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Universal Design Einfach, handlich, verständlich

Gute, gelungene Formen sind längst kein Privileg mehr von Einrichtungsgegenständen. Gestalter nehmen sich von Druckmaschinen über Bohrmaschinen bis zu Kleiderbügeln alltäglicher Gegenstände an.

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„We love machines“ heißt der Wahlspruch der Münchner Designer Tim Wichmann (links) und Christian Jaeger.

Der Weg zum Einfachen ist manchmal ganz schön kompliziert. Wie der zur KaiKai Company in Münchens Maxvorstadt. Erst geht es durch einen Hinterhof, vorbei an einem halben Dutzend Rädern, dann über knarrende Holzstufen hinauf, ins Chefbüro, das sich die beiden Diplom-Designer Christian Jaeger und Tim R. Wichmann teilen. An der Wand steht der Regalklassiker von USM, auf der Fensterbank ein Modell des Batmobils.

Die Gewinner des RedDot Design Awards
Lexon SAS Wecker FlipDraufhauen, aus dem Fenster werfen, in einen Eimer Wasser schmeißen - den Wecker am Morgen zum Schweigen zu bringen geht auch eleganter. Das Modell Flip wird einfach umgedreht. Dank der Schrift auf dem Gehäuse sieht der Nutzer selbst in den frühen Stunden, ob der Wecker an oder ausgeschaltet ist. Design: Adrian Wright, Jeremy Wright Preis: 39 Euro Quelle: Presse
Braas PV Premium SolarziegelMit den ersten Sonnenstrahlen liefern Solarpaneele Strom. Die von Braas verschwinden optisch und nehmen dem Haus nichts von seiner eleganten Wirkung. Design: Alexander Flebbe Quelle: Presse
Axor Badarmatur Starck OrganicDie Armatur soll kein Rätsel aufgeben, wo heiß oder kalt ist, und außerdem das Auge ansprechen. Diese tut das mit fließenden Formen. Design: Philippe Starck Preis: 450 Euro Quelle: Presse
Berliner Stadtreinigungsbetriebe Mülltrennungssystem New OrderDie "völlig neue" Herangehensweise an das Thema Mülltrennung lobten die Juroren. Design: böttcher+henssler Preis: 117 Euro Quelle: Presse
Joiebaby Kinderwagen BriskDer Fußtritt ist Vergangenheit. Mit der Hand wird am Griff der Faltmechanismus des Buggys gelöst, zudem kann er Säuglinge auch ohne Babyschale transportieren. Design: In-House Preis: 200 Euro Quelle: Presse
Auf dem Weg zur Arbeit sind es weiße Linien, wie hier in Kopenhagen, die uns daran erinnern, dass städtische Plätze Raum für Begegnungen schaffen. Sie tragen dazu bei, die Atmosphäre einer Stadt zu verbessern. Quelle: Presse
Sony SmartWatchUhrzeit, Twitter-Account oder Musik – am Handgelenk hält die „Uhr“ per Bluetooth Kontakt zum Smartphone, das in der Tasche bleiben kann. Design: Sony Mobile UX Creative Design Team Preis: 89 Euro Quelle: Presse

Nein, das sei kein Vorbild, winken die beiden Männer ab, das sei ganz erbärmlich gestaltet. Die KaiKai Company hat sich auf Industrieanlagen spezialisiert, die anderthalb Jahrzehnte oder länger in Betrieb sind und gut und gern zweistellige Millionenbeträge kosten. "We love machines", lautet ihr Wahlspruch. Auftraggeber sind Ingenieure, für die innere Werte zählen: die Leistungsdaten ihrer Maschinen. Design gilt in dieser Branche als vernachlässigbar.

Das könnte sich ändern. Da wäre etwa die Colorman E:Line von Manroland, eine Rollenoffsetdruckmaschine, die aussieht, als hätte George Lucas Pate gestanden beim Entwurf. Science-Fiction zum Anfassen. Wie riesige Tintenpatronen liegen die Druckwalzen übereinander. Ihre hochglänzend weißen Flächen erinnern an das Visier der Sturmtruppen aus "Krieg der Sterne". Alles wirkt aufgeräumt. Clean. Und das mit gutem Grund. Sauber soll es in der Produktion zugehen, klar und effizient. 90.000 Zeitungen spuckt die Anlage pro Stunde aus, zwei Falzwerke rotieren mit einer Geschwindigkeit von bis zu 12,75 Metern pro Sekunde.

