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Werner knallhart

Wenn Ihre Höflichkeit nervt

Der Kollege hält die Tür auf, die Kollegin muss deshalb rennen. Der Kellner gießt einen symbolischen Schluck Bier aus der Flasche ins Glas. Und alles ist Schaum. Die Top 5 der lästigsten Nettigkeiten.

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Was mitunter galant wirkt, kann manchmal ganz schön nerven. Quelle: Getty Images

Bekanntlich ist nicht alles gut gemacht, was gut gemeint ist. Wenn wir unseren Mitmenschen im Arbeitsalltag, beim Einkaufen oder im Theater mit Höflichkeit begegnen, dann kommt aber noch eine blöde Sache erschwerend hinzu: Wir tun das nicht allein dem anderen zuliebe. Wir tun es, um selber gut dazustehen. Indem wir zeigen: Guck mal, ich bin jemand zum Knuddeln. Im Idealfall profitiert der andere dann davon. Aber oft steigern diese Riten der Freundlichkeit beim anderen eher den Blutdruck, als das Wohlbefinden. 

Platz 5: Tür aufhalten, wenn der andere am Horizont zu sehen ist

Der Klassiker. Eine Lose-Lose-Situation. Der frühe Aufhalter muss ewig warten und steht Dritten im Weg, der andere sieht sich genötigt, aus Gegen-Höflichkeit demonstrativ zu traben - mit hüpfendem Rucksack auf dem Buckel. Aber wem hilft all das? Türen hält man dem Hintermann auf, damit sie diesem nicht direkt hinter einem mit Schwung an die Schläfe knallen. Oder wenn jemand mit Kinderwagen oder mit Taschen bepackt keine Hand frei hat.

In allen anderen Situationen sollte gelten: Gönnen wir uns selber und den anderen diesen kleinen Moment der Entspannung. Man grüßt sich einfach gegenseitig freundlich aus der Ferne. Und die Tür fällt ins Schloss.

Der Erkältungs-Knigge fürs Büro
Körpergeräusche ignorieren Quelle: dpa
Hustenanfälle Quelle: obs
Das richtige Taschentuch Quelle: dpa-dpaweb
Auf den Handschlag verzichten Quelle: dpa
Desinfizieren Quelle: dpa
Arbeitsplatz reinigen Quelle: dpa
Essen gehen Quelle: Reuters

Platz 4: „Gesundheit!“

Das aussterbende Ritual. Kurioser Weise hat sich hier in den vergangenen fünf Jahren etwas verändert. Früher hatte man als Nieser ja das Gefühl: Alle, die jetzt nicht „Gesundheit“ sagen, wünschen mir heimlich den Tod.

Heute denke ich: Jeder, der mir „Gesundheit“ wünscht, bringt mir durch die Blume zum Ausdruck, ich solle ihn gefälligst nicht anstecken. Da steckt Deutschland mitten im Erkältungs-Kulturwandel.

Und so prallen heute zwei Welten aufeinander: Die Gesundheit-Sager und die Nieser, die ignoriert werden wollen. Bester Ort für eine Feldstudie ist der ICE. Wenn dann einer niest, fünf Reihen weiter vorne einer anonym und fröhlich „GESUNDHEIT!“ nach hinten brüllt, und dann kommt kein „Danke!“ - dann wissen Sie: Hier ist eine Gesellschaft im Umbruch.

Aber das „Gesundheit!“ wird sterben. Ganz klar! Denn: Kommt immer seltener ein Danke, dann werden sich die Gesundheit-Brüller mehr und mehr vorkommen wie die fröhlichen Clowns in einer kaltherzigen Welt. Und sie werden eingeschnappt klein beigeben. Am Anfang werden sie „Gesundheit“ nur noch leise denken. Dann irgendwann auch das nicht mehr. Wie beim Umrechnen von Euro in D-Mark. Irgendwann hört das einfach auf. Und Niesen ist keiner Rede mehr wert.

Platz 3: In der Supermarkt-Schlange vorlassen

Dass sich diese Höflichkeit schnell rächt, ist eine Binse. Da lässt man den Bubi mit der einen Flasche Bacardi-Breezer an der Kasse vor und dann steht er da vor der Kassiererin ohne Ausweis, ist aber vielleicht erst 15. Oder ihm fehlen genau 27 Cent, wie er gerade merkt. Aber da ist man dann ja selber schuld.

