Vorweihnachtsstress Weihnachten ist nur für Christen schön

Schon alle Geschenke besorgt? Ist das Festessen geplant? Und wann wird wo gefeiert? Ist der Opa eingeladen? Weihnachten bedeutet für alle nur Stress und Ärger, zeigt eine Studie. Einzige Ausnahme: Fromme Christen.

Weihnachten ist kein Fest der Liebe, sondern ein Stressfest. Quelle: dpa/dpaweb

Wenn Karneval für viele die programmierte Fröhlichkeit ist, dann ist Weihnachten Besinnlichkeit auf Knopfdruck. Ab dem ersten Dezember gedenkt man seiner Mitmenschen, spendet für notleidende Kinder in Afrika und verschickt kleine Überraschungen an das Kinderheim nebenan. Man ist achtsam und voller Liebe. Ganze 24 Tage lang. Das geht sogar so weit, dass Familienmitglieder, die sich sonst das ganze Jahr über weder sehen noch hören - und das vielleicht sogar aus gutem Grund - um einen Tisch sitzen, zusammen essen und sich Dinge schenken, die sie weder brauchen, noch mögen. Über allem blinkt der LED-Rentierschlitten nebst Coca-Cola-Weihnachtsmann, der mit Roboterstimme "Hohoho" ruft.

Um sich darauf entsprechend einzustimmen, treffen sich Freunde und Kollegen in der Fußgängerzone und schütten bei 15 Grad Außentemperatur wohltemperierten, geschwefelten Zuckerrotwein, Marke Château de Kopfschmerz, in sich hinein und essen Bratwurst oder Zuckerwatte. Im Hintergrund läuft Blockflötengedudel. Oh du Fröhliche.

So viel geben Deutsche auf Weihnachtsmärkten aus
Bald liegt wieder Glühweinduft in den Straßen und mehr oder weniger besinnliche Weihnachtslieder hallen über die Plätze deutscher Städte und Dörfer. In wenigen Tagen öffnen die ersten Weihnachtsmärkte und die Deutschen freut es: Deals.com, das Portal für kostenlose Gutscheine und Rabatte, fand heraus, dass 55 Prozent der Deutschen Weihnachtsmärkte als gute Gelegenheit für einen Familienausflug nutzen und sich dabei auf die Festtage einstimmen (60 Prozent). Quelle: dpa
Weltweit setzen Weihnachtsmarktbesucher in der Adventszeit 5,6 Milliarden Euro um, ein Großteil des Umsatzes wird aber in Deutschland generiert: 2,5 Milliarden Euro spülen die gut 270 Millionen Besucher der rund 1.500 Märkte den Veranstaltern und Budenbesitzern in die Kassen. Für diese Saison planen die Teilnehmer der Umfrage von deal.com drei Besuche auf Advents- und Weihnachtsmärkten. Pro Besuch geben sie im Schnitt 9,26 Euro aus. Quelle: dpa
Ein Drittel der Deutschen hätte durchaus Lust, öfter auf den Weihnachtsmarkt zu gehen, wenn die Preise dort nicht so hoch wären. So kann der Ausflug auf den Weihnachtsmarkt schon am Eingang zum Stimmungskiller werden: Knapp die Hälfte der Befragten (47 Prozent) mag es nicht, wenn Weihnachtsmärkte Eintritt verlangen. Vor allem für Frauen ist Eintritt auf den Märkten ein No-Go: Jede Zweite sieht es nicht ein, dafür zu zahlen, Geld an den teuren Ständen ausgeben zu können (51 Prozent). Quelle: dapd
Zusätzlich findet fast ein Drittel (29 Prozent) Weihnachtsmärkte zu überfüllt. Fahrgeschäfte haben nach Ansicht der Deutschen nichts auf dem Weihnachtsmarkt zu suchen: Nur knapp jeder Zehnte nutzt Fahrgeschäfte und Schießbuden. Quelle: AP
Laut einer Marktstudie des Deutschen Schaustellerbunds (DSB) kommen die Weihnachtsmarktgäste auch den Kommunen zu Gute: So gibt jeder Weihnachtsmarktbesucher 7,72 Euro in der örtlichen Wirtschaft aus. Hinzu kommen 2,37 Euro an Abgaben und Gebühren, die direkt den Kommunen zufließen. Quelle: obs
Für jeden Dritten gehört der Glühwein fest zum Weihnachtsmarkt dazu. Andere alkoholische Getränke sind dagegen weniger beliebt: Nur jeder Zehnte greift zu Bier & Co (13 Prozent). Laut der deal.com-Umfrage gibt mehr als ein Drittel der Befragten an, nur auf den Weihnachtsmarkt zu gehen, um mit Freunden Glühwein zu trinken. Und auch die, die nicht nur wegen des Heißgetränks kommen, haben nichts gegen ein Schlückchen. 65 Prozent der Umfrageteilnehmer greifen bei einem Weihnachtsmarktbesuch zum Glühwein. Nur zu teuer darf es nicht sein. Mehr als 2,60 Euro sind die Deutschen nicht bereit, für eine Tasse Punsch auszugeben. Quelle: dpa
Auch Essen gehört zu den großen Freuden auf Weihnachtsmärkten: 71 Prozent der Besucher schlemmen sich gerne herzhaft durch die Stände oder naschen auch die dort angebotenen Süßigkeiten (56 Prozent). Quelle: dpa
Der Geschenkekauf ist dagegen eher zweitrangig: Nur 77 Prozent kaufen überhaupt Präsente, der größte Renner sind Dekoartikel wie Lampen oder Weihnachtskugeln (34 Prozent). Quelle: dpa

