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Wettbewerb Best Office 2010 Die schönsten Büros des Jahres

Die Preisträger zeigen: Der Trend geht weg vom reinen Großraumbüro hin zu Arbeitswelten, die ein intelligentes Wechselspiel zwischen Teamarbeit und Rückzug ermöglichen.

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Solon 1 Quelle: Werner Huthmacher für WirtschaftsWoche

Sebastian Hornung hat nicht nur einen festen Schreibtisch, er kann jeden Morgen zusätzlich unter etwa 100 verschiedenen Arbeitsorten wählen. Im Sommer brütet der Marketingmanager des Solarunternehmens Solon im Liegestuhl auf der Dachterrasse der Berliner Zentrale über neue Formen der Kundenbindung. Brennt die Sonne zu heiß, kühlt er seine Füße im Wasserbecken, das die Südspitze des Gebäudes umrahmt. Und seine Kollegen aus dem Marketing trifft er zu Besprechungen am liebsten auf dem roten Sofa in der gläsernen Box.

Was idyllisch klingt, hilft Hornung und seinen knapp 400 Kollegen bei Solon in Berlin, im sich rapide wandelnden Solarmarkt nicht den Mut, die Kreativität und die Kraft zu verlieren, immer wieder mit Innovationen aufzuwarten. „Solon hat mit seinem neuen Hauptquartier Raum für abteilungsübergreifendes Teamwork geschaffen, ohne den Mitarbeitern dabei das Gefühl zu geben, ständig auf dem Präsentierteller zu sitzen“, urteilt Ralph Bruder, Leiter des Instituts für Arbeitswissenschaft (IAD) der Technischen Universität Darmstadt.

Grund genug für die WirtschaftsWoche, gemeinsam mit der Koelnmesse als Veranstalterin der Messe Orgatec und dem IAD, Solon im Wettbewerb Best Office 2010 zum Sieger in der Kategorie National zu küren. International schnitt der österreichische Stahlhersteller Voestalpine am besten ab.

Arbeitswelt zum Wohlfühlen

„Mit ihren Bürogebäuden zeigen beide Unternehmen, dass der Trend weg vom reinen Großraumbüro hin zu Arbeitswelten geht, die ein intelligentes Wechselspiel zwischen Teamarbeit, sichtbarer Präsenz und Rückzugsmöglichkeiten ermöglichen“, urteilt Oliver Kuhrt, Geschäftsführer der Koelnmesse und Mitglied der Best Office Jury. „Viele Mitarbeiter sind durch Arbeitsverdichtung, Internet und E-Mail zum ständigen Senden und Empfangen gezwungen. Büros, die es schaffen, zur Entschleunigung im Alltag beizutragen, sind deshalb im Kommen. Sie übernehmen fast schon eine wertschöpfende Funktion.“

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    Mit dem Schritt, in der Verwaltungs-, Produktions- und Forschungszentrale eine Arbeitswelt zum Wohlfühlen einzurichten, habe Solon „die Büroarbeitswelt in eine neue Dimension katapultiert“, lobt IAD-Chef Bruder. Solon ging 1998 als erstes deutsches Solarunternehmen an die Börse. 2009 brach das Geschäft ein, als wegen der Finanzkrise kaum noch Solaranlagen finanziert wurden. Der Konzernumsatz stürzte um 57 Prozent auf 354,4 Millionen Euro, vor Zinsen und Steuern machte Solon 199 Millionen Euro Verlust.

    In diesem Jahr meldet das Unternehmen im ersten Halbjahr 243 Millionen Euro Umsatz und senkte den Verlust auf 13,7 Millionen Euro. Vor Kurzem zog Solon den bisher größten Auftrag seiner Firmengeschichte an Land: Die Berliner bauen nahe Phoenix im US-Staat Arizona ein 18-Megawatt-Solarkraftwerk, das von 2011 an 4500 Haushalte mit Strom versorgen und eine Fläche von 118 Fußballfeldern einnehmen soll.

    Alle unter einem Dach

    Die 1996 gegründete Solon arbeitete zunächst in einem Kreuzberger Hinterhof und dann lange Zeit in einem Fünfzigerjahre-Bau, der ehemaligen Wäscherei des Krankenhauses von Neu-Kölln. Die verkam mit dem Solarboom mehr und mehr zur engen Notunterkunft.

