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Winzerglück Süßer der Riesling nie schmeckte!

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Verkostung und Versteigerung

Auf dem Weg dorthin sind Auktionen, seit 1908 der jährliche Höhepunkt des Vereinslebens, ein probates Mittel. Und Rekorde sowieso. Aber sie purzeln nicht alle Jahre. So liegen diesmal allenfalls 13 von 11.201 angebotenen Flaschen aussichtsreich im Rennen: die Trockenbeerenauslese von der Lage Graacher Himmelreich (2005) vom Weingut Joh. Jos. Prüm aus Bernkastel-Wehen. Zwölf Flaschen ab 2000 Euro aufwärts – und eine Magnumflasche (1,5 Liter) für das doppelte Anfangsgebot.

Das Weinauktionsgeschäft ist keine Geheimwissenschaft, und nicht jeder, der die teuersten Kreszenzen probieren möchte, muss mitbieten. Am Tag vor der „nassen Versteigerung“ ist jeder Tropfen zu verkosten, vom Kabinettwein für 15 Euro Startpreis vom Weingut von Othegraven (Günther Jauch) bis zu der Prüm’schen TBA, erklärt Joachim Ress, einer von sieben Kommissionären, die bei der Versteigerung bieten dürfen. Die Kommissionäre sammeln die Kaufwünsche von Händlern, Gastronomen und Sammlern. Ress ist auch Mitglied der sogenannten Tax-Kommission, die im Frühjahr die Weine vorkostet und einschätzt – und die dem Winzer einen Startpreis empfiehlt, den dieser annehmen kann oder nicht.

„Die Kommissionäre arbeiten dabei unabhängig und korrekt“, versichert Unternehmensberater Jean Fisch aus Brüssel, der mit David Rayer die Onlinepublikation moselfinewines.com betreibt und einige Wochen vor der Versteigerung seine Verkostungsnotizen veröffentlicht: „Wir stellen fest, dass sich nun ein jüngeres Publikum aus aller Welt von Singapur, Hongkong oder Taiwan bis hin zu Kunden aus osteuropäischen Nationen für diese Weine interessiert.“

Virtuos austarierter Preis

Das sind gute Nachrichten für Deutschlands Weine und Winzer. Und für eine erfolgreiche Zukunft der Weinauktionen. „Der VDP ist historisch als Versteigerungsvereinigung gestartet“, sagt der VDP-Bundesvorsitzende Steffen Christmann, „das gehört zu unserer Tradition.“ Tatsächlich jedoch tritt nur die Hälfte der zehn Regionalverbände bei drei Versteigerungen an, in Trier (Mosel-Saar-Ruwer), im Dormitorium von Kloster Eberbach (Rheingau) und in Bad Kreuznach (Ahr, Nahe, Pfalz, Rheinhessen). Ein Selbstläufer sind die Auktionen nicht. „Wir Winzer müssen frühzeitig unsere potenziellen Kunden, sowohl Händler als auch Privatleute, informieren“, sagt Christmann. Die Weine, die nicht ab Weingut, sondern aus privaten Sammlungen über die beiden großen internationalen Auktionshäuser Christie’s und Sotheby’s auf den Markt kommen, erhalten durch das Marketing der Auktionshäuser Aufmerksamkeit. „Wir hingegen können uns nicht hinstellen und einfach darauf hoffen, dass schon ein paar kaufkräftige Interessenten vorbeikommen“, sagt Christmann.

Und so entsteht auch ein kleiner Wettstreit der Regionen. Während Kreuznach 2015 mit 3256 Flaschen immerhin 333.382 Euro netto einsammelte, verbuchte das Rheingau mit 74.234 Euro netto für 2249 Flaschen weit weniger. Und beide zusammen wiederum waren nur ein Klacks gegenüber Egon Müllers Triumph an der Mosel.

Müller ist das mit dem Auktionserfolg verbundene Prestige sicher recht – und warnt zugleich vor Preisexplosionen: „Die Käufer sollen wiederkommen.“ Die Kunst für einen wie ihn besteht darin, die Nachfrage seiner Kunden, die Kenntnis der Jahrgangsqualität und die Anzahl der zur Verfügung stehenden Flaschen so virtuos auszutarieren, bis ein hoher Auktionserlös fast unausweichlich ist. Müller beherrscht die Kunst perfekt.

Aber mutet das Auktionsverfahren mit den sieben Kommissionären nicht rettungslos altbacken an? Warum zum Beispiel versteigern Winzer ihre seltenen Preziosen nicht online? „Wir müssen das Verfahren vielleicht prüfen“, sagt Müller, „aber Tradition ist Tradition, und bisher überwiegen die Vorteile“, zu denen Müller auch zählt, dass alle Flaschen einer Sorte nur für den gleichen Preis zu haben sind.

100 Parker-Punkte für 70 Euro

Der Bernkasteler Ring, die zweite große Versteigerung an der Mosel, versucht es hingegen mit Innovation. Erstmals sind 2016 Flaschen mit Foto in einem Katalog abgebildet, ein neuer Auktionator führt durch den Vormittag, es werden größere Lose statt einzelne Flaschen verkauft. Das ist vielleicht auch der Grund, warum mit Markus Molitor diesmal einer der bekanntesten deutschen Winzer fehlt. Molitor hat seit Anfang der Neunzigerjahre nicht nur in der Nähe seines neu erstandenen Weinguts in Wehlen Rebflächen gekauft, sondern auch an Saar und Ruwer. Viele Kilometer fahren er und seine Mitarbeiter, um die Parzellen zu prüfen und den besten Zeitpunkt für die Lese zu bestimmen.

20 Jahre lang war Molitor bei den Versteigerungen dabei, hat seine Auslesen angeboten: „Ich möchte, dass die Mosel wieder dahin kommt, wo sie vor 80 Jahren schon mal war.“ Doch 2016 setzt er aus, wie auch schon 2015: „Man muss auch mal was zurückhalten.“ Der Hintergrund: Gleich drei von Molitors Weißweinen aus 2013 bewertete der von Robert M. Parker gegründete Wine-Advocate mit der Maximalpunktzahl 100 – nachdem Molitor sie für 70 Euro die Flasche an Bestandskunden verkauft hatte. Ein Blick auf den Preis von Müllers TBA, von dem es in Großbritannien noch drei Flaschen für inzwischen 19.000 Euro gibt, lässt erahnen, was Molitor entgangen ist. Was aber ist am Ende mehr wert für den Ruf des deutschen Weins: der Rekorderlös von Müllers TBA oder die dreimal 100 Parker-Punkte für Molitor? Nik Weis vom St. Urbanshof zögert nicht: „Solange wir nicht laut dafür trommeln, haben Parker-Punkte immer noch eine größere PR-Wirkung als unsere Rekordauktionen.“

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