Wohnen in Deutschland Leben in einer Schallschutzwand an der Autobahn

Das lange, bunte Gebäude an der Autobahn halten die meisten für ein riesiges Parkhaus. Doch in Wirklichkeit wohnen mehrere hundert Menschen in der „Papageiensiedlung“ vor den Toren Frankfurts - schon seit Jahrzehnten.

Wohnen in Großstädten wird teuer
Das Wohnen in Deutschlands Großstädten wird offenbar immer teurer. In sieben großen Städten, von Berlin bis Stuttgart, sind die Preise für Eigentumswohnungen binnen fünf Jahren um mehr als 40 Prozent gestiegen – bei den Mieten sind es 25 Prozent. Deshalb klagen viele Familien, dass sie sich das Wohnen in der Stadt kaum noch leisten können. Über 20 Jahre gesehen sind die Mieten dagegen langsamer als die Verbraucherpreise gestiegen. Unter der Frage „Was macht das Wohnen in den Städten so teuer?“ hat die DZ Bank in einer Research-Publikation die Gründe zusammengestellt. Dabei wurde der Preisanstieg der vergangenen 20 Jahre analysiert. Quelle: DZ Bank Quelle: dpa
Ein Grund für steigende Mieten ist das vielerorts knappe Wohnungsangebot. Lange Zeit hielt der Neubau nicht Schritt mit der steigenden Bevölkerung. Die Mieten in Berlin legten von 2010 bis 2015 (jeweils auf das erste Quartal gerechnet) um 32 Prozent zu – der stärkste Anstieg im Vergleich zu anderen Metropolen. Die Mieten stiegen demnach auf 8,20 Euro je Quadratmeter (Wiedervermietung) und die Erstbezugsmiete auf 11,30 Euro je Quadratmeter. Dennoch wohnt man in der Bundeshauptstadt noch vergleichsweise günstig. Der überproportionale Mietanstieg ist hier auf ein niedriges Ausgangsniveau (1994) zurückzuführen. Mehr als 80 Prozent der Haushalte wohnen in Berlin zur Miete. Quelle: dpa
Es ist nicht verwunderlich, dass in der bevölkerungsreichsten Stadt von Nordrhein-Westfalen Wohnungsknappheit herrscht. Umso teurer werden auch die Mietkosten. Die Mieten in Köln legten um 16 Prozent in den vergangenen fünf Jahren zu. Bei der Wiedervermietung müssen Mieter 9,20 Euro je Quadratmeter zahlen, bei der Erstbezugsmiete sogar 11,40 Euro. Seit der Jahrtausendwende hat sich die Wohnpräferenz stark gewandelt. Zog es die Menschen 1990 an den Stadtrand, wollen die meisten heute in der Stadt leben. Quelle: dpa
Die Politik hat zum 1. Juni die Mietpreisbremse eingeführt, die das Wohnen in der Stadt wieder erschwinglich machen soll. Doch es sind nicht nur die Mieten gestiegen, sondern auch die Ansprüche der Mieter. So wünschen sie sich immer größere Wohnungen. Das treibt natürlich die Wohnungskosten in die Höhe. Bei einer Wiedervermietung kostet ein Quadratmeter in Düsseldorf 9,30 Euro. Bei einem Erstbezug muss der Mieter mit 11,40 Euro tiefer in die Tasche greifen. Insgesamt legten die Mieten von 2010 bis 2015 um 23 Prozent zu. Quelle: dpa
Deutlich verteuert haben sich auch die Nebenkosten des Wohnens, etwa für Strom und Heizung. Zudem hat der Staat das Wohnen über steigende Steuern und verschärfte Bauvorschriften verteuert. Diese Vorgaben gelten zwar bundesweit, belasten aber stärker die Stadtbewohner. In Stuttgart sind die Mieten in fünf Jahren um 22 Prozent gestiegen. Mit zehn Euro je Quadratmeter müssen Mieter bei einer Wiedervermietung einer Wohnung rechnen. Hier ist der Unterschied bei einem Erstbezug nicht so groß: Der Quadratmeter kostet 11,40 Euro. Quelle: dpa
Die Situation an den Wohnungsmärkten der Großstädte ist ein normaler Trend. Im Vergleich mit ausländischen Metropolen sind die Großstadtmieten hierzulande sogar eher niedrig. Dennoch sind gute und günstige Wohnungen in Hamburg Mangelware und entsprechend begehrt. 13,10 Euro kostet ein Quadratmeter einer Neubauwohnung, 10,10 Euro bei einer Wiedervermietung. Der Neubau, in Hamburg zum Beispiel, hat wieder angezogen. Quelle: dpa
Der Anteil der leerstehenden marktaktiven Wohnungen ist zuletzt (2013) knapp drei Prozent gesunken. So sind in Hamburg (0,7 Prozent) und Frankfurt (0,7 Prozent) am Wohnungsmarkt fast keine Wohnungen mehr verfügbar. Das wird sich auch in naher Zukunft nicht ändern: Denn die über Jahre entstandene Bedarfslücke lässt sich nicht so schnell schließen. Wohnungen in den Ballungsräumen werden auch weiterhin ein knappes Gut bleiben. 11,40 Euro kostet ein Quadratmeter bei einer Wiedervermietung, 13,30 Euro bei einem Erstbezug. Insgesamt sind die Mieten um 26 Prozent gestiegen. Quelle: dpa