Die Druckmaschine Colorman E:Line von Manroland wirkt wie Science-Fiction zum Anfassen. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Presse

Die rund 250 Tonnen schwere Anlage mit ihren vier Drucktürmen lässt sich per Fingerwischen steuern, fast wie ein überdimensionales Handy. "Design sollte die revolutionäre Technik widerspiegeln", erklärt Wichmann, der ganz neue Fragen beantworten musste. Zum Beispiel: Wie teilt eine Maschine eigentlich mit, dass sie zu wenig Kühlflüssigkeit hat? Die Antwort der "Jungs von KaiKai", wie sie sich selbstironisch bezeichnen: Leuchtlinien an der Verkleidung zeigen ihren inneren Zustand an. Diese Kommunikation funktioniert wie ein Ambient-Light in der Bar nach Feierabend. Blau steht für Automatikbetrieb, Gelb gibt einen Warnhinweis, Grün heißt alles in Ordnung. Und Rot? "Achtung, sofort Handeln", bricht es aus Wichmann heraus.

Design spielt nicht nur beim Offsetdruck eine große Rolle. Sanft leuchtende Töne und klare Formen stehen in einem größeren Kontext, einem funktionalen Zusammenhang. Es geht um Ergonomie. Und Betriebssicherheit. Wie steigert Produktdesign die Kommunikation von Mensch und Maschine? Schließlich bedienen immer weniger Fachleute die Millionenanlagen.

Die Dinge werden einfacher, handlicher, selbstverständlicher

Die besten Produktdesigns 2012
FreudenfeuerWenn es gut läuft, wird er nie gebraucht. Scheinbar nutzlos hängt ein Feuerlöscher an der Wand. Er schmückt auch nichts. Trotzdem drängelt er sich mit seiner roten Alarmfarbe in den Vordergrund – damit er im Ernstfall rasch gefunden wird. Der Firephant des schwedischen Herstellers GPBM Nordic AB begeisterte die Juroren Marten Claesson aus Schweden, den Koreaner Ken Nah und den Chinesen Renke He, „weil er so selbsterklärend wie einfach zu nutzen und im Notfall schnell einsatzbereit ist. Er verwandelt ein bislang unauffälliges Produkt in ein farbenfrohes Objekt mit zeichenhafter Aussage.“ Da spielt es bei einem Brand kaum noch eine Rolle, wenn der Nutzer nicht Schwedisch versteht. Die Piktogramme unter dem Wort „Brandsläckare“ erläutern die Funktion bildhaft. Quelle: Pressebild
LeuchttürmchenDie Designer Stefan Diez, Simon Ong und Guto Indio da Costa sahen hier mehr als nur ein Glasgefäß, in dem ein Feuer brennt: „Die Leuchte überführt das traditionelle Motiv eines wärmenden Feuergefäßes in eine zeitgemäße Formensprache. Als eine spannende Synthese aus Windlicht und Feuerstelle erinnert sie an die Form einer Flasche. Sie stellt damit auch in symbolischer Hinsicht eine sehr überzeugende Neuinterpretation dar.“ Der finnische Gestalter Ilkka Suppanen hatte bei dem mit Bioethanol betriebenen Licht für den Hersteller Iittala zusätzlich die Form alter Leuchtfeuer im Sinn, die bis zum 19. Jahrhundert entlang des Bottnischen Meerbusens Seefahrer leiteten und dann von modernen Leuchttürmen abgelöst wurden. Quelle: Pressebild
Zwischen-BikeHusqvarna Nuda 900 R – der etwas sperrige Name des Gefährts verrät dennoch ein wenig über die Idee. „Nuda“, wie nackt, bezieht sich auf die Kategorie der „Naked Bikes“, die keine Form von Bekleidung besitzen. Die Juroren Martin Darbyshire, Lutz Fügener und Ken Okuyama attestieren der Maschine, dass sie „mit ihrer minimalistischen und spannungsreichen Formensprache eine sehr gelungene Neuinterpretation der Marke darstellt und dem Betrachter ihre sportlichen Qualitäten vermittelt“. Als eine Mischung aus Naked Bike und der Kategorie Supermoto, die für Rennmotorräder steht, entzieht sich die 900 R den üblichen Schubladen. Alles an der 900 R soll sportlich und dynamisch wirken, vom Scheinwerfer bis zum Heck. Quelle: Pressebild
AllesmerkerFotos aus dem vergangenen Urlaub auf Bornholm, gescannte Zeugnisse, Lieblingsfilme – ausgelagerte Festplatten sind zurzeit der leichteste Weg, große Mengen an Daten außerhalb des Computers zu speichern und sie auf Reisen mitzunehmen. Und sie sehen irgendwie alle immer nach kleinen Kästchen aus mit Buchsen. Die Juroren Gordon Bruce, Cheng Neng Kuan und Renke He erheben die von Toshiba produzierte Festplatte STOR.E Edition hingegen zu einem „stilvollen Accessoire, deren ästhetisiert. Sie ist funktional, überaus schnell in der Datenübertragung und dabei leicht zu bedienen.“ Quelle: Pressebild
HochsitzSitzlehnen aufrecht und die Tische wieder hochgeklappt – bei Start und Landung kann der Sitz Basic Line 3520 von Recaro Aircraft Seating seine Vorteile nur zum Teil ausspielen. Sie sind zunächst unsichtbar. Dank leichter Materialien konnte das Gewicht des Sitzes reduziert werden, was hilft, die Spritkosten zu senken. Darüber hinaus begeisterte die Juroren Martin Darbyshire, Lutz Fügener und Ken Okuyama „die Funktionalität und Ergonomie. Das gesamte Konzept ist stimmig und durchdacht und vermittelt ein Gespür für jedes Detail.“ Die Sitze sind für die Kurz- und Mittelstrecken entwickelt worden, wo jeder zusätzliche Zentimeter zwischen Knie und Rückenlehne des Vordermanns von den Passagieren als Wohltat geschätzt wird. Je schmaler das Sitzpolster, desto mehr Platz. Quelle: Pressebild
Schicke WippeErwachsene bleiben wohl einfach drin liegen in dem Stoff, der um einen Holzrahmen gespannt ist. Dabei lädt die Shallow Swing zum Schaukeln ein. Quelle: Pressebild
PanzerknackerUngebetene Gäste in Gestalt von Einbrechern können ihr Handwerk stilvoll verrichten mit der verstellbaren Brechstange von Hultafors. Dank des isolierten Griffs schont sie die Hände bei der Arbeit. Quelle: Pressebild

