre Studiengänge anzubieten, hätten die Hochschulen meist „alten Wein in neue Schläuche gegossen“, sagt Telekom-Vorstand Sattelberger. „Zutiefst betroffen“ machen ihn etwa die hohen Abbrecherquoten.

Die deutschen Spitzen-Unis haben die Probleme allerdings erkannt. Um beispielsweise die Vergleichbarkeit der Abschlüsse und der Noten zu gewährleisten, knüpfen sie bereits enge Kontakte zu ausländischen Hochschulen. Die Universität Mannheim macht das Auslandssemester sogar obligatorisch: Alle BWL-Bachelor-Studenten müssen ein Semester an einer ausländischen Alma Mater verbringen.

Die Ausbildung an Fachhochschulen ist da schon weiter. Unbemerkt vom medialen Hype haben sie ihre Hausaufgaben gemacht und sind den Universitäten oft einen Schritt voraus. Grund: Sie bieten Bachelor-Programme mit Seminaren zu Handlungskompetenzen und intensiven Praxismodulen an, die sich oft über ein ganzes Semester hinziehen. Universitäten haben die Lehre lediglich auf sechs Semester reduziert — ohne dabei Praxiselemente anzubieten. Deshalb können die Fachhochschulen „die Gewinner dieser Entwicklung“ sein, sagt HIS-Forscher Minks.

Universitäten und Fachhochschulen bewegen sich ohnehin „aufeinander zu“, sagt BMW-Manager Schutz. Dieser Meinung sind auch knapp 39 Prozent seiner Personalkollegen in anderen Unternehmen. Die Universitäten würden gezwungen, ihre Lehre stärker an der Praxis aus- » zurichten und Sozial- und Methodenkompetenzen zu lehren. Die FHs haben hier schon Erfahrungen. Zudem werde der Wechsel von einem FH-Bachelor zu einem Master an einer Universität erleichtert.

Die FH-Absolventen brauchen sich längst nicht mehr vor ihren Uni-Kommilitonen verstecken. Zwar schneiden sie in einigen Punkten wie Theoriewissen und Auslandserfahrung schlechter ab. Doch die Mehrheit der befragten Personalchefs kann in den meisten Aspekten keinen Unterschied mehr ausmachen.

Zu den stärksten FHs zählt die Hochschule Reutlingen. Mit deutlichem Abstand liegen die Schwaben in BWL an der Spitze. Rund 46 Prozent der Personalmanager schätzen die internationale und praxisorientierte Ausrichtung ihrer beiden wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten: der European School of Business (ESB) und der School of International Business (SIB). Die Bachelor-Programme integrieren etwa Planspiele und Präsentationen. Viele Dozenten kommen aus der Praxis, und einige Vorlesungen werden in einer Fremdsprache gehalten. Folge für die Studenten: „Rund 70 Prozent haben einen Job sicher, bevor sie ihr Bachelor-Zeugnis in den Händen halten“, sagt Gerd Nufer, Prodekan der Reutlinger SIB.

Zudem geht Reutlingen ähnliche Wege wie die erfolgsverwöhnte Mannheimer Universität: Sie setzt auf Profilbildung. Zusammen mit der Fakultät „Produktionsmanagement“ fusionieren die beiden anderen Einrichtungen zu einer neuen Marke: ESB Reutlingen. Die neue Business School umfasst künftig 60 Professoren und mehr als 40 Mitarbeiter. Die Betreuungsquote für die 2500 Studenten sinkt so auf etwa 41 zu 1 - deutlich besser als der deutsche Durchschnitt.

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