Wenn die Göbels kochen, rasen Autos und Lastwagen direkt vor ihrem Küchenfenster vorbei - mehr als 133 000 pro Tag. Vom Haus bis zur stark befahrenen Autobahn 66 Wiesbaden-Frankfurt sind es nur wenige Meter. Der 360 Meter lange Wohnkomplex, die „Papageiensiedlung“, verläuft parallel zur vierspurigen Autobahn, schließt sich direkt an die Lärmschutzwand an und schirmt so das Quartier „Engelsruhe“ in Frankfurt-Unterliederbach vom Verkehrslärm ab. „Wir wohnen in einer Schallschutzwand“, sagt Oliver Göbel.

„So nah an der Autobahn kann doch kein Mensch wohnen, sagen meine Kollegen immer“, erzählt der Tischler. „Und wenn ich sie dann einlade, sind sie überrascht, wie leise es ist.“ Emdad Azman, der aus Bangladesch stammt, und mit Frau und drei Kindern auch in einer der 286 Sozialwohnungen lebt, sagt: „Vom Verkehrslärm hören wir nur ein kleines bisschen, wenn das Fenster zu ist.“ Allerdings: „Wenn meine Frau kocht, mit vielen Gewürzen, und wir dann lüften, ist es schon laut.“ Lüften direkt an der Autobahn? Die Fallwinde vom Taunus sorgten ruckzuck für frische Luft, sagen die Anwohner. Positiv wirkten auch die Bäume zwischen Haus und Autobahn.

Vor rund 30 Jahren - als noch viel weniger Fahrzeuge über die damals nur zweispurige Autobahn bretterten - habe er mit den Nachbarn auf dem schmalen Grünstreifen zwischen Haus und Autobahn sogar gegrillt und Planschbecken für die Kinder aufgestellt, sagt Göbel. „Heute ist das vor allem die Hundewiese.“

So wohnen die Deutschen in verschiedenen Lebensphasen

Die „Papageiensiedlung“ galt bei ihrer Fertigstellung 1974 als lärmtechnisches Vorzeigeprojekt und zog Fachleute aus anderen Ländern an. Der Name geht auf das Farbkonzept des Industriedesigners Friedrich-Ernst von Garnier zurück: Jeder Block hatte eine andere Farbe. Seit der Renovierung vor zehn Jahren sind die acht Hauseingänge aber nicht mehr ganz so bunt: Farben wie Dunkelbraun und Lila passten nicht mehr in die Zeit. „Man wohnt zum Süden raus“, erklärt Göbel, weshalb die Menschen in der Cheruskerstraße der Lärm nicht stört. „Auf dem Balkon höre ich vor allem das Vogelgezwitscher.“ Außerdem freut sich der 50-Jährige über die Spielstraße vor seinem Haus. