Werner knallhart

Bord-Knigge: Fliegen und Zug fahren, ohne andere zu nerven

Lufthansa-Piloten und Lokführer der Deutschen Bahn benehmen sich derzeit daneben. Da sollten wenigstens die Passagiere wissen, was sich gehört. Teil 1: die Rückenlehne.

Zehn Benimm-Regeln für den Aufzug
Regel 1: Halten Sie AbstandViele Menschen im Aufzug, viele unterschiedliche Auffassungen zum gebotenen Abstand. Jeder hat schließlich seine eigene Wohlfühlzone, in die niemand eindringen soll. Also gilt es, den größtmöglichen Abstand zu halten, den ein Aufzug zulässt. Das heißt: Zwei Personen platzieren sich stets an den zwei gegenüber voneinander liegenden Wänden, drei bis vier Menschen nehmen die Ecken des Aufzugs ein. Fünf oder mehr Leuten verteilen sich gleichmäßig, schauen nach vorne und lassen die Hände gerade am Körper herunter, um niemanden zu berühren. Quelle: Fotolia
Regel 2: Nicken und lächeln Sie Ihren Mitfahrern kurz zuEin Lächeln bricht das Eis. Wer einen vollen Aufzug betritt, sollte jedem Mitfahrer kurz freundlich zunicken und anlächeln, um die unangenehme Situation des engeren Beieinanderstehens zu entspannen. Wichtig ist, das tatsächlich kurz zu machen, und niemanden anzustarren. So wird nur das Gegenteil erreicht: Die Situation wird noch unangenehmer. Quelle: dpa Picture-Alliance
Regel 3: Blockieren Sie die Türen nur, wenn der Lift nicht zu voll istAufzug blockieren oder nicht? Zählt Anstand oder Zeit? Das müssen Menschen abwägen, wenn sich die Türen schließen und gerade jemand dem Lift entgegen rennt. Wer allein oder nur mit wenigen Menschen im Aufzug ist, sollte die Tür aufhalten. Anders sieht es aus, wenn der Aufzug voll ist. Schließlich müssen die anderen Liftfahrer auch berücksichtigt werden. Quelle: Fotolia
Regel 4: Kümmern Sie sich um die KnöpfeBei wenigen Menschen drückt jeder selbst den Knopf für seine Etage. Anders sieht es aus, wenn der Aufzug voll ist. Dann kümmert sich die Person, die der Tür am nächsten ist, dass jeder an sein Ziel kommt. Der Aufwand ist gering und so kommt jeder – auch der freundliche Helfer selbst – schneller zum Ziel. Wenn jemand neues den Aufzug betritt, gilt es also nicht beiseite zu gehen und ein zeitraubendes Rücken zu verursachen, sondern direkt zu fragen: „Auf welche Etage möchten Sie?“ Quelle: Fotolia
Regel 5: Benutzen Sie den Lift nicht für nur eine EtageWer böse Blicke und rollende Augen der anderen Aufzugfahrer vermeiden will, sollte den Aufzug nur benutzen, um mindestens zwei Stockwerke weiter zu fahren. Wer nur in die nächste Etage möchte, ist mit dem Aufzug kaum schneller – und stiehlt die Zeit der anderen. Quelle: AP
Regel 6: Ladies First – nur in der FreizeitOb Ladies First oder nicht, hängt von der Situation ab: Bei einer Aufzugfahrt in der Freizeit steigen Damen zuerst ein oder aus, auf der Arbeit macht das die Person, die am nächsten zur Tür steht. Schließlich erwarten männliche und weibliche Kollegen gleich behandelt zu werden. Quelle: Fotolia
Regel 7: Machen Sie Platz für AussteigendeDamit Menschen aus einem vollen Aufzug aussteigen können, müssen alle ihren Beitrag leisten. Das heißt beiseite treten oder – für Leute, die an der Tür stehen – auch kurz aussteigen und mit einer Hand die Tür fest halten. Quelle: REUTERS

Ich habe mich blamiert. Gerade vergangenen Montag. Ich stieg mit einem Kollegen in den ICE von Berlin nach Köln. Der Kollege ist passionierter Autofahrer, ein Zug ist für ihn eher ein Fahrzeug für Leute, die ihr Leben schon aufgegeben haben.

