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Werner knallhart

Wenn Ihre Höflichkeit nervt

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Aus Höflichkeit mal eben die Straßenverkehrsgesetze aushebeln

Platz 2: Der symbolische Schluck Bier im Glas

Das sinnentleerte Ritual: Der Kellner bringt eine Flasche Bier, dazu ein Glas, dann gießt er rund ein Achtel des Bieres ins aufrecht auf dem Tisch stehende Glas, sagt „zum Wohl“ und schiebt ab. Ergebnis: Ein zur Hälfte mit Schaum gefülltes Glas Bier. Was soll das?

Nun, es soll heißen: „Lieber Gast, du bist mir nicht zu 100 Prozent Wurscht. Aber ich habe weder Zeit noch Lust, dir das Bier mit Muße fachmännisch einzuschenken.“

Dem Gast hebt es den Genuss nicht um einen Hauch. Im Gegenteil, er muss im dümmsten Fall sogar warten, bis der Schaum abgeebbt ist, um selber nachzuschenken. Und Zeit heißt beim Bier: schal. Aber: Jetzt bitte nicht auf die Idee kommen, künftig das Glas komplett einzugießen, liebes Service-Personal. Es würde mir ja selber den Puls hochtreiben, dabei zuzusehen, wie der abgehetzte Kellner flach atmend und mit Schweißperlen auf der Stirn das Glas vollmacht. Ich mag die Kellner am liebsten, die fragen: „Soll ich oder wollen Sie?“

Ich mach dann immer selber. Aber einen ersten Schluck reingießen, das geht höchstens mit Fanta bei Gästen unter sechs Jahren.

Knigge für das Großraumbüro

Platz 1: Bei rechts vor links den Linken durchwinken

Wow! Aus Höflichkeit mal eben die Straßenverkehrsgesetze aushebeln. Wer bei rechts vor links Verkehrsteilnehmer, die von links kommen, durchwinkt, der denkt wohl, das Recht auf Vorfahrt sei ein Privileg - und auf dieses Privileg zu verzichten sei ein Akt von Selbstlosigkeit.

Wer Vorfahrt hat und wer nicht, ist aber keine Frage von Sozialprestige. Jeder hat mal Vorfahrt, mal muss er Vorfahrt gewähren. Das ist so geregelt, damit es keine Unfälle gibt. Wenn nun jeder anfangen würde, an der grünen Ampel anzuhalten und Autofahrer über rot vorzuwinken, nur weil er heute irgendwie gute Laune hat, dann können wir gleich alle zuhause bleiben.

Warum aber halten einige ausgerechnet die Rechts-vor-links-Regelung für einen nett gemeinten Vorschlag des Gesetzgebers? Auf sein Recht auf Vorfahrt zu verzichten, ist gemäß § 11 Absatz 3 StVO geboten, wenn die Verkehrslage es erfordert.

Aber doch bitte nicht einfach so, um ohne Grund einfach mal Fünfe gerade sein zu lassen.

Die zehn Knigge-Basics

Wie oft stehe ich als Linker an der Kreuzung, muss erst kapieren, was beim anderen los ist, dass der nicht fährt, dann sehe ich ihn durch die Reflektionen der Windschutz- und Seitenscheibe hindurch irgendwie gönnerhaft winken und fahre dann wieder an. Gewonnen habe ich da nichts. Außer den Gedanken: Hat da jemand gerade Fünfe gerade sein lassen oder hat er bloß nicht kapiert, dass er Vorfahrt hat?

Und Vorsicht: Lässt sich der von Links Kommende durchwinken und fährt als erster, und der von rechts fährt dann doch und es knallt, hat der Linke mitunter schlechte Karten: „Aber der hat mich doch vorgelassen“ lässt sich oftmals schwer beweisen.

Weil aber Höflichkeit ja zumindest sympathisch ist: Warum nicht als Rechter die Vorfahrt nutzen und beim Durchfahren freundlich lächelnd nicken im Sinne von „danke fürs Durchlassen“. Ist nicht nötig und gerade deshalb nett - und sollte so viel Herzenswärme doch mal Verwirrung stiften, ist die Begegnung schon vorbei. Unfallgefahr gebannt, keine Sekunde Zeit verloren, kein einziges Mal unnötig angehalten. 

So funktioniert Nettigkeit ohne Reibungs-Verluste. Nennen wir es: vernünftige Höflichkeit.

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