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Unternehmenssprache Die ungewohnte Offenheit des Groupon-Chefs

Wenn Firmenchefs abtreten, dann trennen sie sich meist von ihrem Unternehmen im „gegenseitigen Einvernehmen“. Anders Groupon-Chef Andrew Mason, der seinen Mitarbeitern schrieb: „Ich wurde heute gefeuert.“ Eine seltene Offenheit.

Ex-Groupon-Chef Andrew Mason mit seiner Ehefrau Jenny Gillespie. Dass er gerne aneckt, bewies er mit der Stellungnahme zu seinem Rücktritt. Quelle: REUTERS

Es war ein schwarzer Tag in der Unternehmensgeschichte von Groupon. Der seit einiger Zeit wachsende Problemberg des US-amerikanischen Unternehmens gipfelte in einem Kursverlust von 24 Prozent. Am Donnerstagnachmittag verkündete Groupon-Chef Andrew Mason seinen Rücktritt. „Ich habe entschieden, dass ich mehr Zeit mit meiner Familie verbringen möchte“, schrieb er seinen Mitarbeitern. „Das war nur ein Scherz. Ich wurde heute gefeuert.“ Das ist einerseits eine ungewohnte Offenheit und andererseits ein Seitenhieb auf die in der Wirtschaft vorherrschenden Floskeln.

Die bekannteste Floskel ist etwa die Trennung im „gegenseitigen Einvernehmen“. Dies war etwa bei dem ehemaligen RWE-Vorstandsvorsitzenden Jürgen Großmann der Fall. Nach schlechten Zahlen vermeldete das Unternehmen im Juli 2012, dass Peter Terium fortan RWE leiten werde und stellte zu Großmann nüchtern fest: „Des Weiteren haben der Aufsichtsrat der RWE Aktiengesellschaft und Herr Dr. Jürgen Großmann dessen Bestellung zum Mitglied des Vorstands und seine Ernennung zum Vorsitzenden des Vorstands der RWE Aktiengesellschaft auf seinen Wunsch einvernehmlich zum 30.06.2012 aufgehoben.“

Ein Blick auf die Schreibtische der Macht
Wolfgang Drewalowski, Geschaeftsfuehrer BRAX Quelle: Stefan Thomas Kröger für WirtschaftsWoche
Karl Krause, Vorstandsvorsitzender der Kiekert AG Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche
Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer Quelle: Dominik Pietsch für WirtschaftsWoche
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Simone Frömming, Deutschland-Chefin des Softwarekonzerns VMware Quelle: Dieter Mayr für WirtschaftsWoche
Martina Koederitz, Deutschland-Chefin von IBM
Thorsten Braun, Chef des Werbevermarkters Disneymedia Quelle: Dieter Mayr für WirtschaftsWoche

Zumindest etwas freundlicher gab sich ein Jahr zuvor der ehemalige Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann in seinem offiziellen Statement zum Rücktritt. Darin hieß es: „Ich freue mich über die vom Aufsichtsrat beschlossene Neuordnung an der Spitze der Bank und bin gern bereit, in den Aufsichtsrat einzutreten und den Vorsitz des Gremiums zu übernehmen, um auch so in Zukunft der Bank dienen zu können.“ Doch zu einem Aufsichtsratsvorsitz Ackermanns kam es gar nicht erst.

Der Journalistikprofessor und Kommunikationsberater Christoph Moss sieht im Abgang von Andrew Mason einen Mentalitätsunterschied zwischen Deutschland und den USA. „In Deutschland sind wir an einen konservativen, zurückhaltenden Sprachstil gewöhnt“, sagt der Sprachexperte. „Ein Peer Steinbrück, der sich klar und intuitiv ausdrückt und dabei gegen den Strom schwimmt, irritiert deshalb viele Deutsche und stößt den einen oder anderen vor den Kopf.“

Manager benoten Deutschlands Bosse
Dieter Zetsche, der Vorstandsvorsitzende von Daimler Quelle: dapd
Die erste Stelle Peter Loescher des Technikkonzerns Siemens Quelle: dapd
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Der Vorsitz des Energiegiganten RWE Peter Terium Quelle: dapd
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Platz 10: Anshu Jain, Co-Vorstandschef der Deutschen BankNote: 3,3Die Deutsche Bank hat zuletzt einen ordentliche Tracht medialen Prügel erhalten. Auch die Lenker des Geldhauses standen im Kreuzfeuer. Die befragten Manager haben die Leistung des indischen Vorstandschefs Anshu Jain genauso bewertet wie bei der vorherigen Umfrage sechs Monate zuvor. Quelle: dpa
Johannes Theyssen, der Vorstandsvorsitzende des Stromkonzerns EON Quelle: dpa

Zudem seien Deutsche eher konsensorientiert. „Hinter vielen Rücktritten mögen Streitereien stecken, aber diesen Streit möchte man nicht an die Öffentlichkeit tragen“, sagt Moss. Das Ergebnis ist ein verklausulierter Sprachstil, wie er in vielen Unternehmensmitteilungen vorherrscht.

Außerdem hängt der Sprachstil auch von der jeweiligen Branche ab: „Groupon bewegt sich als Internetunternehmen in einer Branche, in der ein ganz anderer Umgang herrscht als bei Versicherungen oder Banken“, sagt Moss. Er glaube deshalb nicht, dass seine Direktheit ein Problem für Andrew Mason darstellen wird, künftige Anstellungen zu finden. „Das gehört zur kreativen Kommunikationsbranche einfach dazu. Wenn sich jedoch der Vorsitzende eines deutschen Kreditinstituts so verabschieden würde, dann würde das viele Kunden verschrecken.“

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Doch auch für amerikanische Verhältnisse ist Masons Offenheit ungewöhnlich. So bezeichnete ihn das „Wall Street Journal“ als „skurril“ - „selbst für die Kapuzenpulli und Latschen liebende Kultur der jungen Internet-Firmen“. Statt verbittert zu sein, nimmt sich Mason bei seinem Abgang selbst auf die Schippe: „Ich brauche jetzt erst einmal etwas Zeit zum Entspannen“, schreibt er seinen Mitarbeitern. „Und falls Ihr es wissen wollt: Ich suche noch eine gute Schlankheitsfarm, um meine 40 (Pfund) von Groupon loszuwerden. Wenn jemand Vorschläge hat...“

Mit Material von dpa

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