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Werner knallhart

Schafft das Trinkgeld ab!

Es gibt gute, alte Traditionen und es gibt Traditionen, die sind alt aber nicht gut. Kolumnist Marcus Werner über die traditionell völlig ungerechte Sache mit dem Trinkgeld.

Diese Nationen geben das meiste Trinkgeld
Das Online-Portal TripAdvisor hat rund 7000 User in sechs Ländern befragt, wie sie es mit dem Trinkgeld halten: Legen sie es auf den Tisch oder den Nachtschrank oder bekommen Kellner und Zimmermädchen das Geld direkt in die Hand gedrückt? Wie viel Geld ist den Touristen guter Service wert und geben sie überhaupt Trinkgeld? Das Ergebnis der Umfrage: Die Italiener sind am knauserigsten. Nur 23 Prozent der Italiener geben Kellnern & Co. im Urlaub ein kleines Trinkgeld. Der europäische Durchschnitt liegt übrigens bei 42 Prozent. Quelle: dpa
Was Trinkgeldsammeldosen auf dem Tresen angeht, sind sich die Europäer übrigens sehr uneinig. 46 Prozent finden ein Sparschweinchen, in dem das Trinkgeld gesammelt und anschließend auf alle verteilt wird, gut. 27 Prozent würden lieber selber entscheiden, wer wie viel Geld bekommt und 14 Prozent fürchten, dass das Geld nicht fair geteilt wird. Der Rest ist überzeugt, dass Spardosen eine faire Trinkgeldpolitik fördern. Quelle: dpa
Von den spanischen Touristen würden allerdings nur 36 Prozent etwas ins Schweinchen werfen. Laut der Umfrage von TripAdvisor gibt nämlich nur rund ein Drittel der Spanier im Urlaub Trinkgeld. Das mag auch daran liegen, dass sich nur 24 Prozent der Spanier vor Reiseantritt darüber informieren, welche Trinkgeldgepflogenheiten im jeweiligen Urlaubsland herrschen. Quelle: REUTERS
Die Briten machen sich dagegen am seltensten schlau, wie viel Trinkgeld in welchem Land üblich sind. Nur 19 Prozent informieren sich, bevor sie in den Urlaub fliegen. Immerhin geben 39 Prozent der Engländer in den Ferien Trinkgeld für guten Service. Europaweit gilt: Die meisten geben Trinkgeld, wenn das Personal freundlich (29 Prozent), hilfsbereit (27 Prozent) und höflich (20 Prozent) ist. Sind Kellner, Hotelpagen oder Zimmermädchen besonders attraktiv, ist das für drei Prozent der Europäer ein guter Grund für ein kleines Tip. Quelle: REUTERS
Auch bei den Franzosen geben 39 Prozent im Urlaub Trinkgeld, wenn sie mit dem Service zufrieden sind. Übrigens halten sich rund 25 Prozent der Urlauber an die zehn-Prozent-Regel beim Trinkgeld. Um es auf jeden Fall richtig zu machen, machen sich 34 Prozent der Franzosen vor Reiseantritt schlau, wie viel guter Service im Zielland kostet. Quelle: dpa
Übrigens nutzen nur fünf Prozent der Europäer Trinkgeld als Motivation für guten Service. Sie zahlen, wenn sie zufrieden waren, anstatt zu zahlen, um zufrieden zu werden. In vielen arabischen Ländern ist das frühe Trinkgeld dagegen gang und gäbe. Quelle: AP
Vizetrinkgeldmeister sind die Russen: 53 Prozent von ihnen geben im Urlaub Trinkgeld, allerdings informieren sich nur 26 Prozent darüber, wie viel im jeweiligen Land angemessen ist. Quelle: AP

Wann haben Sie zum letzten Mal einem Kellner das Trinkgeld gestrichen? Erinnern Sie sich?

Und? War das geil? Dem arroganten, faulen Monsieur Gernegroß war das doch bestimmt ganz recht geschehen.

Bei mir war das das letzte Mal vergangenen Sonntag in einem - nein, sagen wir in einer vom Internet völlig überbewerteten Spelunke in Berlin-Kreuzberg. Wir waren zu dritt und einer von uns hatte sich eine schöne Cranberry-Saftschorle bestellt. Aber bitte ohne Eiswürfel. Er fand seinen Extra-Wunsch nicht sonderlich extravagant.

Nach weniger als vierzig Minuten brachte der Kellner die Platte mit den drei frischen Salaten der Saison (Wurstsalat, Fleischsalat und Geflügel-Eier-Salat), einen Milchkaffee, eine Cranberry-Saftschorle mit Eis und ein großes Pils.

"Ups, ich hatte doch ohne Eis bestellt."

"Nein. Nicht dass ich wüsste."

"Doch."

Da griff der Kellner ohne viel Aufhebens aber mit Verve nach meinem Milchkaffee-Löffel, den ich gerade noch genießerisch abgeleckt und auf die Untertasse gelegt hatte. Dann tunkte er ihn in die Schorle und flippte die Eiswürfel in recht hohem Bogen auf den Fußboden.

Nun, ich war gesund und wir drei waren Freunde. Aber es kam uns doch etwas ungehobelt vor.

Mein Freund winkte ab, trank die Schorle und tröstete sich damit, dass er nun einfach das Trinkgeld kappen würde. Und zwar radikal auf null. So! Prost!

Der Fernsehmoderator Harald Schmidt erzählte einst irgendwo von einer Taxi-Fahrt durch Köln. Der Taxifahrer hatte seinen Fahrgast damals sofort erkannt, in einer Tour auf türkischem Kölsch über Schmidts Arroganz im Fernsehen genörgelt und - wenn ich mich recht erinnere - Schmidt gewünscht, seine Show möge bald eingestellt werden. Beim Aussteigen hatte Harald Schmidt dem Mann dann 30 Euro Trinkgeld gegeben.

Wir Kunden sind als Könige doch die reinsten Willkürherrscher:

Kellner bekommen Trinkgeld, wenn sie lieb die Bestellung anschleppen. Aber warum geben wir nichts, wenn wir den Blueberry-Muffin selbst am Tresen abholen? Ist ein Tablett heranzutragen würdigungswürdiger als backen? Und würdigungswürdiger, als das zugesaute Tablett nach der Mahlzeit abzuräumen (McDonald's)? Warum schenken wir Stewardessen nach einem Interkontinental-Flug für elf Stunden Rundumbetreuung beim Abschied an der Tür gerade mal ein müdes Bye mit Overnight-Mundgeruch, statt einer kleinen Münze als Dank? Warum der Taxifahrer und warum nicht der Busfahrer? Warum die Friseurin aber nicht der Schuhverkäufer? Bei mir rennt der Minimum drei Mal ins Lager.

Meine Mutter sagte kürzlich, es sei ihr so peinlich, dass sie vergessen habe, der Blumenverkäuferin ein Trinkgeld zu geben. "Fürs Binden." Ich sag: "Wie: fürs Binden...?"

Warum kriegt der Pizza-Bote was, aber nicht der DHL-Bote?

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