Ich flötete: "Aber guck doch mal, wie bequem man die Sitze nach hinten klappen kann" und zog am Hebel. Die Sitzschale flog nach hinten, begann dann aber plötzlich zu grunzen und nach vorne zu ruckeln.

Ach so, mein Hintermann wollte auch noch ein Wörtchen mitreden: "Hey, prima gemacht. Voll an meinen Laptop dran. Super."

"Oh, sorry, ich hätte Sie vorher warnen sollen."

"Tja, und nun mach wieder aufrecht, ja?"

Wieder aufrecht? Im Zug? Nö! Oder?

Verdammt. War es mittlerweile wie im Flugzeug auch schon im Zug verpönt, den Sitz zurück zu klappen? Ich kramte in meinem Hirn nach Argumenten, dann fragte ich nach hinten: "Sagen Sie mal, duzen wir uns?"

Das war natürlich eine unbefriedigende Lösung des Konflikts. Mir wurde klar: Für ein entspanntes, weil selbstbewusstes Reisen braucht jeder Passagier einen Bord-Knigge. Hier kommt er. 

Rückenlehne vor oder zurück?

In dieser Frage liegen zwischen Flugzeug und Bahn Lichtjahre. Seit der Finanzkrise finden sich ja selbst Manager, die bislang mit einer Senator-Karte prahlen konnten, mit den Knien an der Brust in der Economy wieder. Wegen Zeitgeist und so.

Da würde sich Knigge im Grabe umdrehen
SchulmeisterereiOberlehrerhaftes Verhalten scheint typisch deutsch zu sein. Wachsender Trend: Deutsche schulmeistern gerne ihre Mitmenschen. „Sie sind ein schlechtes Vorbild für mein Kind, wenn Sie bei Rot über die Ampel gehen“ „Hier ist Ballspielen verboten“ „Hier raucht man nicht“: Schulmeistern hat nichts mit gutem Verhalten zu tun. Die Deutsche Kniggegesellschaft urteilt sogar: „Wir entwickeln uns zu einem Volk von Zurechtweisern. Das muss besser werden.“ Quelle: V.V.V.-Verlag
Sitz mit Aktentasche blockierenNerv-Trend Nummer zwei speziell bei Geschäftsreisenden: ein einziges Ticket kaufen und den Nebenplatz dennoch mit der Aktentasche blockieren. Andere Fahrgäste müssen stehen, das Gepäck hat´s bequem. Sehr effektiv, um von Hamburg bis Frankfurt ungestört zu sein, sozial aber nicht kompatibel, findet die deutsche Kniggegesellschaft. Quelle: dpa
Zu viele Löcher, labberige Hemden, kurze Ärmel mit KrawatteDer Businessmann macht laut der Kniggegesellschaft noch viel falsch. Darum: Perfekte Gürtel haben nur fünf Löcher, das Hemd muss zwei Zentimeter aus dem Ärmel schauen und kurze Arme mit Krawatte sind ein No Go. Damit sich diese Fashion-Fauxpas nicht wiederholen, raten die Benimm-Experten, auch als Mann mal hin und wieder einen Blick in eine Modezeitschrift zu werfen. Quelle: dpa
Lautstark in der Öffentlichkeit telefonierenEbenfalls auf der Kniggeliste steht der Handybrüller, vorzugsweise in Bus und Bahn. Den ganzen Waggon zu beschallen, ist schon ein Klassiker und bleibt dadurch weit oben auf der Liste der Benimm-Fehler der Deutschen. Dass leise und weniger und höflicher ist, ist immer noch nicht bei allen angekommen: Rechtsanwälte etwa posaunen immer noch die Namen und Aktenzeichen ihrer Mandaten durch den Zug (Gab´s da nicht eine Schweigepflicht?), andere lassen Mitreisende lautstark Anteil an Familien- und Beziehungsproblemen nehmen. Übrigens: Man kann auch leise in seinen Laptop hacken. Das muss nicht wie die alte Schreibmaschine MG klingen. Quelle: dpa
Vor dem Abbiegen nicht blinkenBlinken ist uncool, ist schon klar. Das machen nur Spießer. Der Selfmade-Man biegt ohne ab. Davon gibt es immer mehr, geißelt die Kniggegesellschaft. Da weiß man dann gar nicht, was der andere will und schon kracht es. Das ist extrem unsolidarisch. Also: Blink mal wieder! Quelle: dapd
Besteck falsch haltenJeder Zweite kann's nicht richtig, dabei ist es nicht schwer, Messer und Gabel richtig zu halten. Ein Messer ist kein Bleistift, also kein Grund, es wie einen Griffel zu halten. 50 Prozent der von der Knigge-Gesellschaft getesteten Besucher von Biergärten machten Besteckfehler beim Essen. Ein Vorsatz: Dringend Tischsitten updaten. In der Muße liegt der Genuss, dann klappt´s auch mit dem Knigge. Quelle: dpa
Daneben-Benehmen auf BetriebsfeiernAlle Jahre wieder immer dieselben Fehler. Vorsicht mit dem Alkohol, nicht Sexy-Hexy spielen und kein Geknutsche mit dem Chef. Das Betriebsfest ist nach wie vor vermintes Gelände. Hier enden immer wieder Karrieren. Überlebenstipp: Klappe halten, nichts ausplaudern und nicht am nächsten Tag krankfeiern. Quelle: dpa