Was aber aussieht wie ein Deal zwischen Ihnen und dem Vorgelassenen, ist auf der anderen Seite eine unverschämte Anmaßung den Leuten hinter Ihnen. Denn eigentlich hätten auch alle anderen hinter Ihnen ebenfalls um Erlaubnis gefragt werden müssen. Aber wer macht das schon? Nun kann man sagen: Da wird doch keiner was dagegen haben, und wenn doch, dann sind das alles Spießer. Aber das ist ja gerade die Anmaßung. Wer quer einsteigen lässt, schmückt sich mit der erzwungenen Großzügigkeit aller anderen. Mit reinem Gewissen vorgelassen werden kann also nur der Wartende direkt hinter einem in der Schlange. Alles andere ist die Diktatur der Höflichkeit über die Massen.

Aus Höflichkeit mal eben die Straßenverkehrsgesetze aushebeln

Platz 2: Der symbolische Schluck Bier im Glas

Das sinnentleerte Ritual: Der Kellner bringt eine Flasche Bier, dazu ein Glas, dann gießt er rund ein Achtel des Bieres ins aufrecht auf dem Tisch stehende Glas, sagt „zum Wohl“ und schiebt ab. Ergebnis: Ein zur Hälfte mit Schaum gefülltes Glas Bier. Was soll das?

Nun, es soll heißen: „Lieber Gast, du bist mir nicht zu 100 Prozent Wurscht. Aber ich habe weder Zeit noch Lust, dir das Bier mit Muße fachmännisch einzuschenken.“

Dem Gast hebt es den Genuss nicht um einen Hauch. Im Gegenteil, er muss im dümmsten Fall sogar warten, bis der Schaum abgeebbt ist, um selber nachzuschenken. Und Zeit heißt beim Bier: schal. Aber: Jetzt bitte nicht auf die Idee kommen, künftig das Glas komplett einzugießen, liebes Service-Personal. Es würde mir ja selber den Puls hochtreiben, dabei zuzusehen, wie der abgehetzte Kellner flach atmend und mit Schweißperlen auf der Stirn das Glas vollmacht. Ich mag die Kellner am liebsten, die fragen: „Soll ich oder wollen Sie?“

Ich mach dann immer selber. Aber einen ersten Schluck reingießen, das geht höchstens mit Fanta bei Gästen unter sechs Jahren.

Knigge für das Großraumbüro

Platz 1: Bei rechts vor links den Linken durchwinken

Wow! Aus Höflichkeit mal eben die Straßenverkehrsgesetze aushebeln. Wer bei rechts vor links Verkehrsteilnehmer, die von links kommen, durchwinkt, der denkt wohl, das Recht auf Vorfahrt sei ein Privileg - und auf dieses Privileg zu verzichten sei ein Akt von Selbstlosigkeit.

Wer Vorfahrt hat und wer nicht, ist aber keine Frage von Sozialprestige. Jeder hat mal Vorfahrt, mal muss er Vorfahrt gewähren. Das ist so geregelt, damit es keine Unfälle gibt. Wenn nun jeder anfangen würde, an der grünen Ampel anzuhalten und Autofahrer über rot vorzuwinken, nur weil er heute irgendwie gute Laune hat, dann können wir gleich alle zuhause bleiben.

Warum aber halten einige ausgerechnet die Rechts-vor-links-Regelung für einen nett gemeinten Vorschlag des Gesetzgebers? Auf sein Recht auf Vorfahrt zu verzichten, ist gemäß § 11 Absatz 3 StVO geboten, wenn die Verkehrslage es erfordert.

Aber doch bitte nicht einfach so, um ohne Grund einfach mal Fünfe gerade sein zu lassen.

Die zehn Knigge-Basics

Wie oft stehe ich als Linker an der Kreuzung, muss erst kapieren, was beim anderen los ist, dass der nicht fährt, dann sehe ich ihn durch die Reflektionen der Windschutz- und Seitenscheibe hindurch irgendwie gönnerhaft winken und fahre dann wieder an. Gewonnen habe ich da nichts. Außer den Gedanken: Hat da jemand gerade Fünfe gerade sein lassen oder hat er bloß nicht kapiert, dass er Vorfahrt hat?

Und Vorsicht: Lässt sich der von Links Kommende durchwinken und fährt als erster, und der von rechts fährt dann doch und es knallt, hat der Linke mitunter schlechte Karten: „Aber der hat mich doch vorgelassen“ lässt sich oftmals schwer beweisen.

Weil aber Höflichkeit ja zumindest sympathisch ist: Warum nicht als Rechter die Vorfahrt nutzen und beim Durchfahren freundlich lächelnd nicken im Sinne von „danke fürs Durchlassen“. Ist nicht nötig und gerade deshalb nett - und sollte so viel Herzenswärme doch mal Verwirrung stiften, ist die Begegnung schon vorbei. Unfallgefahr gebannt, keine Sekunde Zeit verloren, kein einziges Mal unnötig angehalten. 

So funktioniert Nettigkeit ohne Reibungs-Verluste. Nennen wir es: vernünftige Höflichkeit.

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