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Wikileaks-Geheimnisverrat Das Enthüllungsrisiko der Konzerne

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Eine Frage der Loyalität

Heinrich Kieber Quelle: Picture-Alliance/DPA

Noch größer aber ist die Gefahr von innen. Zwar lassen sich in der Cloud – besser als bei E-Mails – Zugriffsrechte genau festlegen und die Anzahl von Kopien einschränken. Doch kann niemand verhindern, dass ein frustrierter Kollege sensible Daten mitnimmt und ins Internet stellt.

„Die Flüchtigkeit digitaler Daten haben Unternehmen bisher unterschätzt“, sagt Manfred Balz, Vorstand für Datenschutz, Recht und Compliance der Deutschen Telekom. Wikileaks habe erst das wahre Bedrohungspotenzial deutlich gemacht – wenngleich sich dagegen selbst durch ausgeklügelte Social-Media-Richtlinien oder vertragliche Schweigeklauseln wenig machen ließe. „Vor Binnentätern, die wissen, wie interne Sicherheitsmechanismen funktionieren, ist Schutz immer schwierig.“

So bleibt den Unternehmen letztlich nur eine wirksame Abwehr gegen Datenmissbrauch: die Loyalität der Mitarbeiter. Doch die ist begrenzt und damit die eigentliche Ursache hinter etwaigen Enthüllungen.

Aktuell ist nur jeder siebte Arbeitnehmer mit seinem Job zufrieden, ein Drittel stuft ihn gar als mangelhaft ein, kam vergangene Woche bei einer DGB-Studie heraus. Und Chancen, seine Mitarbeiter noch weiter zu vergraulen, gibt es viele. Als zum Beispiel der Büroausstatter Regus im September rund 15.000 Beschäftigte dazu befragte, kam heraus: Den meisten Jobfrust erzeugen intransparente Kommunikation der Chefs (48 Prozent), mangelnde Aufstiegschancen (43 Prozent) sowie eine fehlende Strategie (36 Prozent).

Umgekehrt, und das ist die gute Nachricht, bieten Cloud Computing und das moderne Zusammenspiel im Enterprise 2.0 aber auch Chancen, die Zufriedenheit und Loyalität der Mitarbeiter mindestens zu erhalten, wenn nicht gar zu verbessern.

Tatsächlich sind die meisten Frustrierten keine Saboteure. Häufiger identifizieren sie sich sehr stark mit ihrem Job, sehen aber auch deutlich, was dort nicht gut läuft. Was Chefs als lästige Nörgelei empfinden, offenbart in Wahrheit nur konstruktiven Veränderungswillen, nicht selten gepaart mit konkreten Vorschlägen – die allerdings kaum Gehör finden. Die Folge: Der Ärger staut sich auf, bis er sich extern entlädt.

Genau hier liegt das eigentliche Potenzial der Cloud: Sie bringt Verantwortliche und Kritiker näher zusammen, verschafft Letzteren mehr Gehör und sorgt dafür, dass alle wieder mithelfen, das Unternehmen positiv zu verändern.

Etwaige Enthüllungen erhöhen damit vor allem den Druck auf bessere Personalentwicklung. Aber deshalb Sicherheitsmaßnahmen verschärfen? Unternehmen wie Metro, Bayer, E.On oder Infineon sahen hierfür auf Anfrage keinerlei Anlass, im Gegenteil: „Wir brauchen auch künftig selbstständige, innovative Mitarbeiter“, sagt Otto-Kommunikationsdirektor Voigt. „Und die bekommt man nicht mit einer Kultur, die eher zu einem Geheimdienst als zu einem modernen Unternehmen passt.“ 

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