In der Economy gilt: Aufrechte Sitzposition - Schmerzen im Lendenwirbelbereich. Abgesenkte Sitzposition - Schmerzen in den Magengeschwüren des Hintermannes.

Weil aber die aufrechte Sitzposition aus reinen Sicherheitsgründen als die Standard-Position gilt, ist der Hintermann in der psychologisch günstigeren Lage. Ein Zurückklappen bedeutet immer eine Einbuße an Reisequalität.

Wären die Unfall-Analytiker zum Ergebnis gekommen, die zurückgeklappte Position mit Blick an die Kabinendecke wäre bei einem Absturz die gesündere (es wäre zumindest ein anmutigerer Tod als dieses nach vorne zusammengekauerte Abwarten), dann wäre dies die Standard-Position geworden. Statt über eine plötzlich zurückgeklappte Lehne zu mosern, würde der Hintermann über eine zeitweise vorgeklappte Lehne frohlocken. Aber es ist eben anders.

Doch die Sitze sind nunmal klappbar. Das zeigt dem Passagier an: Du darfst zurückklappen. Fluggesellschaften, die das nicht wünschen, blockieren diese Funktion nämlich.

Leider stehlen sich die meisten Airlines um klare Regeln herum und überlassen den Ärger den Fluggästen aus aller Welt. Als minimale Grundregel gilt: beim Essen Lehne vor.

Doch diese Regel wird ständig durchkreuzt. Schläft ein Passagier, wird er nämlich meist nicht geweckt, obwohl der Hintermann Essen serviert bekommt.

Das ist unlogisch, denn die Mahlzeit ist fester Programmbestandteil zumindest eines Langstreckenfluges. Schlafen in der Essensphase aber ist reine Privatsache.

Doch jeder schlafende Passagier ist ein schlecht gelaunter Esser weniger, also geht Schlafen vor Konsumieren. Wer sich während der Servier-Phase schlafend stellt, kann zurückgeklappt dösen und dann später sein Essen nachbestellen. Dann kann man sogar zurückgeklappt essen, weil der Hintermann mangels Tablett nichts mehr zu melden hat. Fliegen macht uns zu Bestien.

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