Werner knallhart

Angela Merkels neue deutsche Flexibilität

Die Bundeskanzlerin muss es extra noch dazu sagen: Wir brauchen jetzt die neue deutsche Flexibilität. Nennen wir sie griffig NDF. Das Gute: Da können wir sogar von den Flüchtlingen lernen. Hier ein paar Tipps von einem.

Vor diesen Problemen stehen die Zuwanderer
Teilnehmer eines Kurses "Deutsch als Fremdsprache" Quelle: dpa
Eine Asylbewerberin wartet in der Zentralen Aufnahmeeinrichtung in Berlin Quelle: dpa
Eine Frau sitzt in einem Flüchtlingsheim in einem Zimmer Quelle: dpa
Ein Flüchtling sitzt vor einer Gemeinschaftsunterkunft der Asylbewerber Quelle: dpa
Verschiedene Lebensmittel liegen in der Asylunterkunft in Böbrach (Bayern) in Körben Quelle: dpa

Vladi heißt nicht wirklich so. Ich habe seinen Namen geändert. In Wirklichkeit heißt er Gabriel. Hups, jetzt ist es raus. Naja. Gabriel ist aus Kasachstan, 25 Jahre alt und lebt seit zwei Jahren in Bielefeld.

Er ist ein Flüchtling, wie man ihn sich aus dem Katalog bestellen würde: Er fühlt sich in Deutschland immer noch wie im Paradies, hat an der Ostsee dieses Jahr zum ersten Mal in seinem Leben einen echten Strand gesehen, er besucht Sprachkurse, hat sich selber das Klavierspielen beigebracht, schreibt eine Job-Bewerbung nach der anderen. Denn er will hier Lokführer werden und wenn man Gabriel kennt, dann hat man den Eindruck: Das wird irgendwann klappen.

Einem Türken in seinem Deutsch-Sprachkurs, der über Deutsche moserte, sie seien alle scheiße und Deutsch sei eine Scheißsprache, entgegnete er: "Warum bist du dann überhaupt hier?"

Über das Mittelmeer nach Europa: Zahlen zu Flüchtlingen

Ich habe Gabriel gesagt: "Deutschland soll nach dem Willen von Angela Merkel flexibler werden. Was fällt dir da ein? Wo sind wir hier aus deiner Sicht zu starr und eingefahren?"

Er antwortete später per SMS: "Habe keine Idee noch was ich sagen kann, weil 99% deutsche mach mit Sinn. Deutsche sind nich blöd."

Ich bekniete ihn, das eine Prozent rauszuhauen. Dann telefonierten wir und es kam doch noch was.

"Eine rote Ampel für euch ist wie Pistole vor Gesicht."

Ja, das wissen wir ja. Deutsche Fußgänger stehen gerne an der roten Ampel herum. Der Rest der Welt springt rüber, wenn kein Auto kommt. Deutsche Kinder sind da viel zu schlecht internationalisiert. Immer stehen zu bleiben, wenn Kinder an der Ampel warten, nur um gutes Vorbild zu sein, ist lebensgefährlich in der globalisierten Welt. Dort geht man bei rot. Und hat es gelernt. Hier nicht.

Und noch was: Ich stand mit dem Auto einst an einer Ampel, die wegen eines offensichtlichen Defekts Dauerrot zeigte. In mir und offenbar auch in den Fahrern der Autos vor mir kämpfte der deutsche Schweinehund gegen die Vernunft. Wenn wir uns alle streng an die Vorschriften hielten, würden wir bald elendig im Fahrersitz verdursten. Was also tun? Und da zeigte sich die Zerrissenheit unserer Nation. Nach rund einer Viertelstunde fingen die ersten Autos an zu wenden! Denn auch, wenn die Ampel ja defekt war: Sie war rot. Nur wenige emanzipierten sich von der kaputten Ampel und fuhren langsam an die Kreuzung heran und bogen ab. Bei rot! Wie das schon klingt, ne? Bei rot! Es gibt kaum etwas Perverseres in Deutschland, als absichtlich über rot zu fahren.

Wenn Sie sagen: "Herr Meier schlägt seine Frau." Kopfschütteln. "Und dann ist Herr Meier bei rot gefahren." "WIE BITTE?"

Tausende Flüchtlinge erreichen Österreich
4./5. September, WienSie haben Tausende Kilometer hinter sich. In Ungarn schien Endstation. Doch nach Zusagen aus Österreich und Deutschland haben sich tausende Flüchtlinge auf dem Weg gemacht und am Samstagmorgen die österreichische Grenze erreicht. Die erschöpften Migranten wurden von den ungarischen Behörden mit Bussen zur Grenze gebracht, überquerten sie zu Fuß und wurden auf der österreichischen Seite von Helfern mit Wasser und Nahrungsmitteln empfangen. Nach Polizeiangaben kamen bis zum Morgen etwa 4000 Menschen an. Die Zahl könne sich aber im Laufe des Tages mehr als verdoppeln. Quelle: dpa
Ein Flüchtlingslager in Ungarn Quelle: REUTERS
Flüchtlinge in einem Zug im ungarischen Bicske Quelle: AP
Ein Flüchtling schaut aus einem Zug im Bahnhof Keleti in Budapest Quelle: dpa
3. September, Bodrum in der TürkeiFotos eines ertrunkenen Flüchtlingskindes haben in den sozialen Netzwerken große Betroffenheit ausgelöst. Eine an einem Strand im türkischen Bodrum entstandene Aufnahme zeigt den angespülten leblosen Körper des Jungen halb im Wasser liegend. Unter dem Hashtag „ #KiyiyaVuranInsanlik“ kursieren die Fotos auf Twitter. „Wenn dieses Bild die Welt nicht verändert, haben wir alle versagt“, schrieb eine Nutzerin. Der Junge gehörte einem Bericht der britischen Zeitung „The Guardian“ zufolge zu einer Gruppe von mindestens zwölf syrischen Flüchtlingen, die am Mittwoch vor der türkischen Küste ertrunken waren. Unseren Kommentar zum Thema, warum man das Bild nicht zeigen darf, finden Sie hier.
Flüchtlinge sind in Budapest am Bahnhof gestrandet Quelle: REUTERS
Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) Quelle: dpa

Ich stand einst nach einer Party nachts um etwa halb vier mit dem Auto in einem Vorort von Köln an einer roten Ampel. Weit und breit kein anderer Verkehrsteilnehmer. Kein Mensch auf der Straße oder auf dem Gehweg. Ich war allein mit mir und dem Mond. Und stand und stand und stand. Erzähle ich das Gabriel, komme ich mir einfach bescheuert vor. Können die die Ampeln nicht wenigstens einfach ausschalten nachts? Einfach flexibel sein. Ist doch sonst demütigend.

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