Genau an diesem Punkt setzt Design an. Cleane Maschinen steigern Aufmerksamkeit und Verantwortungsbewusstsein, davon sind Jaeger und Wichmann überzeugt. Zudem bauen sie Schwellenängste vor der komplexen Technik ab. "Zeitersparnis beim Einarbeiten, gerade von ungeschultem Personal, spielt eine wesentliche Rolle", sagt Jaeger. Ziel war ein "selbsterklärendes Produkt, das international funktioniert und nahezu intuitiv bedient werden kann". Die Anlage arbeitet fast vollautomatisch und wird per Touchscreen gesteuert, an dem noch feinste Drucknuancen verändert werden können.

Die Klemmen für Mountainbike-Lenker betonen die Formgebung durch dynamische Grafiken. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Presse

Weg mit den Tasten, hin zu einem intuitiven Steuergerät, so könnte die Zukunft generell aussehen. In Kempten steht das erste Modell. 18 Millionen Euro investierte die "Allgäuer Zeitung". Die Manroland E:Line ersetzt zwei alte Maschinen von 1998. Die Hoffnung von Hersteller und Designern: Was leicht verständlich ist, wird auch wirtschaftlich erfolgreich sein. Zumindest hat das Äußere auch die Jury des Red Dot überzeugt, die vom "dynamischen Erscheinungsbild" schwärmte, von "markanten Fugen" und einem "sanften Lichtband". Jaeger und Wichmann schmunzeln. "Wir fühlen uns selbstverständlich sehr geehrt", sagen sie unisono, "dennoch ist entscheidend, dass Produkte am Markt erfolgreich sind und den Endkunden überzeugen."

