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Werner knallhart

Vapiano: Früher schickimicki, heute irgendwie von gestern

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Wie hippe Foodcourts in alten Markthallen

Als ich meine Nudeln fast aufgegessen hatte („Fang an, sonst wird es ja kalt“), vibrierte bei meinem Kollegen die Pizza-Disk. Und er wetzte los. Dann kam er mit seinem Abendessen zurück: „Geil! Auf der Theke standen vier Pizzen rum. Und erst wusste keiner, für wen welche war.“

„Hmm“, ich wischte mir mit der Serviette über den Mund. Also, ich war satt: „Guten Appetit.“

Und jetzt kommt´s! Bitte suchen Sie sich festen Halt. Denn natürlich könnte jeder Vapiano-Fan einwenden: Auf jedem dieser hippen Foodcourts in alten Kreuzberger Markthallen oder im Dachgeschoss eines Einkaufszentrums in Bielefeld, auf jedem Foodmarket zusammengestellt aus schwarz lackierten Oldtimerlieferwagen mit großem Seitenfenster und Menükarten im Kreidetafellook – überall dort läuft es doch nicht anders. Jeder pickt sich seine leckeren sieben Sachen zusammen und man trifft sich an einem vorher ausgemachten Tisch.

Und genau das ist es! Das ist der Grund, warum Vapiano mit seinem aktuellen Konzept aus meiner Sicht seine beste Zeit hinter sich hat. Denn auf einem Foodcourt oder auf einem Foodmarket bietet jeder an seinem Verkaufsstand genau das an, was er am besten kann. In jedem alten Bulli steht ein Experte, der mit Herzblut seine Spezialität verkauft: Käsefondue aus Holland hier, türkisch-spanisch-koreanische Fusion-Tapas dort, Craftbeer mit Tannenharzaroma aus Hildesheim da hinten, Fallobst-Applecrumble mit veganer Hafermilcheiscreme da vorne. Um sich hier die Lieblingsgerichte auszusuchen, MUSS man ja von hier nach da nach dort wandern. Da ist laufen, suchen, warten, tragen, telefonieren einfach Programm.

Aber bei Vapiano? Die haben da Pizza, Nudeln und Salat. Das gibt es in jedem italienischen Restaurant. Nur dort kommt alles gemeinsam auf den Tisch. Das Vapiano-Konzept mit dem auf Markthalle gemachten Schnickschnack bringt deshalb keinen Vorteil. Die Macher von Vapiano werden hier sicher widersprechen. Aber die einzelnen Stände sind eben keine Spezialitätenstände, an denen der Milchbauer, der Käserei-Inhaber, die Imkerin, die Kaffeerösterin ihre eigenen Produkte verkaufen. Vapiano ist einfach ein umständliches Restaurant mit freundlicher Optik, in dem die Gäste die Arbeit von Kellnern machen. Und alles läuft chaotischer als etwa bei McDonald's, wo alles auf einem Tablett rauskommt.

Welche Kette macht die beste Pizza?

All die Töpfe mit Basilikum, der Olivenbaum und die italienischen Texte an der Wand täuschen nicht darüber hinweg: Va piano (gehe langsam) geht auf Kosten der Gemütlichkeit, der Geselligkeit, des Genusses. Ob die Chefs von Vapiano bei internen Treffen hinter verschlossenen Türen wirklich zueinander sagen: „Pizza und Pasta von uns schmecken besser als der Durchschnitt“? Mein Kollege und ich als Testesser würden sagen: Für eine Kette, die sich auf Pizza und Pasta spezialisiert hat, war das Essen auffällig unspektakulärer Standard – und zu wenig für den ganzen Aufwand.

Und Olivenbäumchen und Kräutertöpfe finden wir Deutschen heute selbst in unseren Kantinen, in denen wir mit unserem Tablett wie bei Vapiano von der Pastastation zur Salatgondel tingeln. Einziger Unterschied: Es gibt keinen Alkohol und man bezahlt in der Kantine vorm Essen.

Insofern ist das seit langem nicht mehr innovative Vapiano-Buchungskartensystem ein wichtiges Unterscheidungskriterium. Man zahlt das auf der Karte gesammelt gebuchte Essen am Ausgang beim Gehen. Früher hui, heute in Zeiten von Google Pay und Apple Pay nichts Dolles mehr.

Auf der Vapiano-Website bewirbt das Unternehmen seine App. Als Teil der Vapiano-People-Community kann man dank der App die Gerichte vom Tisch aus bestellen. Soso! Zweifelt da jemand am eigenen Konzept des Rennens und Wartens? Als besonderer Service für die Stammkundschaft:
„Getränke und Dolci von der Bar kannst Du dir sogar an den Tisch bringen lassen.“ Siehe da: Vapiano hat erkannt, was selbst junge Kunden wünschen. Weniger Stress. Wer sich (zumindest mit Kleinigkeiten) gemütlich direkt am Tisch versorgen lassen will, braucht bei Vapiano allerdings eine App.

Wem das alles zu umständlich erscheint, dem empfehle ich den Italiener um die Ecke.

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