    Ein Manko waren auch die weiten Wege, die Produktmanager und Vertriebler auf sich nehmen mussten, um sich mit den Kollegen aus Technik, Produktentwicklung und Produktion zu besprechen. Die arbeiteten damals noch an verschiedenen Standorten in Berlin.

    Damit der persönliche Gedankenaustausch zwischen Produktion, Forschung und Entwicklung, Marketing und Vertrieb mit den schnellen Innovationszyklen im Solargeschäft Schritt hält, entschied Solon 2007, rund 47 Millionen Euro für den Neubau von Zentrale und Produktionshallen in die Hand zu nehmen und alle Mitarbeiter unter einem Dach zu vereinen.

    Im industriell geprägten Look des veredelten Rohbaus schuf der Berliner Architekt Heinrich Schulte-Frohlinde auf einer Fläche von rund 27 000 Quadratmetern im Technologiepark Berlin-Adlershof für Solon eine Art Begegnungsstätte von Gegenwart und Zukunft. Das neu gebaute Hauptquartier beherbergt eine Solarmodulfabrik mit Robotern und Fertigungsstraßen sowie Technologielabors, in denen an Innovationen gebastelt wird.

    Solon 2 Quelle: Werner Huthmacher für WirtschaftsWoche

    Die Mitarbeiter aus Verwaltung und Vertrieb, Kommunikation, Finanzen und Controlling haben so bei ihrer Arbeit immer vor Augen, womit Solon heute Geld verdient und wo die Zukunft liegen wird.

    Aus viel Glas, Tannenholz, lichtdurchlässigen Polycarbonatplatten und Cortenstahl – der Wind und Wetter und damit auch bewusst dem Rost ausgesetzt ist, aber darunter nicht korrodiert – entstand ein dynamisch-wellenförmig geschwungener Bau, der von außen Einblicke in die verglaste Produktionshalle erlaubt.

    Das Hauptquartier von Solon erfüllt die Erwartungen an einen Anbieter von Technik für erneuerbare Energien: so wenig Ressourcenverbrauch wie möglich, Sorge um das Wohlbefinden der Mitarbeiter und soziales Engagement. Für Ersteres stehen eine High-Tech-Außenhülle aus nachhaltigen Baustoffen, ein Energiekonzept, das nur ein Viertel des üblichen Energieverbrauchs erfordert, und ein Dach, das neben Solarmodulen mit grünen Wiesen und Bäumen bestückt ist.

    Im firmeneigenen Restaurant kochen und servieren Jugendliche, die über das Berliner Sozialprojekt Werkhof Zehlendorf auf diesem Wege eine Ausbildungschance erhalten. Die Toiletten werden mit Regenwasser gespült, und am Eingang stehen emissionsfreie Elektro-Roller sowie Elektroautos, die an solaren Ladestationen per Steckdose aufgeladen werden.

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      Energiekosten sparen

      Überall bei Solon sind Mitarbeiter mit kofferartig gestalteten, mobilen Speichereinheiten unterwegs, die per Lithium-Ionen-Akku über Nacht an Aufladestationen den kompletten Energiebedarf für einen Arbeitsplatz auftanken. Mehrere Tage lang können die Angestellten dank der E-Tanks energieautark arbeiten, wo sie wollen, ohne wieder aufladen zu müssen.

      „Damit sparen wir nicht nur Energiekosten, weil wir die günstigeren Nachtstromtarife nutzen können. Wir haben mit den mobilen Speichereinheiten auch die Freiheit bekommen, unseren Arbeitsplatz in einem der fünf lichtdurchfluteten Innenhöfe oder auf der Wiese oben auf dem Dach aufzuschlagen“, sagt Michael Wittner, Leiter des Produktmanagements.

      Das zentrale Gestaltungselement des dreistöckigen Verwaltungsgebäudes sind die fünf Innenhöfe. Sie sorgen für vielfältige Sichtverbindungen zwischen den Abteilungen, aber auch dafür, dass trotz der großzügigen Büroflächen bei den Mitarbeitern nicht das Gefühl aufkommt, unter ständiger Beobachtung der anderen zu stehen.