Akkuschrauber Gyro Driver von Black & Decker Drehrichtung und Geschwindigkeit passen sich den Handbewegungen des Nutzers an. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Presse

Revolution im Design

Es tut sich etwas in der Designwelt. Die Dinge werden einfacher, handlicher, selbstverständlicher, nicht zuletzt dank Universal Design. Es versteht sich als Alternative zum bisherigen, durch Zielgruppen geprägten Marketingdesign. Universal Design soll möglichst viele Menschen erreichen: Alte und Junge, Frauen und Männer, Technikbegeisterte, Menschen mit körperlichen Handicaps ebenso wie Gelegenheitsnutzer.

Unter den Gewinnern des diesjährigen Red Dot Awards finden sich noch andere Produkte, die Funktionalität, formale Qualität und Ergonomie perfekt verbinden. Etwa der Gyro Driver von Black & Decker. Der Akku-Schrauber übersetzt Handbewegungen in Aktionen, er passt Drehrichtung und Geschwindigkeit automatisch den Bewegungen des Nutzers an. Schraube einschrauben: Hand nach rechts. Schraube ausschrauben: Hand in Gegenrichtung. Je heftiger der Ausschlag, desto schneller versenkt das Gerät die Schrauben. "Bewegungsgesteuerte Koordination" nennen das Designer. Ein gutes Beispiel für Universal Design, einfach zu handhaben, wie der gleichfalls prämierte Wecker Flip, ein einfaches Kästchen, das den Alarm ausschaltet, sobald man es umdreht. Die Anzeige macht den Dreh in Gegenrichtung mit und bleibt so lesbar. Und wer über das gummierte Gehäuse streicht, setzt die Schlummerfunktion in Betrieb. So einfach kann das Aufstehen sein.

Funktion mit Ästhetik verbinden

Markenlogos: Zurück in die Vergangenheit
Sirup Tri Top in fünf verschiedenen Geschmacksrichtungen Quelle: Presse
Rotbäckchen-Logo Quelle: Presse
Flaschen mit Maggi-Würze aus unterschiedlichen Jahren Quelle: dpa
Lego begeistert Kinder nach wie vor Quelle: dpa
Auch Marken ereilt im fortgeschrittenen Alter eine Midlife-Crisis: Wie manche Menschen, wünschen auch sie sich ihre jungen Tage zurück und präsentieren sich wieder wie früher. "Heritage" nennt es die Werbebranche, wenn Unternehmen sich so darstellen, wie in ihren Gründertagen. Dass Retro in ist, zeigen folgende Beispiele: NiveaRückkehr zur alten Dose: Das neue Design der Marke Nivea, ist nichts anders als ihr altes Design. "Blue Agenda" nennt der Kosmetikhersteller Beiersdorf die neu Markenführung, die sich bewusst an der 1925 geschaffenen blauen Creme-Dose orientiert. 13.000 internationale Produkte haben seit Januar das neue einheitliche Logo erhalten: einen blauen Kreis mit weißem Schriftzug. Mit verantwortlich für die Neugestaltung ist der Schweizer Industrie-Designer Yves Béhar. Nivea zählt nach Angaben von Beiersdorf zu den bekanntesten Marken der Welt. Quelle: dapd
BärenmarkeManche Marken müssen sich gar nicht erst rückbesinnen, weil sie ihr Logo über Jahre hinweg kaum verändert haben. Ein Beispiel ist die Bärenmarke, die auf den Braunbären im Wappen des Schweizer Kantons Bern zurückgeht. Das Wappentier wurde zum Maskottchen der 1892 gegründeten „Berner Alpen Milchgesellschaft“. 1905 eröffnete sie ein deutsches Zweigwerk im Allgäu, das erstmals 1912 ungezuckerte, zehn Prozent Fett enthaltende Kondensmilch herstellte. 1951 entstand das heute bekannte Bärenmarken-Logo. Seitdem hat es zahlreiche Sortimentserweiterungen gegeben, das Logo ist jedoch gleich geblieben. Quelle: AP
Em-eukal1923 entwickelte die Nürnberger Firma Dr. C. Soldan das Lutschbonbon Em-eukal, 1972 folgte Kinder Em-eukal mit dem Design des gemalten Jungen auf der Verpackung. 2008 baute das Unternehmen seine Vermarktung um: Es erweiterte seinen Vertrieb auf den Einzelhandel, erweiterte sein Sortiment auf insgesamt 17 Bonbon-Typen und überarbeitete seinen Markenauftritt in Anlehnung in die klassischen Verpackungen. Quelle: Dr. C. Soldan

