Untersuchung belegt Pessimisten sind besser für wirtschaftlichen Erfolg

Rosige Zukunftsfantasien von US-Präsidenten seien ein Indikator für wirtschaftliche Krisen, wollen zwei Psychologen belegt haben. Bei der Antrittsrede des Obama-Nachfolgers sollten Investoren genau hinhören - wenn sie dran glauben.

Zehn Strategien zum Glücklichsein
Die Deutschen sind nicht so große Schwarzmaler, wie ihnen nachgesagt wird: Drei Viertel der Menschen hierzulande sind laut Studie lebensfroh, jeder Zweite empfindet sogar „große Lebensfreude”. Doch was genau ist das Geheimrezept zu Glück und innerer Ausgeglichenheit? Quelle: PR
Geld ist es auf jeden Fall nicht. Die Binsenweisheit, dass Geld nicht glücklich macht, hat sich die Mehrzahl der Deutschen tatsächlich zu Herzen genommen: 76 Prozent der Deutschen mit einem monatlichen Haushaltsnettoeinkommen unter 1000 Euro bezeichnen sich als lebensfroh. Quelle: PR
Naheliegend und doch noch nicht bei allen angekommen: Wer den Partner mit seinen Macken akzeptiert, hat mehr vom Leben. Vor allem die Lebensfrohen (84 Prozent) schwören auf Toleranz für dauerhafte Liebe. Das hat das Forsa-Institut in Zusammenarbeit mit dem Coca-Cola Happiness Insitut herausgefunden. Im Bild: Felix von Luxemburg und seine Frau Claire Lademacher nach ihrer standesamtlichen Trauung im September. Quelle: dpa
Glück geht durch den Magen – besonders im Familienkreis: Mit der Familie kochen und essen gilt als Garant für ein gutes Lebensgefühl. Mehr als die Hälfte der Deutschen (53 Prozent) würde gern noch mehr Zeit für die Familie aufbringen. Das gemeinsame Familienessen ist für 86 Prozent der Befragten Bestandteil eines gelungenen Wochenendes aus. Quelle: dpa
Gesellschaft ist das Zauberwort zum Glück: Die Deutschen lachen am häufigsten zusammen mit Freunden und Bekannten (73 Prozent), mit dem Partner und der Familie (71 Prozent) sowie den Kollegen (48 Prozent). Am liebsten bringen sie andere Menschen zum Lachen (74 Prozent). Quelle: dpa
Probier's mal mit Gelassenheit: Auf Platz eins für ein frohes Familienleben steht „Die Dinge gelassen sehen“ (bei 31 Prozent der Lebensfrohen), gefolgt von der Fähigkeit, das Leben „so zu genießen, wie es kommt“. Auf Platz drei rangieren „Humor“ und „miteinander reden können“. Quelle: dpa
Leben mit persönlicher Leidenschaft: Jeder hat etwas, womit er sich gerne in der Freizeit beschäftigt. Dafür nutzen die Deutschen vor allem den Sonntag: 4,8 Stunden verbringen sie an diesem Tag durchschnittlich mit ihren Hobbys. 94 Prozent von 1068 befragten Deutschen zwischen 14 und 69 Jahren empfinden dabei Lebensfreude. Quelle: PR
Wer glücklich durchs Leben geht, hat Vorbildcharakter: Deutsche Teenager zwischen 14 und 19 Jahren suchen sich ihre Vorbilder danach aus, wie freundlich (60 Prozent) und lebensfroh (53 Prozent) diese Menschen sind. Quelle: PR
Reichtum hat keinen Vorbildcharakter. Weniger als zehn Prozent der Deutschen lassen sich vom Reichtum anderer beeindrucken. An der Studie haben über 1000 Menschen teilgenommen, die im Rahmen des forsa.omninet-Panels zufällig und repräsentativ ausgewählt wurden. Quelle: dpa
Einfach mal zurücklehnen! Laissez faire hat viele Fans. Entspannen und nichts tun, hebt bei 66 Prozent das Lebensgefühl. Musik hören bringt zwei Dritteln Spaß. Quelle: Handelsblatt Online
Sport ist Mord? Für fast die Hälfte ist es Lebensfreude: 45 Prozent der Deutschen sporteln einmal pro Woche, weil die Bewegung ihre Laune pusht und sie mit ihren Freizeitpartnern häufig lachen (31 Prozent). Quelle: PR

Deutschlands Erfolgsgeheimnis ist entlarvt: Unser notorischer Pessimismus. Selbst angesichts der größten Erfolgsmeldungen machen sich die Deutschen allergrößte Sorgen um die Zukunft. Und das ist gut so. Dass man mit dauernder Miesepeterei Erfolg bei den Frauen haben kann, bewies schon 1968 Werner Enke im Kultfilm „Zur Sache Schätzchen“: Mit seiner legendären Devise „Es wird böse enden“ eroberte er das Herz der liebreizenden Uschi Glas. Und jetzt kommt's: Auch für den Wirtschaftsstandort sind negative Zukunftsgedanken wohl eine sehr erfolgversprechende Strategie.

