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Werner Knallhart

Amazon und DHL: Die Schuldverschiebe-Logistik

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Online-Käufer auf die Barrikaden!

Der vom aufgebrachten Freund mit stockender Stimme informierte Käufer öffnet seine Amazon-App. Die strotzt nur so vor zufriedenem Grün und zeigt an: „Heute zugestellt“. Amazon irrt. Per E-Mail meldet sich parallel DHL beim Käufer: „Ihr DHL Paket wird in eine Filiale gebracht.“ Der Freund liefert sich danach – vom vertanen DHL-Urlaubstag und dem vermurksten Start ins Wochenende dünnhäutig und mürbe - ein Brüllduell mit der DHL-Hotline. Ergebnis: der Wunsch des Freundes, niemals in diese kaputte Welt hinein geboren worden zu sein. Der Käufer ruft währenddessen bei Amazon an. Ergebnis: „DHL sagt uns, deren Leute sind in den Zustellfahrzeugen nicht erreichbar und deshalb kann der Fahrer nicht angewiesen werden, nochmal vorbeizukommen. Da können wir von Amazon leider nichts daran ändern.“

Die DHL-Boten als freie Radikale im unendlichen Raum? Hihi! QUATSCH! Würde es stimmen, dass keiner bei DHL die Fahrer unterwegs anrufen kann, dann wäre die Deutsche Post das dümmste Unternehmen aller modernen Industriestaaten. Nein, nein. Die wollen nicht! Und Amazon nimmt das noch zu oft hin. Das ist aus Verbrauchersicht Knackpunkt Nummer 2. Die Schuldverschiebe-Logistik: An Fehlern bei der Zustellung seien die Logistiker schuld. Das ist die Strategie für die Amazon-Beschwerde-Hotline.

Und genau das dürfen wir uns als Kunden nicht gefallen lassen. Online-Käufer auf die Barrikaden! Amazon schuldet uns nicht nur die Ware, sondern auch die Zustellung wie vereinbart. Wenn die damit DHL beauftragen, ist das deren Sache! Was wäre eine angemessene Wiedergutmachung für einen Tag nutzlos aufgewendeter Urlaubszeit? Die Amazon-Hotline sagt im konkreten Fall: Standard sei fünf Euro. Und bietet einen entsprechenden Gutschein an (der die Firma deutlich weniger kostet). Das ist aber ja wohl - mit enormer Zurückhaltung an allen Kraftausdrücken vorbeigesprochen – ein unangemessener Standard.

Das durchschnittliche Monatseinkommen in Deutschland liegt bei rund 4000 Euro brutto. Bei 20 Arbeitstagen sind das 200 Euro Bruttoverdienst pro Tag. Wer nicht im Homeoffice arbeiten kann, kann am vertanen DHL-Urlaubstag zu Hause ein wenig rum kruschteln und vielleicht die Wände streichen. Das Haus verlassen geht bis 20 Uhr ja nicht. Sagen wir, ein vertaner Urlaubstag lässt sich veranschlagen mit 100 Euro pauschal.

Wer sollte dafür geradestehen, wenn nicht der, der die Zustellung dem Kunden gegenüber verantwortet? Soll sich Amazon doch das Geld von DHL und den anderen Logistikern zurückholen. Was meinen Sie, wie schnell dann künftig plötzlich Fahrer in ihren Autos erreichbar sein werden?!

Und bis dahin bleibt uns nichts anderes übrig, als das, was der Freund dann am Samstag getan hat – und ich schwöre bei allem, auf das man heutzutage üblicherweise schwört: Es ist wirklich passiert. Er hat sich in seinem Örtchen an der Ecke zum DHL-Paketshop, an die Ecke postiert. Der Paketshop-Mann hatte ihm kundenfreundlicherweise vorher verraten, wann der DHL-Wagen dort für gewöhnlich seine Tour beendet. Und dann schließlich der Angriff des mündigen Verbrauchers: „Bitte bringen Sie mir den Fernseher jetzt noch vorbei!“ Das hat der Bote dann tatsächlich achselzuckend und freundlich getan. Es war nicht sehr weit. Aber Hochschleppen musste der Freund den Fernseher dann selber. Irgendwas ist immer.

Der Amazon-App war das eine fröhliche Push-Nachricht an den Käufer wert: „Ihr Amazon Paket …wurde zugestellt.“ Wenn die doch bloß wüssten, wie.

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