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Werner knallhart
Quelle: Fotolia

Coffee to go im mitgebrachten Becher? Leider ekelhaft!

Im Kampf gegen den Plastikmüll ist jede gute Idee willkommen. Wiederbefüllbare Mehrwegtassen oder Wurstbehälter klingen da erstmal gut. Das Problem: die Hygiene. Wer spült wie und wer fasst was an? Und was kriegt der nächste Kunde davon ab? Igitt!

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Ich habe kürzlich das Abenteuer erlebt, auf einem dieser gar nicht mehr so hippen Foodmarkets in Berlin vor einem schwarzen mit Kreidetafeln behängten Foodtruck auf einem zu einem Stehtisch umfunktionierten Ölfass eine Portion Trüffelpasta zu essen. Mit Einweg-Holzbesteck. Sorry, aber das geht ja gar nicht, oder? Haben Sie das auch schon mal erleiden müssen? Dieses Holz saugt sich irgendwie an den Lippen fest und wenn man die Gabel herausziehen will, geht der Mund mit vor. Außerdem hatte ich die ganze Zeit die Befürchtung, mir Splitter einzufangen. So stumpf und störrisch fühlte sich diese ruppige Forke an.

Auch bei diesen Einweg-Essstäbchen, die man sich am Anfang auseinanderbricht, ist mir immer schon aufgefallen, dass die irgendwie so bremsen. Nur da sind es zwei kleine Stäbchen. Aber bei einer ganzen Gabel? Einfach unappetitlich. Am Ende habe ich das Essen mit den Zähnen von den Zinken abgezogen.

Aber ist wohl gut für die Umwelt. Nachhaltig. Besser als Plastik. Und ich will ja auch, dass das weniger wird mit dieser unfassbaren Verplastikung unserer Meere. Aber das muss schon gut gemacht sein - das traue ich der Menschheit zu.

Bei Starbucks stand neulich ein Schild mit sinngemäßem Text: „Wir geben Dir gerne einen Strohhalm. Sprich uns einfach an.“ Mit anderen Worten: Die Halme gab es dort nur auf Wunsch und nicht mehr aus Reflex. Das soll Plastik sparen.

Das Blöde daran: Für einen Filterkaffee mit einem Schuss Milch brauchte auch bislang keiner einen Strohhalm. Aber wie soll man irgend so eine Schoko-Toffee-Latte im Einwegbecher trinken ohne Halm? Da drückt man sich beim Nippen doch das Topping zusammen mit der Schlagsahne in die Augenbrauen. Starbucks braucht erstmal halmsparende Getränke.

Und wie viele Strohhalme kann man wohl aus einem einzigen Starbucks-Klarsichtplastikbecher mit Sahnehauben-Abdeckplastikkuppel herstellen?

Da scheint es nur vernünftig, der Umwelt zuliebe einen Service anzubieten, der Kunden zum Mitmachen animieren soll: Viele Cafés, auch Starbucks, geben ihre Heißgetränke billiger ab, wenn die Kunden einen eigenen Becher mitbringen. In vielen deutschen Städten gibt es mittlerweile sogar den offiziellen Stadt-Becher zum Spülen und Wiederbefüllen-Lassen. Wie den FreiburgCup oder den Bielefeld-to-go-Becher.

Was macht diese Projekte so spannend? Der Öko-Aspekt, ja, aber den meine ich jetzt nicht. Ich meine: der Ekel.

Kaufrausch: Ab in die Kaffeeküche
"Kaffee ist Magie für Teams. Mit Kaffee denken Leute positiver und diskutieren lebhafter" - Amit S. Singh, Wissenschaftler an der Ohio State University Quelle: PR
Schneller genießenKaffeepuristen empfehlen, die Bohnen frisch zu mahlen: Diese Aromen! Dieser Duft! Dieser Geschmack! Mit diesem gefrästen Präzisionsmahlwerk können Sie sich von den Vorzügen überzeugen. 108 Euro via manufactum.de Quelle: PR
Futuristische MaschineDer Espressomaschinenhersteller ECM sitzt in Neckargemünd. Aber das futuristische Modell Controvento lässt er in Mailand herstellen. So viel italienische Lebensfreude hat natürlich auch ihren Preis. 4399 Euro bei stoll-espresso.de Quelle: PR
Tödlicher NameVorweg eine Warnung: Dieser Kaffee enthält dank einer Mischung aus Robusta- und Arabica-Bohnen rund dreimal so viel Koffein wie herkömmliche Sorten. Daher rührt vermutlich auch sein tödlicher Name: Death Eish wurde in Großbritannien geröstet und kostet 19,97 Euro deathwishcoffee.com Quelle: PR
Rosa MontagDie perfekte Tasse für einen grauen Montagmorgen. Der pinkfarbene Flamingo schaut frech über den Rand und macht einem Geschmack auf den nächsten Urlaub. Zwei Stück für 13,98 Euro. maisonsdumonde.com Quelle: PR
Dufte BohneTonkabohne, Leder, Bittermandel und Lavendel - das sind die Zutaten von Café Rose, Tom Fords neuem Parfüm. Klingt nach einer schrägen Mischung und soll für Männer und Frauen gleichermaßen funktionieren. 100 Milliliter kosen 298 Euro. breuninger.com Quelle: PR

Die Bielefelder schreiben denn auch gleich im Internet einiges zur Hygiene: „Achten Sie bei den teilnehmenden Unternehmen auf ausgewiesene Bereiche zur Wiederbefüllung. Reinigen Sie bitte Ihren Becher vor jeder Befüllung — denn nur ein sauberer Becher darf neu befüllt werden. Übergeben Sie bitte den Becher zur Befüllung nur ohne Deckel.“ Das klingt wie ein vom Bundesverteidigungsministerium vorgeschriebenes Procedere beim Erstkontakt mit Außerirdischen.

