Werner knallhart

Kantinentalk: Wer guckt welche Serie online?

"Hast du den Tatort gestern gesehen?" - "Nö." Mittlerweile gilt: Wer was auf sich hält, tratscht über Homeland, Deutschland 84 und Fargo. Jetzt schnell noch Anschluss finden. Oder Sie sitzen zukünftig beim Essen alleine.

Mitarbeiter in Kantine Quelle: Fotolia

Haben Sie beim Lesen der ersten Zeilen gerade schon die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen und gedacht: "Hilfe, dieser Kolumnist hier hat ja selbst keine Ahnung"? Wenn nein, dann leben Sie gefährlich am Rande des Zeitgeistes. Denn die Serie heißt "Deutschland 83" und nicht 84 – und das haben Sie nicht gewusst. Vorsicht! Die Welt ändert sich gerade und womöglich verlieren Sie gerade den Anschluss. Das muss aber nicht sein.

Am Puls der Zeit zu sein ist nur scheinbar schwierig. Es ist so wie damals der Wechsel vom Siemens-Handy auf das iPhone. Alles neu, aber nur anders kompliziert. Zugegeben: Früher war es noch sehr übersichtlich. Da lief die Schwarzwaldklinik und ausnahmslos alle guckten.

Das schafften danach nur noch die Shows. Nehmen wir mal Big Brother. Und dann DSDS und das Dschungelcamp. Die einen guckten aus aufrichtiger Begeisterung ("Ey, die fressen echt Känguru-Klöten da!"), die anderen aus verlogenem Interesse an der Metaebene und was solche Formate über den Zustand unserer Gesellschaft aussagen ("weil es so trashig ist, dass es schon wieder gut ist").

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Bislang hieß es: Die einen gucken Fernsehen (Mainstream), die anderen lesen ein Buch (Elite). Jetzt gibt es eine neue Kategorie, in die jeder aufsteigen kann, ohne ein Buch auch nur anzufassen: die Avantgarde. Gucken Sie dazu einfach HBO, Netflix, iTunes oder Amazon Video. Fertig.

Viele Avantgardisten prahlen großkotzig: "Ich nutze meinen Fernseher nur noch für die Tagesthemen – und als Monitor, um meine Serien aus dem Internet drauf zu streamen." Wow!

Ich kenne Paare, die sitzen abends gemütlich Zuhause im Wohnzimmer, jeder mit seinem iPad auf dem Schoß und Kopfhörern in den Ohren und der Lieblingsserie auf dem Bildschirm. Armselig? Was wäre denn kommunikativer daran, wenn jeder ein Buch in Händen hielte?

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Mit dem neuen Angebot an Spitzenserien hat sich auch der Kantinen-Talk verändert. Ich erinnere mich an früher. Da erzählte ich begeistert vom damals schon Jahre alten Spielfilm "The Sixth Sense": "Also, ich weiß noch, wie es mir damals eiskalt den Rücken runter lief, als am Ende rauskam: Bruce Willis ist selber ein Geist." Da maulte mein Kollege Axel neben mir: "Hallo? Ich kenne den Film übrigens noch nicht."

Das würde mir heute nicht mehr passieren. Heute fragt man: "Guckt jemand von euch Homeland?"

"Ja klar."

"Welche Staffel?"

"Die aktuelle. Jeden Montag direkt nach der Ausstrahlung in den USA auf iTunes Deutschland."

Zunächst muss also die Zuhörerschaft auf den aktuellen Status abgeklopft werden. Erst dann kann man inhaltlich einsteigen. Denn die einen sind noch in der Schnupperphase ("Staffel 1, Folge 3, aber bin irgendwie noch nicht angefixt"), andere hinken mittendrin hinterher ("Nicht verraten, ob Brody in der dritten Staffel doch noch lebt!"), wieder andere gieren von Woche zu Woche auf die neue Episode ("Die kriegst du über den australischen Store früher als über den US-Store.").  So ist das bei Homeland, genauso wie bei Game of Thrones, Deutschland 83, House of Cards, Fargo und und und. Je nach Jahreszeit.

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