      Bemerkenswertes Lichtmanagement

      „Wir haben bewusst viel Raum, Luft und Licht, vor allem aber zahlreiche ungewöhnliche Arbeitssituationen geschaffen, weil sie uns dabei unterstützen, ungewöhnliche Ideen zu entwickeln“, sagt Solon-Vorstand Stefan Säuberlich. Eigens für Solon entworfene und von Handwerkern gestaltete Alkoven, Bubblechairs und Sofas, die zum Liegen einladen, verleihen dem Bürohaus eine fast private Wohnzimmeratmosphäre. „Genauso würde ich mich auch zu Hause einrichten“, lobt sein Kollege Wittner.

      Die Berliner Innenarchitektin Sandra Pauquet sorgte gemeinsam mit der Pariser Stylistin Isabelle Baudry durch geschickte Stoff-, Lampen- und Mobiliarauswahl für dekorative Überraschungen, für Wohl-fühlecken und Rückzugsgebiete.

      Auf einem Flohmarkt in Paris trieb Baudry zum Beispiel gleich 20 Paar antike Clubsessel aus braunem Leder auf, die überall im Haus zum Zweiergespräch einladen. „Dass die Sessel schon gebraucht waren, macht ihren Charme aus. Bei Solon war diese Individualität erwünscht, in anderen Unternehmen hätten wir nicht so viel Gestaltungsfreiheit eingeräumt bekommen“, sagt Pauquet.

      Bemerkenswert ist auch das Lichtmanagement. Die Innenhöfe und die zu weiten Teilen aus Glas bestehenden Außenfassaden bringen so viel Tageslicht in das Gebäude, dass die künstliche Beleuchtung statt der gesetzlich vorgeschriebenen 500 Lux auf 300 Lux reduziert werden konnte. Zudem entwickelte Solon gemeinsam mit dem Leuchtenhersteller Se’lux und dem Büromöbelspezialisten Kinnarps Samas eine energiesparende Bürotischlampe, die mit neun Watt auskommt.

      Voestalpine 1

      Raus aus dem klassischen Bürokonzept – viele Einzelzimmer entlang langer Flure – rein in eine neue Arbeitswelt, die zur abteilungsübergreifenden Kommunikation anregt, ohne die Mitarbeiter durch zu viel Präsentierteller-Atmosphäre zu überfordern: Das war auch die Motivation von Voestalpine, eine neue Verkaufs- und Finanzzentrale für ihren Stahlbereich zu bauen. Die „Voest“, die mit weltweit 44 000 Mitarbeitern und 8,5 Milliarden Euro Jahresumsatz zu den größten Unternehmen Österreichs zählt, bewirtschaftet an ihrem Hauptstandort in Linz ein riesiges Industriegelände mit Stahlhütte und zahlreichen Stahl weiterverarbeitenden Betrieben.

      Mit dem neuen Haus wollte Voestalpine ein Signal setzen: „Wir brauchten ein Gebäude mit Portalcharakter, das nach außen hin als Tor zu unserem gesamten Industriegelände in Linz dient“, sagt Alfred Düsing, Finanzvorstand der Voestalpine Stahl. „Zudem sollte es in einem Campus-Konzept mit dem Hauptquartier der AG und dem neuen Ausstellungszentrum ,Stahlwelt‘ korrespondieren.“

      „Goldener Wurm“

      Das Projekt dauerte von der Bedarfsplanung bis zum Einzug Mitte 2009 vier Jahre. Das Ergebnis ist ein vierstöckiger, 220 Meter langer rundlich geschwungener Bau aus massiven Stahlsäulen und gelochten Stahlträgern, mit golden schimmernden Fassaden und mit vier glasbedeckten und pflanzenfreundlichen Innenhöfen. Der österreichische Stararchitekt Dietmar Feichtinger verlegte mit einer weitläufigen unterirdischen Parkplatzanlage die bei Industrieunternehmen übliche Blechlawine aus Mitarbeiter-Autos unter die Erde.

      Über dem gläsernen Haupteingang des im Volksmund „Wurm“ genannten Gebäudes richtete Voestalpine Stahl eine öffentliche Besprechungszone ein – samt großzügiger Dachterrasse für Außenveranstaltungen und Arbeitspausen.

