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Werner knallhart

Selbst-Test: Sind Sie ein Spießer?

Ist ein Rauchverbot spießig oder sind es die Raucher? Sind Veganer nicht heute schon Spießer? Und was ist mit Ihnen?

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Ein Spießer schaut genau hin. Quelle: Fotolia

Ich möchte kein Spießer sein. Aber ich habe die Befürchtung: Keiner von uns kommt auf kurz oder lang drum herum. Der Begriff Spießer ist eine rhetorische Waffe mit universeller Kränkungskraft. Und sie trifft fast immer.

Eine Polizistin tanzt in Uniform und mit Pistole am Gürtel auf dem Maifest in Berlin-Kreuzberg eng an eng mit einem Passanten und fordert die verdutzten Zuschauer zum Mittanzen auf. Das Video geht dieser Tage bei Facebook rund und die Leute überschlagen sich vor Kommentaren, wie sich das gehört. Grob zusammengefasst:

"Die soll ihren Job machen."

"Sei ruhig, du Spießer."

"Tanzt mit Schusswaffe. Gefährlich."

"Ihr Spießer."

"Die kriegt 'ne Abmahnung."

"Quatsch. Alles Spießer hier! Armes Deutschland."

Ist Kritik am lasziven Tanz der jungen Polizistin mit erotisch wackelnder Dienstpistole und keck rasselndem Schlüsselbund an den Hüften spießig?

Ist es spießig, an einer roten Fußgängerampel zu warten, wenn offensichtlich kein Auto naht? Wohl kaum, wenn Kinder mit dabei stehen.

Aber jetzt Achtung: Der Schriftsteller Max Goldt schrieb einst sinngemäß, er könne gar nicht verstehen, warum die Leute über die rote Fußgängerampel hasten. "Mir wird von oben, von einer anonymen Macht, eine Pause angeboten und ich bin so entgegenkommend, dieses Angebot anzunehmen, indem ich friedensreich verharre." Eine Ausnahme gelte nur dann, wenn Mütter mit Kindern dabei sind. In diesem Fall gehe er doch bei Rot.

Zack, den Spieß umgedreht. Die, die bei rot rüber laufen, sind jetzt die Spießer. Und die, die mit Kindern warten, auch.

Das ist das Raffinierte am Begriff der Spießigkeit. Je nach Blickwinkel kann man ihn auf kurz oder lang jedem um die Ohren hauen.

Der Definition nach sind Spießer engstirnige Leute. Menschen, die geistig träge sind, Veränderungen scheuen und sich gerne sozialen Gepflogenheiten unterwerfen. Kurz gesagt: Spießer sind Fans vom Gängigen.

Das Gegenteil vom Spießer sind demnach Menschen, die Spaß an Veränderung haben, Risiken eingehen, Altes ablehnen, allein schon, weil es alt ist.

Aber jetzt kommen zwei Tricks der gewieften Rhetoriker.

Den ersten Trick nenne ich "Anmaßung der Urteilshoheit über die Frage, wo genau die Grenze zwischen gängig und innovativ verläuft". Klingt auf den ersten Blick kompliziert, deshalb möchte ich das gerne ausführen: Filterkaffee war einst Standard. Dann kam die Latte Macchiato und ihre Freunde mit all den italienischen Namen. Der arme Filterkaffee war out. Ein spießiges Überbleibsel aus der Draußen-nur-Kännchen-Ära.

Nun kommt der Filterkaffee mit stolzer Brust wieder. Die ersten Menschen trinken wieder aus der gluckernden Filtermaschine mit dem hängenden Filter und Tropfverschluss. Und außerdem wird plötzlich Tee getrunken. Denn die Lattes und Caffès mit ihren Akzenten sonst wo auf den Vokalen sind: spießig.

Alles ist spießig. Und damit nichts.

Aber wer entscheidet das? Antwort: Sie! Maßen Sie sich einfach die Urteilshoheit an. Das gilt für alles.

Sagen Sie an Silvester: "Um Punkt Mitternacht mit Sekt anzustoßen, ist aber ganz schön spießig. Es kommt doch nicht auf die Sekunde an." So ruinieren Sie treffsicher jede Tradition.

Aber auch vermeintlich Ausgefallenes! Sagen Sie: "Ein Gutschein für einen Fallschirmsprung? Steckt da jemand in der Midlifecrisis? Spießig."

Oder vermeintlich Jugendliches: "Vapiano? Wo McDonald's-Freaks abhängen, wenn es was zu feiern gibt? Spießig."

Weindekantier-Kannen, Erdbeeren zum Frühstück, Payback-Karten, Grünen-Wähler in Allwetterjacken, Facebook, Hundehalter, Katzenhalter, vegane Küche, einen schönen Fernsehabend, eine Radtour, Galāo, Eurovision Song Contest. Sie kriegen alles rhetorisch totgeschlagen, was anderen lieb und teuer ist. Wenn Sie das denn wollen.

Ich trinke noch Latte, ich stoße an Silvester auf die Sekunde pünktlich an, gucke gerne gemütlich gute Serien bei Netflix oder iTunes und ich habe mir eine Apple Watch bestellt. Und wenn Leute vor dem Restaurant rauchen, weil es drinnen verboten ist, und der Rauch zieht durch die Eingangstür hinein an meinen Tisch, dann wünsche ich mir strengere Gesetze wie in anderen Ländern, die das Rauchen direkt vor der Tür ebenso verbieten.

Und dann frage ich mich manchmal: Bist du jetzt spießig? Und dann muss ich mich zwingen, es mir egal sein zu lassen. Und das gelingt mir mit Trick Nummer zwei, einem Gedankenexperiment:

In Arbeit
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Spießer ist ja, wer sich sozialen Konventionen unterwirft. Wenn es aber in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen gerade der sozialen Konvention entspricht, unkonventionell sein zu wollen, dann ist ja just dieses Verlangen wiederum spießig, weil gesellschaftskonform.

Derjenige, der einen Flat White bestellt, um damit die gute alte Latte Macchiato zu überwinden, ist der eigentliche Spießer. Wer individuell reist, gerade weil Pauschalreisen spießig sind, ist spießig. Apple-Watch-Träger, die zu den ersten gehören wollen, sind sowas von 2015. Und damit ganz vorne - also spießig. Tja. Aber: Wer jemanden Spießer nennt, und selber nicht spießig sein will, ist es gerade. Also auch Apple-Watch-Verspotter. So argumentiert, ist jeder kleine Vorstadt-Hipster, jeder durchgestylte Punk ein Spießer par excellence.

Ergo: Alles ist spießig. Und damit nichts. Das Wort "Spießer" taugt nichts. Hauen wir es uns also gerne um die Ohren. Es schadet ja nichts. Am Ende bleibt: Wer bei seinem Handeln den Spießer-Maßstab anlegt, ist zumindest nicht sonderlich selbstbewusst.

Mit anderen Worten: Der ist uncool. Wobei: Fangen wir jetzt besser nicht an, das Wort cool auf Widersprüchlichkeiten abzuklopfen. Sonst werden wir hier nie fertig.

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