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Wikileaks-Geheimnisverrat Das Enthüllungsrisiko der Konzerne

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Daniel Ellsberg Quelle: AP

Heute ist es Wikileaks, morgen sind es eben Tweets. Im Netz lassen sich überall vertrauliche Informationen offenlegen, Strategien ausplaudern, Prototypen abbilden, korrupte Manager anprangern. Die Plattform ist letztlich egal.

Whistleblowing, wie das Enthüllen neudeutsch genannt wird, hat es zwar immer schon gegeben. Wirklich neu daran aber ist dessen Dimension.

Konnten Mitarbeiter früher allenfalls mal einen Aktenordner unauffällig mitgehen lassen, stecken sie heute gleich den ganzen Aktenschrank in die Hosentasche – auf einem Datenstick, nicht größer als ein Radiergummi. Die erbeuteten Daten lassen sich danach in jedem x-beliebigen Internet-Café hochladen – ganz ohne etablierte Medien.

Sicher, für technisch nicht allzu versierte Whistleblower hat das meist schwer-wiegende Folgen. Wer seine Spuren nicht verwischt, dem drohen saftige Strafen.

Der 22-jährige US-Obergefreite Bradley Manning zum Beispiel gilt als einer der Top-Informanten, der Wikileaks Tausende geheimer Depeschen zugespielt haben soll. Die Quelle ließ sich allerdings zurückverfolgen. Manning wurde als Maulwurf entlarvt und sitzt seit Juli in dem Militärgefängnis Quantico im Bundesstaat Virginia ein. Ihn erwartet lebenslange Haft.

Andere Zuträger kamen weitaus besser weg. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel kassierte im Februar ein unbekannter Informant 2,5 Millionen Euro, als er der Landesregierung eine CD mit Daten von mehr als 1400 mutmaßlichen Steuersündern verkaufte.

Noch besser erging es Cheryl Eckard. Ende Oktober erhielt sie von einem amerikanischen Gericht die atemberaubende Summe von 96 Millionen Dollar zugesprochen, weil sie ihren früheren Arbeitgeber, den britischen Pharmakonzern Glaxosmithkline verpfiff. Der hatte mehrere Jahre lang in seinem Werk in Puerto Rico verseuchte Medikamente produziert.

Dazu muss man wissen: Seit 1978 gibt es in den USA eine spezielle Gesetzgebung, die Whistleblower vor Repressalien schützen soll. Im Jahr 2002 wurden gar drei Managerinnen, die sich um die Aufdeckung dubioser Machenschaften bei Enron, WorldCom und dem FBI verdient gemacht hatten, vom US-Magazin „Time“ zu „Menschen des Jahres“ gekürt.

Petzen sind zu Helden mutiert

Auch auf dem jüngsten Treffen der G20-Staaten in Seoul Anfang November vereinbarten die Regierungschefs, im Rahmen der Korruptionsbekämpfung bis Ende 2012 den Schutz von Whistleblowern gesetzlich besser zu regeln.

Ein Sinneswandel? Durchaus. Trotz aller gesetzlicher Regelungen galten Whistleblower bisher doch eher als lästige Denunzianten, weil sie am Lack kratzten, Prestige zerstörten, womöglich sogar Werte. Inzwischen sind derlei Petzen jedoch zu Helden mutiert – weil sie schonungslos Doppelmoral entlarven; weil sie Missstände aufdecken und damit letztlich Wahrheit über Autorität und Loyalität stellen.

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