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Wissenschaftsformate feiern Erfolge Das Denken wird zum lukrativen Geschäft

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Das Gefühl, das etwas schiefläuft

Die schönsten Redewendungen auf Latein
Kupferstich, auf dem der Philosoph Boethius zu sehen ist Quelle: dpa
Platon Quelle: dpa
Foto von Rhodos Quelle: GNU
Foto eines Zeugnisses Quelle: dpa
Foto Römer Museum Quelle: AP
Foto Trinkbecher Quelle: dpa
Divide et impera -Teile und herrsche.Dieser weise Rat an alle Machthaber kommt nicht aus der Antike und auch nicht von Macchiavelli (obwohl er zu ihm passen würde), sondern ist vermutlich eine Latinisierung eines Ausspruchs des französischen Königs Ludwig XIV.: „Diviser pour régner.“ Quelle: dpa

Was aber haben Nietzsche-Comic, Precht-Hörbuch und Han-Traktat miteinander zu tun? Erleben wir den verbilligten Abverkauf der abendländischen Kultur? Ihre Trivialisierung zu Lebenshilfe- und Zeitgeist-Breviers? Oder sind wir, ganz im Gegenteil, Zeugen einer Renaissance der Philosophie als relevanter Leitwissenschaft im öffentlichen Raum? Wahrscheinlich ist es von allem ein wenig, sagt Precht, auch mit Blick auf sein eigenes opus magnum: "Einführungen bieten die Chance, mit der abendländischen Philosophie bekannt zu werden, ohne die Originaltexte lesen zu müssen." Precht hat durchaus kein Problem damit: "Die Lesekompetenz der meisten Philosophie-Studenten reicht heute einfach nicht mehr aus für Kant und Hegel." Die akademische Hochschulphilosophie sei eine Wissenschaft für sehr wenige. Und die populäre Philosophie eine "Einübung in den Umgang mit Ungewissheit" für sehr viele. Und darum gehe es doch: Philosophie für alle. Philosophie praktisch. Philosophie konkret.

Wobei sich die Popularität der alltagspraktischen Philosophie dem unbestimmten Gefühl verdankt, dass etwas "mit der Welt im Ganzen auf unheimliche Weise schiefläuft", so Peter Sloterdijk vergangene Woche bei der Entgegennahme des Ludwig-Börne-Preises. Die Folge ist, dass sie dazu neigt, lediglich der zweiten der drei klassischen Fragen Immanuel Kants (Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?) ihre Aufmerksamkeit zu widmen. Sie inszeniert sich dann gern als zeitdiagnostische, also feuilletonistische Disziplin, die in gründlich abgeklärter Absicht relative Werturteile nach aktueller Gemütsart trifft. Der Kapitalismus ist böse, das Internet macht dumm, die Leistungsgesellschaft macht krank – es sind vor allem solche Befunde aus Soziologie und Sozialpsychologie, zu deren Auslegung sich einige der Populärphilosophen heute berufen fühlen. Sie sind die Psychotherapeuten einer Gesellschaft, die gegen sich selbst den Verdacht erhebt, mental erkrankt zu sein. Oder ökonomisch gewendet: Sie sind die Produzenten von Navigationshilfen in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist.

Wundertüte des Denkens

Das muss zunächst einmal kein Schaden sein. Wolfram Eilenberger, der Chefredakteur des "Philosophie Magazins", sagt es so: "Die Philosophie weist keine Richtung, sie schenkt Orientierung. Sie liefert keine Antworten, sie trainiert das Fragen." Entsprechend bunt ist das Programm der Phil. Cologne – eine Wundertüte des Denkens. In Workshops für Kinder wird das philosophische Staunen entdeckt, werden erste und letzte Fragen gestellt: "Warum bin ich auf der Welt?", "Warum kann man die Zeit nicht anhalten?" oder "Warum nicht mit allen befreundet sein?"

Auf Podiumsdiskussionen für Erwachsene wird über das "Recht zu sterben" gestritten, der "Rhythmus des guten Lebens" ausbuchstabiert und die "erzieherische Wirkung" des Produktdesigns erklärt. Der "philosophische Stadtspaziergang" plädiert für Gedanken, die im Gehen kommen, computeranimierte Kinofilme begeben sich auf die "Suche nach dem neuen Menschen", und die große "Camus-Revue" feiert zum 100. Geburtstag des Philosophen das "Glück des Sisyphos". Daneben gibt es für Puristen "Philosophie pur": Vorträge zur Anthropologie widmen sich dem "aufrechten Gang" und dem "Menschen als Medienwesen".

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