Kein Witz! Diesen Schluss legt zumindest eine Untersuchung nahe, die zwei Hamburger Psychologen in der durchaus seriösen Zeitschrift „Psychological Science“ veröffentlicht haben. Timur Sevincer und Gabriele Öttingen sind überzeugt: „Ein kulturelles Klima, das davon bestimmt ist, positiv an die Zukunft zu denken, ist ein wichtiger psychologischer Faktor, der nicht zu einem wirtschaftlichen Aufschwung, sondern Abschwung führt.“

Wie kommen die beiden auf diese Idee?

Dass die gedankliche Schönfärberei der Zukunft tendenziell zu negativen Ergebnissen führen kann, überrascht nur den psychologisch Unwissenden. Studien haben schon mehrfach gezeigt, dass positives Denken zu geringeren Anstrengungen verleitet: Studenten bewerben sich zum Beispiel seltener und erfolgloser, wenn sie von einem tollen Job träumen. Und Übergewichtige verlieren weniger Pfunde, wenn sie das Abnehmen idealisieren.

Und das soll auch für Kollektive gelten? Sevincer und Öttingen glauben, einen Beleg dafür buchstäblich in der Zeitung aufgelesen zu haben. Sie zählten nämlich beschönigende Darstellungen einer wunderbaren Zukunft in Wirtschaftsartikeln und Antrittsreden der US-Präsidenten. Sevincer und Kollegen nahmen Leitartikel der Wirtschaftsseite der populärsten Tageszeitung USA Today aus den Krisenjahren 2007 bis 2009 zur Hand. In der Annahme, dass deren veröffentlichte Meinung der öffentlichen Meinung der Amerikaner nahe komme. Und siehe da! Eine Woche und einen Monat nach optimistischen Leitartikeln schwächelte der Dow-Jones-Aktienindex. Was angesichts des generellen Börsenentwicklung in diesen Jahren auch nicht sonderlich überraschend ist. Hätten sie nach besonders schwarzseherischen Artikeln in der WirtschaftsWoche oder irgendeiner anderen Zeitschrift gesucht, wären die "Folgen" ebenfalls negativ ausgefallen.

In einer zweiten Studie lasen die Psychologen die Antrittsreden der amerikanischen Präsidenten von 1933 (Franklin D. Roosevelt) bis 2009 (Barack Obama) mit Blick auf positives Denken – und betrachteten daraufhin die wirtschaftliche Entwicklung am Ende der vierjährigen Amtszeit gemessen am Bruttoinlandsprodukt und an der Arbeitslosenquote. Mit ähnlichem Ergebnis: Wenn neue Präsidenten in ihrer Einführungsrede „Träume und Hoffnungen der Regierung“ (Reagan, 1981), „die Tugend und Tapferkeit des amerikanischen Volkes“ (Bush senior, 1989) oder die „bessere Nutzung der weltweiten menschlichen und natürlichen Ressourcen“ (Truman, 1949) heraufbeschworen, folgte ein geringeres Bruttoinlandsprodukt und eine höhere Arbeitslosigkeit. Die umgekehrte Beziehung – blumige Reden nach Wirtschaftskrisen – war auch hier nicht feststellbar.

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Als guter, also dauerhaft von Angst geplagter und zu jeglicher Rosafärberei der Zukunft unfähiger Deutscher liest man solche „Ergebnisse“ gern. Doch auch wenn man die These von der wirtschaftsfeindlichen Kraft des positiven Denkens keineswegs für abwegig erachten muss: Die Wortwahl des Präsidenten in seiner Antrittsrede oder der Journalisten einer einzigen Tageszeitung in einem Zeitraum von nur zwei Jahren als Indikator des „Meinungsklimas“ der amerikanischen Gesellschaft zu nehmen, das wäre schon einen Eintrag in der Liste der absurdesten Studien wert.  

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