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Werner knallhart

Ice Bucket Challenge: Schluss jetzt!

Menschen, die sich vor der Handy-Kamera mit Eiswasser übergießen: Am Anfang ging es bei der Ice Bucket Challenge um Spenden und Spaß - jetzt geht es nur noch ums Dazugehören und Abhaken. Es reicht!

Zehn beeindruckende Werbekampagnen
"Horrifiying vs. More Horrifying"Mit diesem Plakat wirbt der WWF ( World Wide Fund for Nature) gegen die Verschmutzung der Meere. Die Botschaft: Ein Hai mag zwar angsteinflößend sein - aber noch angsteinflößender ist die Vorstellung, dass alle Haie eines Tages verschwunden sind. Quelle: WWF
"Slower is better"Die US-Werbeagentur Cramer-Krasselt verzichtet auf ein gewöhnliches Plakat, um Autofahrer vom Rasen abzuhalten. Für die Polizei des US-Städtchens Elm Grove hat sie eine Anzeigetafel entwickelt, die die Geschwindigkeit der Autos misst - und diese in Krankenhaustagen nach einem möglichen Unfall umrechnet. Quelle: Cramer-Krasselt
"The Prevention Beer Mug"Wer den Griff dieses besonderen Bierkrugs ergreift, der schlägt einer Frau symbolisch ins Gesicht: So macht die tschechische Niederlassung der französischen Werbeagentur Havas auf häusliche Gewalt nach Alkoholkonsum aufmerksam. Quelle: Havas Prague
"Save Paper. Save the Planet."Was Papierverbrauch genau für die Abholzung des Regenwalds bedeutet, verdeutlicht der WWF mit diesem Plakat. Ein Loch in der Form Südamerikas gibt den Blick auf den Stapel im Trockentuchspender frei. Je mehr Trockentücher man sich nimmt, desto niedriger wird der Stapel - und desto leerer letztlich der Regenwald in Südamerika. Quelle: WWF
"Victims are like you and me"Jeder kann zum Opfer werden: Das drückt die Kampagne der Zürcher Werbeagentur Advico Y&R für die christiliche Menschenrechtsorganisation ACAT (Aktion der Christen für die Abschaffung der Folter) aus. Dafür hat sie die Rückseiten von Straßenbahn- und Kinostühlen beklebt - mit Bildern gefesselter Hände sowie dem Satz "Victims are like you and me" ("Opfer sind wie du und ich"). Wer sich auf die Stühle setzt, nimmt sinnbildlich die Rolle eines Folteropfers ein. Quelle: Advico Y&R
"Liking isn't helping"Facebook-Nutzer klicken unter einer Schreckensmeldung gerne auf "Gefällt mir", um ihre Anteilnahme auszudrücken. Das allein reicht jedoch nicht, findet die Hilfsorganisation "Crisis Relief Singapore". Daher hat sie die französische Werbeagentur Publicis mit der Kampagne "Liking isn't helping" beauftragt. Quelle: Publicis Singapore
"Liking isn't helping"Die Plakate der "Crisis Relief"-Kampagne übertragen das "Liking"-Verhalten auf Facebook auf die Offline-Welt. Die Bilder zeigen anonyme Menschen, die sich um Kinder in Not horten und ihren Daumen recken. Quelle: Publicis Singapore

Es ist mittlerweile nicht mehr lustig. Aber wer auf Facebook unterwegs ist, kommt nicht drum herum. Dabei fing alles so witzig an.

Vor Wochen sah ich im Fernsehen meine Kölner WDR-Lokalzeit-Kollegin Mara Bergmann, wie sie sich vor laufender Kamera live mit Eiswasser übergießen ließ. Mein erster Gedanke: "Geil, mit Wasser rumsauen im Studio. Bislang tabu. Das mache ich demnächst auch."

Das war vor rund fünf Wochen. Dass das etwas mit einem Spendenaufruf zu tun hatte, war mir da noch gar nicht klar. Das habe ich erst einige Tage danach begriffen.

Es geht ja den an ALS erkrankten Menschen darum, auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen und Geld zu sammeln. Es fehlte bislang an öffentlicher Wahrnehmung. Das hat sich dank der Ice Bucket Challenge geändert. Das Prinzip der Aktion: entweder spenden oder nass werden. Und drei neue Kandidaten nominieren.