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        „Uns war wichtig, dass wir das Gebäude streng in einen öffentlichen und einen ausschließlich für Mitarbeiter zugänglichen Bereich teilen“, sagt Johann Allerstorfer, Leiter Facility Management bei Voestalpine Stahl. „Heute können unsere Mitarbeiter sich mit Lieferanten und Kunden in einem offiziellen Rahmen treffen. Das hat eine andere Qualität, als einen Zulieferer in das eigene Büro bitten zu müssen, wo auch vertrauliche Papiere liegen.“

        Keine ständige Beobachtung

        Öffentlich zugänglich sind zudem die Geschäfte und Versorgungseinrichtungen im Erdgeschoss. Hier wird flaniert, hier finden sich ein kleiner Supermarkt, eine Bibliothek rund um Stahl, die Poststelle und die Reiseabteilung.

        Die eigentliche Bürolandschaft befindet sich in den vier Obergeschossen darüber. 350 Kombi- und Teamkombibüros für 425 Mitarbeiter reihen sich auf beiden Seiten des Stahlwurms wie an einer Perlenkette aufgereiht aneinander, immer wieder aufgelockert und geschickt unterteilt durch begrünte Atrien.

        Neben jedem der vier Innenhöfe liegen ein Treppenhaus und das „Wohnzimmer“ der Abteilung, deren Einrichtung die Mitarbeiter selbst bestimmten. Um das natürliche Licht optimal nutzen zu können, setze Voestalpine Stahl bei der Außenfassade und den Trennwänden zu den Gängen auf Glas. Die allerdings wurden weitgehend mit lichtdurchlässigen Kunststoffstreifen satiniert, um den Mitarbeitern das Gefühl zu nehmen, ständig unter Beobachtung zu stehen.

        Voestalpine 2

        „Voestalpine ist es gelungen, die interne Kommunikation der Mitarbeiter untereinander spürbar zu beschleunigen und gleichzeitig die Privatheit und Individualität jedes Einzelnen zu respektieren“, lobt Arbeitswissenschaftler Bruder das Siegerprojekt in der Kategorie International.

        „Wir wollten ein Gebäude bauen, das zu unserer Organisation wie ein maßgeschneiderter Anzug passt“, sagt Manager Allerstorfer. „Und dazu gehörte auch, auf das Bedürfnis nach Rückzugsmöglichkeiten der Mitarbeiter einzugehen.“

        Der Bürokomplex sollte die Marke und Organisation, aber auch den Wandel von der Grundstoff- hin zur High-Tech-Industrie symbolisieren. Die Konsequenz: Das Innenleben der neuen Verkaufs- und Finanzzentrale ist von zahllosen Treffpunkten, gemeinsam zu nutzenden Küchenzeilen und offenen Kommunikationszonen geprägt.

        „Am Anfang fragten die Mitarbeiter mich, ob wir es wirklich ernst damit meinen, dass sie auch fürs gemeinsame Kaffeetrinken bezahlt werden und wir den Kaffee auch noch spendieren wollen“, erinnert sich Vorstand Düsing. „Aber wir waren und sind von dem Wert informeller Kommunikation überzeugt.“

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          Für einige Mitarbeiter sei der Wandel hin zu den offeneren Bürostrukturen anfangs erklärungsbedürftig gewesen. „Heute fühlen sich die meisten jedoch pudelwohl“, sagt der Finanzvorstand, der von sich behauptet, heute innerhalb eines Tages mehr Mitarbeitern über den Weg zu laufen als im alten Gebäude in einer ganzen Woche.

          „Logistisch und sicherheitstechnisch war das langgestreckte, sehr erdnah gebaute Gebäude allerdings eine Herausforderung“, erinnert sich Karl Friedl, Geschäftsführer der Unternehmensberatung M.O.O.CON aus Wien, der die Voestalpine Stahl bei der Koordination des Büroprojekts begleitete. „Wissenschaftler der amerikanischen Elitehochschule MIT haben festgestellt, dass Menschen die persönliche Kommunikation mit Kollegen nur dann in Erwägung ziehen, wenn der Fußweg zu ihnen unter 200 Meter liegt. Alles darüber wird per E-Mail oder Telefon erledigt.“

          Für Facility-Manager Allerstorfer war deshalb klar: Abteilungen, die häufig miteinander kommunizieren, muss man auch über mehrere Geschosse hinweg unter- und übereinander ansiedeln. Berater Friedl: „Statt 200 Meter zu laufen, geht man im Zweifel lieber ein oder zwei Treppen hoch – zumindest wenn sie attraktiv gestaltet sind.“

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