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Wikileaks-Geheimnisverrat Das Enthüllungsrisiko der Konzerne

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Enthüllen ist en vogue

Mark Felt Quelle: Picture-Alliance/DPA

Verraten, bloßstellen, verpfeifen – die Hemmschwellen dazu seien in der Vergangenheit „extrem gesunken“, stellt der Düsseldorfer Kommunikationsberater Kai vom Hoff fest. Gleichzeitig nehme die Lust am öffentlichen Diskreditieren zu. Gewissensbisse hat dabei kaum einer. Warum auch, wenn schon der Staat das Verpfeifen als Mittel zum Zweck legitimiert und mit Millionenprämien belohnt?

Allein die Sympathien, die Wikileaks entgegengebracht werden, erinnern an die Mär von Robin Hood, der von den Mächtigen nahm, um es den Unterdrückten zu geben, und so für ausgleichende Gerechtigkeit sorgte. Julian Assange, Hauptarchitekt des digitalen Prangers und seit vergangenem Dienstag in London festgenommen, ist auf dem besten Wege, einen ähnlichen Kultstatus zu erreichen.

Als etwa die US-Konzerne Amazon, Paypal und Mastercard die weitere Zusammenarbeit mit Wikileaks verweigerten, ließen die Boykottaufrufe nicht lange auf sich warten. „Bye-bye Paypal“ schrieben wütende Sympathisanten auf die Fanseite des Bezahldienstes und kündigten zuhauf ihre Mitgliedschaft.

Dabei ist klar: Selbst wenn der 39-jährige Assange verurteilt würde, änderte das wenig. Das Ergebnis wäre dasselbe wie beim Kampf gegen die Hydra der Musiktauschbörsen: Schon jetzt existieren rund 750 Wikileaks-Klone im Netz, verteilt auf weltweiten Servern etwa in Russland oder Tuvalu.

Hinzu kommt: In dem Maß, in dem das Internet immer mehr zum primären Kommunikationskanal für Unternehmen, Mitarbeiter und Kunden avanciert, erhält es den Charakter eines offiziellen Dienstweges. Wer etwas zu kritisieren hat, tut dies künftig dort. Nur wird dabei oft vergessen, dass unter Umständen Tausende mitlesen und die Informationen sofort weiterverbreiten können.

Die Gefahr, künftig bei irgendwelchen krummen Touren ertappt zu werden, „nimmt für Unternehmen ganz klar zu“, ist Kommunikationsberater vom Hoff überzeugt. Zugleich gebe es zur Transparenz keine Alternative. „Was wir gerade erleben, ist der Lackmus-Test – ob man es ernst meint mit einer offenen Unternehmenskultur oder nicht“, sagt auch Otto-Kommunikationsstratege Thomas Voigt.

Die Unternehmen, insbesondere das Management stellt dies vor ganz neue Herausforderungen.

In den vergangenen Jahren wurde viel in den Einsatz moderner IT investiert. Bislang getrennte Netze wurden zusammengeschaltet, die Projektarbeit dezentralisiert. Das sogenannte Cloud Computing, bei dem mehrere Mitarbeiter gleichzeitig auf eine gemeinsame Datenbank oder ein Dokument zugreifen und dieses bearbeiten können, gilt als Meilenstein auf dem Weg zum neuen Wissensmanagement.

Mehr als drei Millionen Unternehmen und Verwaltungen, darunter der Handyhersteller Motorola, der Verlag Ringier oder die Stadt Los Angeles, nutzen etwa die sogenannten Google Apps – Anwendungen und Datenbanken, die auf dezentralen Google-Servern und damit außerhalb der Firma gespeichert sind.

Die rund 400 Mitarbeiter der Gruppe P.M. Belz wiederum, einem Softwareentwickler aus Stuttgart, arbeiten seit drei Jahren mit einem internen Firmen-Wiki, das sowohl Anleitungen für Softwaresprachen, Fachartikel, interne Nachrichten, Blogs sowie ein Weiterbildungsportal und ein Werkzeug zur Kollegensuche enthält. Im vergangenen Jahr wurde das Unternehmen dafür vom Bundeswirtschaftsministerium als „exzellente Wissensorganisation“ ausgezeichnet.

Ein Zurück zu alten Zeiten wollen all diese Unternehmen nicht mehr. Und doch macht es sie enorm anfällig für Hacker-Angriffe. Im Juli 2009 gelang es zum Beispiel einem Hacker den privaten E-Mail-Account einer Twitter-Mitarbeiterin zu knacken. Dummerweise fand er im Postfach auch die Zugangscodes zu ihren Google Apps – und hatte damit Zugriff auf Daten zur Geschäftserwartung, Konkurrenzanalysen sowie auf Strategiepapiere.

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