Extreme Phone Pinching, Catbearding und Planking - die Trends aus dem Sozialen Netz
Ein Mann hält ein Smartphone in einen Gullideckel Quelle: Screenshot
Ice Bucket Challenge...So wie im Sommer 2014. Da wurde es kalt und nass: Menschen auf der ganzen Welt, darunter zahlreiche Promis, Sportler und Künstler, schütteten sich einen Eimer Eiswasser über den Kopf und nominierten drei weitere Bekannte, es ihnen gleich zu tun. So entstanden mehr als 17 Millionen Videos auf Facebook. Die Aktion sollte auf die unheilbare Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) aufmerksam machen und Spenden für die Forschung sammeln. Quelle: AP
CatbeardingVoraussetzung für diesen Internet-Hype: eine möglichst zahme Katze. 2013 eroberten Fotos, in denen Katzenbesitzer ihre Katze so vor ihr Gesicht hielten, dass es aussieht wie ein Bart, die Sozialen Kanäle. Auch wenn`s extrem lustig aussieht, mag der Trend wohl nicht jeder Katze gefallen haben. Quelle: Youtube Quelle: Screenshot
Harlem Shaking Es scheint als ob es im Moment ganz Deutschland tut, nein, die ganze Welt: In Alltagssituationen tanzen weltweit Menschen chaotisch und stellen das Video ins Netz, wie hier die Feuerwehr aus Ahrensburg. Quelle: dpa
MilkingDer Sinn, der hinter diesem Internet-Trend, steckt, bleibt unklar. An britischen Universitäten haben Studierende im vergangenen Jahr damit begonnen, sich Milch über den Kopf zu kippen und sich dabei zu filmen. Quelle: wiwo.de
PlankingSie liegen auf Bäumen, auf der Straße oder kopfüber in Einkaufswagen - immer kerzengrade und mit einer unheimlichen Körperspannung, wie es auch hier im Video zu sehen ist. Diese Frau würde sich wahrscheinlich auch nicht regen, wenn sie weggeschoben wird. Quelle: wiwo.de
BatmanningSich einfach mal hängenlassen: Dieser Trend orientiert sich an der Comic-Figur Batman und bedeutet nichts anderes als sich kopfüber irgendwo hängen zu lassen. Die Jugendlichen nutzen dabei Zäune, Rohre und sogar Statuen. Quelle: wiwo.de

Das Schneeballsystem funktioniert. Eine amerikanische Selbsthilfeorganisation hat nach eigenen Angaben bereits mehr als 50 Millionen Dollar an Spenden erhalten. Auch in Deutschland verbuchen die entsprechenden Anlaufstellen wie die an der Charité in Berlin deutlich mehr Spenden. Das ist sehr gut.

Insofern gibt es an der Aktion selber nichts zu meckern. Aus Marketingsicht ein Volltreffer: Ohne die Selbstinszenierung in den Videos wäre der Aufruf nicht so erfolgreich. Und die Herausforderung mit dem Eis-Eimer ist perfekt ausbalanciert. Für jeden einerseits eine ziemliche Strapaze, aber andererseits wiederum etwas, dass man sich zumuten kann. Anders als etwa eine Flasche Weizenbier auf ex zu trinken oder seinen eigenen Furz anzuzünden, wie man es im Internet an anderer Stelle ebenfalls bewundern kann.

Aber wie das mit Schneeball-Systemen so ist: Einmal in Fahrt, lassen sie sich kaum mehr kontrollieren. Und heraus kommen hunderte idiotische Facebook-Videos. Es nimmt einfach kein Ende.

Vor ein paar Wochen reichte es noch, in seinem Video beim Nasswerden zu kreischen. Mittlerweile sollte man sich schon etwas einfallen lassen: Auf einer Baustelle etwa ließ sich ein Arbeiter erst mit einer ganzen Baggerschaufel voll Wasser übergießen, bis dann ein Frontlader einen Container mit Wasser über ihm leerte und ihn samt Stuhl davonschwemmte.

Menschen, die sich vor der Handy-Kamera mit Eiswasser übergießen. Es nimmt einfach kein Ende. Quelle: REUTERS

Andere Videos wiederum zeigen Leute, die ihre Kumpels auf Kommando übergießen sollten, sich unter der Last des schweren Wasserbehälters versehentlich selber die Ladung über den Kopf schütten - unter dem hysterischen Gegacker des Kameramanns. Wieder andere lassen den mehrere Kilo schweren Wassereimer aus dem ersten Stock auf den Kopf des Kandidaten knallen. Oder die Fensterbank bricht ab. Eine Frau spült sich mit dem Eiswasserschwall die Brüste aus dem Kleid und geht vor Scham jaulend in die Knie. Das hat alles seinen Unterhaltungswert.

Aber der große Rest lässt sich eben nichts einfallen. Und postet es trotzdem auf Facebook. Und das ist mittlerweile laaaangweeeilig! Denn bei Facebook erscheinen ja nicht nur Freunde mit ihrem Video, sondern es erscheinen auch Wildfremde, die von irgendwelchen Freunden von Freunden geliked wurden. Da stehen sie dann in ihren Vorgärten neben der Garage und quengeln rum, womit sie das denn verdient hätten und so. Dutzende Male. Den meisten Leuten fällt nichts Gutes ein.

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