Kataloge wälzen, Bedienungsanleitungen studieren und Schritt für Schritt umsetzen - das ist vorbei. Die Nutzer haben haben heute einfach keine Zeit mehr für lange Einweisungen. Ihre Dinge müssen funktionieren, und zwar sofort. Auch das iPhone hat auf die Kraft des Einfachen gesetzt - und gewonnen. Statt immer mehr Funktionen unter Knöpfen und Menüs zu begraben, wischte Apple-Chefdesigner Jonathan Ives einfach alle Tasten weg - bis auf eine: die zum Ausschalten. Intuitive Fingerspiele am Smartphone gehören inzwischen zum Standard der Kommunikationsgesellschaft. Wir bewegen Texte und Fotos mit den Fingerspitzen und schnippen sie weg. Wer nicht schreiben will, nutzt das Gerät eben als Diktiergerät oder steuert es per Spracheingabe.

Womöglich werden Historiker einmal von einer Zeit der Tasten sprechen und von einer der Gesten. Und vom Jonathan-Ives-Effekt. Design war plötzlich mehr als eine schöne Hülle um reichlich Technik, es verband Funktion mit Ästhetik und wurde so zum Portal für die vielen, zum Schlüssel für Kommunikation. Mit weitreichenden Folgen.

Leichte Bedienung wünschen sich Nutzer längst von allen Dingen des Alltags. Doch wo bleiben die selbsterklärenden Fernbedienungen? Die barrierefreien Zugänge für Kinderwagen und Rollstuhlfahrer? Oder auch nur eindeutig beschilderte Aufzüge? Ein Beispiel: Wer zur Münchner U-Bahn will, hat die Wahl zwischen "auf" und "ab", manchmal zwischen Pfeilen für "hoch" und "runter", wird meist jedoch mit "SP" konfrontiert, was für "Sperrengeschoss" steht. Ausgesperrt sind damit automatisch Besucher und Touristen, denen sich das seltsame Wort nicht von selbst erschließt. Ganz zu schweigen von Menschen mit Handicaps.

Kleiderbügel Hannah: Augenzwinkerndes Spiel mit Funktionalität und Benutzbarkeit. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Presse

Die Alten kommen

"Leben im Alter ist für uns total relevant heute", sagt der Berliner Designer Mark Braun, "wenn man das nicht bei jedem Produkt mitdenkt, wird man seiner Verantwortung nicht gerecht." Braun wurde bekannt für seine einfachen Entwürfe, für erfrischend lapidare Dinge, die dennoch formvollendet auftreten wie zum Beispiel ein Glas-Set mit Karaffe und Gläsern für den Wiener Produzenten Lobmeyr oder der augenzwinkernde Kleiderbügel Hannah, der einen zweiten Haken unterhalb des Holzes anbietet. Die Intentionen des Universal Design richten sich für ihn auf "etwas Selbstverständliches: Es geht um Funktionalität und Benutzbarkeit!" Für Peter Zec, den Initiator und CEO des Red Dot Design Awards, heißen die Schlüsselbegriffe "Komfort, Funktionalität und Gebrauchsqualität". Ein "Produkt, das alles kann", sei ein "Ding der Unmöglichkeit". "Es geht uns nicht um die Gestaltung eines Handys mit Riesenbuchstaben im Display und Notruf-Button“, erklärt Achim Zolke, Head of Corporate Communications des Red Dot, "sondern um die Konzeption eines hochwertigen und damit auch soliden Produktes, dessen Interface von möglichst allen Gruppen, in allen Lebenslagen, intuitiv verstanden wird."