Nun ist das schon spektakulär einzigartig: Der Kunde soll Mitverantwortung für die Hygiene in der Gastronomie übernehmen. Bitte spülen. Aber wer weiß schon, was für schädliche Darmbakterien oder sonstige widerlichen unsichtbaren Krankmacher sich auf dem mitgebrachten Becher tummeln? Man sieht es ihm nicht an. Selbst ein daheim in der Spülmaschine gereinigter Becher könnte im Rucksack mit gebrauchten Papiertaschentüchern in Kontakt gekommen sein. Da ist alles möglich. Keinem Kunden ist es zuzumuten, zuhause, im Becherhalter des Autos und in der Tasche industrielle Hygienestandards einzuhalten.

Und deshalb sollen die Baristas den mitgebrachten Kaffeebecher nach Möglichkeit auch nicht anfassen. Geschweige denn mit ihren Kännchen und Sirupfläschchen berühren. So wünschen sich das ihre Arbeitgeber. Aber ist das 24/7 sichergestellt?

„Ob gespült oder nur sauber geleckt - keine Ahnung“

Ich habe das mal bei McDonald´s ausprobiert. Weil mein toller Thermobecher offenbar zu hoch war, klemmte der McCafé-Verkäufer ihn schräg unter den Auslaufstutzen der Espressomaschine. Er verkeilte also den Becher mit der Maschine. Das ist so ziemlich das krasseste denkbare Gegenteil von „nicht berühren“.

Ich habe mich schon geekelt, dass der Hahn meinen Becher berührt. Was müssen da erst die anderen Kunden denken, wenn sie sehen, wie mein Becher den Hahn berührt?

Als ich einer Bekannten von meinem Kolumnen-Thema erzählte, fiel ihr sofort ein eigenes Erlebnis ein: Eine Kundin neben ihr an der Wursttheke im Supermarkt hatte ihre eigene Tupper-Dose mitgebracht. „Ob gespült oder nur sauber geleckt - keine Ahnung. Ich habe richtig gemerkt, wie die Bedienung versucht hat, die Dose auf keinen Fall mit ihrer Aufschnittgabel zu berühren. Aber als die Wurstscheiben einfach nicht reinplumpsen wollten, hat sie die Zinken doch eben schnell an der Kante abgestreift. Widerlich. Und danach schön wieder mit der Gabel tief in die Mortadella.“ Oh Gott, so läuft das mitunter?

Da schützen wir unsere Ozeane vor Plastikmüll und rennen dafür künftig alle mit Ekelherpes-Blasen herum?

Von Kunden selbstgespülte Becher, Tassen und Dosen können nicht die Zukunft sein. Es reicht der Krankenhauskeim. Bitte nicht noch der Supermarktkeim! Schluss mit den von den Kunden selbst gespülten Verpackungen. Keine Ekel-Experimente im Hygienebereich hinter den Glasvitrinen unserer Läden und Cafés.

Und trotzdem gibt es eine Lösung für weniger Plastikmüll: Pfandverpackungen. Ganz einfach. Der Handel gibt sie aus, der Handel sammelt sie wieder ein, der Handel spült sie und so bleibt der Kreislauf professionell hygienisch.

Edeka hat im Sommer damit begonnen, in Kooperation mit dem WWF in einem Pilotmarkt Mehrwegdosen auszugeben. Eine Dose kostet ein paar Euro, wird dann von den Kunden beim nächsten Einkauf wieder mitgebracht, separat in Sammelboxen abgegeben und dafür erhält der Kunde dann eine im Markt gespülte frische Dose, die er wieder auffüllen lassen kann.

Wenn Sie mich fragen: Ich traue einem Supermarkt höhere Hygienestandards zu als einem durchschnittlichen Kunden, der sich über die Übertragung von Krankheiten über seine Mehrwegbecher keine Gedanken macht und entsprechend spült (wenn nicht gar nur ausspült).

Sollte sich dieses Mehrwegsystem bei Aufschnittdosen an der Wurst-, Käse- und Fischtheke bewähren und es würde deutschlandweit eingeführt, vielleicht sogar mit genormten Boxen gemeinsam mit Konkurrenten wie REWE oder Kaufland, würde es sich doch sicherlich sogar lohnen, die Dosen zentral reinigen zu lassen. Wie bei den Mehrwegpfandflaschen. Für noch mehr hygienische Sicherheit. Dann dürfen die Märkte bloß ihre Bedientheken nicht reihenweise abschaffen und gegen SB-Kühlregale mit Aufschnitt in Einwegfolie ersetzen.

Und was bei Dosen geht, geht auch bei den zig Millionen Kaffeebechern. Wer „to go“ anbietet, muss dann eben auch „to bring back“ anbieten. Und hygienisch reine Pfandbecher ausgeben.

Letztendlich ist die Idee von den daheim durch den Kunden gereinigten Bechern und Dosen doch nur ein ekliger Kompromiss. Mehrweg ja, aber bitte nicht mit Mehraufwand fürs Gewerbe. Und alle Hygiene-Regeln werden dann bei jeder einzelnen Bedienung abgeladen. Das sollten wir Kunden nicht mitmachen. Im Zweifel muss dann eben eine gesetzliche To-go-Pfandquote her. Wenn wir es mit der Rettung der Ozeane ernst meinen.

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