Die andere Seite der Oblate ist die: Weihnachten wird für immer mehr Menschen zur stressigsten Zeit des Jahres. Hohe Erwartungen an Geschenke und Harmonie sorgen für Druck. Experten sagen sogar, dass der Vorweihnachtstress Depressionen begünstigt, sogar von Weihnachtsburnout ist die Rede. Denn es ist ja nicht nur dieser eine Tag plus die zwei Feiertage, an denen man sämtliche Großeltern, Onkel, Tanten und sonstige Verwandten besucht.

Schon Wochen vor dem Fest beginnen die Vorbereitungen: Geschenke kaufen, Plätzchen backen, Weihnachtskarten verschicken. "In der Weihnachtszeit nehmen die Menschen tatsächlich den höchsten Stresslevel des Jahres wahr", so Andreas Jähne, Ärztlicher Direktor der Rhein-Jura Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.

Weihnachten ist Stressfaktor Nummer eins

Dabei will grade zur Weihnachtszeit kein Mensch Stress. "Die meisten Menschen sehnen sich zur Weihnachtszeit noch stärker als sonst nach Geborgenheit, Zugehörigkeit und Liebe", sagt der Psychiater Christian Klesse. Es darf aber eben nicht die gewöhnliche Liebe und die Ganzjahreszugehörigkeit sein, nein, es muss noch besser, noch heimeliger, noch schöner sein. Klesse: "Sie versuchen, es Familie und Freunden recht zu machen und so ihre Bedürfnisse zu erfüllen."

Nur klappt das eben nicht. Man kann es nicht allen Recht machen und Harmoniezwang führt unter Garantie zur Eskalation unter heimischem Nadelgehölz, statt zu Friede Freude Eierpunsch.

Die Dos and Dont‘s auf der Weihnachtsfeier

Es sind allerdings nicht nur die Deutschen, die sich durch zu hochgesteckte Erwartungen an sich selbst und andere das Fest versauen. Michael Mutz, Soziologieprofessor an der Georg-August-Universität Göttingen, hat Menschen zu ihrem Befinden in der Weihnachtszeit befragt und umfangreiche Datenmengen aus elf europäischen Ländern christlicher Prägung ausgewertet. Darunter Belgien, Estland, Deutschland, Ungarn, Irland, die Niederlande, Portugal, Spanien, Schweden und Großbritannien. Dabei stellte er fest: Für die Mehrheit der Europäer ist Weihnachten die stressigste und belastendste Zeit im Jahr.

"Viele fühlen sich gestresst durch den Druck, rechtzeitig Geschenke kaufen und die mit den Feiertagen verbundenen gesellschaftlichen Verpflichtungen erfüllen zu müssen. Finanzielle Sorgen werden oft als zusätzliche Belastung empfunden", so Mutz. Die Ergebnisse seiner Studie sind in der Zeitschrift Applied Research in Quality of Life erschienen.

Christen sind zufriedener

Es gab nur eine Ausnahme: Wenig überraschend sind die Menschen, die sich selbst als gläubige Christen bezeichnen, an Weihnachten deutlich weniger gestresst. "Christen, vor allem jene, die sich selbst als sehr religiös einstufen, sind in der Vorweihnachtsphase positiver eingestellt und zufriedener mit ihrem Leben", so Mutz.

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Für sie ist Weihnachten schließlich kein Konsumfest, das von vorne bis hinten durchchoreografiert werden muss, als handele es sich um ein Staatsbankett. Christliche Menschen handeln in der Vorweihnachtszeit hingegen weniger materialistisch oder konsumorientiert. Nicht zuletzt empfinden sie dadurch auch weniger Stress: "Christliche Glaubenszugehörigkeit ist ein Schutzfaktor gegen den allgemeinen Verlust an subjektivem Wohlbefinden in der Weihnachtszeit", sagt Mutz.

Wer nun aber keiner frommer Christ ist, kann sich dem ganzen Weihnachtstrubel entweder komplett verweigern und damit den Unmut der Familie auf sich ziehen, weil er Weihnachten ausfallen lässt, oder er versucht es mit religionsübergreifender Ethik. So rät Psychologe und Psychotherapeut Klesse, sich auf das zu konzentrieren, was einem wichtig ist oder einmal wichtig war. "Nicht Konsum sondern Besinnung auf Werte sollte uns ruhig und gelassen durch die Weihnachtszeit bringen." Und wer es auch mit Besinnung nicht so hat, sollte zumindest davon Abstand nehmen, ein Fest wie im Disneyfilm veranstalten zu wollen. Wer versucht, eine Hollywood-reife Vorstellung abzuliefern, kann nämlich nur scheitern. Ob gläubig oder nicht.

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