Mündige Kunden

Diesen Luxus gönnen sich die Deutschen
Platz 10: SchreibutensilienIm vergangenen Jahr kauften die Deutschen für 100 Millionen Euro Kugelschreiber, Füllfederhalter und andere Schreibutensilien. Wer nicht aufs Geld achten muss, kauft diese Produkte schon Mal gerne bei Montblanc. Der Füller 149 Fountain Pen Black and Gold etwa kostet rund 200 Euro. Quelle: dpa
Platz 9: MusikinstrumenteAuch für ihre musikalischen Hobbies greifen die Deutschen tief in Tasche. Für 100 Millionen Euro wurden 2011 Klaviere, Gitarren, Flöten und andere Instrumente gekauft. Quelle: dpa
Platz 8: Interior800 Millionen Euro war den Deutschen 2011 die Inneneinrichtung ihrer vier Wände wert. Die Branche beschäftigt rund 8300 Mitarbeiter und exportierte Waren im Gesamtwert von weiteren 800 Millionen Euro ins Ausland. Quelle: obs/Accor Hotellerie Deutschland GmbH
Surroundsystem von Nubert Quelle: Nubert
Platz 6: WeinEin vergleichsweise schnell vergängliches Luxusgut ist Wein. Man kauft ihn und trinkt ihn - irgendwann. Mancher Tropfen liegt aber auch schon Mal Jahre oder Jahrzehnte im Keller - und ist irgendwann sogar zu schade, um noch geöffnet zu werden. Die deutschen lagerten 2011 Wein im Wert von 1,1 Milliarden Euro in ihre Regale ein. Quelle: dpa
Platz 4: ModeKleider machen Leute. Das sehen auch viele Deutsche so. 1,9 Milliarden Euro verdienten die Modehäuser des Landes an trendbewussten Kunden. Quelle: dpa
Platz 3: Uhren und SchmuckViel Geld kann man auch für Uhren loswerden. Besonders die Zeitmesser des Herstellers Rolex gelten als das Luxusprodukt schlechthin. 2,6 Milliarden Euro gaben die Deutschen vergangenes Jahr für Uhren und Schmuck aus. Quelle: dpa

Wer in Zukunft bestehen will, muss mehr bieten als nette Apps zum Download. Komfort, Service und Verständlichkeit werden unsere Dingwelt bestimmen. Das hat nicht zuletzt mit der Bevölkerungsentwicklung zu tun. Mündige Verbraucher von morgen - im Schnitt älter und erfahrener - fordern Einfachheit und Eleganz, sie präferieren unkomplizierte Dinge, die gut in der Hand liegen und schön aussehen. "Silver Ager" nennen Trendforscher die Kohorte 60 plus, zuweilen auch "Whoopies" (Well-off older people) oder einfach "Empty Nesters". Sie haben Geld, sie haben Zeit, vor allem aber haben sie eine Biografie, die sie als Zielgruppe schwer berechenbar macht. Im Alter leben wir nämlich individueller als mit Anfang 20, mit sehr speziellen Abneigungen und Ansprüchen.

Karaffe und Gläser von Lobmeyr Schlichtes, formvollendetes Design. (zum vergrößern bitte anklicken) Quelle: Presse

Neuwagenkäufer sind schon heute im Durchschnitt älter als 50, das belegt eine aktuelle Studie des CAR-Instituts der Universität Duisburg-Essen. Tendenz steigend. Als Porsche den Geländewagen Cayenne mit extrabreiten Türen, einem besonders hohen Einstieg und mit rückenfreundlichen Sitze ausstattete, entstand unfreiwillig der erste Senioren-Porsche. "Ich kann verstehen, dass Hersteller Angst davor haben, wenn ihre Produkte stigmatisiert werden", sagt Zec, der lieber einen Porsche-Klassiker fährt. Und irgendwann vielleicht einen Smart, weil der in jede Parklücke passt. Mit dem demografischen Wandel lasse sich der Begriff Universal Design „ganz gut als Marketingformel verwenden", meint Zec. Man müsse nur aufpassen: "Nehmen wir den Sanitärbereich. Heute wird bis zum Brausekopf damit argumentiert, dass etwas altengerecht sei - da geht es manchmal nur noch um Marketing."

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Tatsächlich ist im Bad viel geschehen. Bodengleiche Duschen ohne Ränder, höhenverstellbare Toiletten und ergonomische Griffe erleichtern es vielen, in der eigenen Wohnung alt zu werden, ohne sich dabei hilflos zu fühlen.

Universal Design ist seit dem 3. Mai 2008 Teil der UN-Behindertenrechtskonvention. Artikel 4 verpflichtet die Vertragsstaaten, „sich bei der Entwicklung von Normen und Richtlinien für universelles Design einzusetzen“. Gute Gestaltung als gesamtgesellschaftlicher Auftrag: eine schöne Vorstellung.

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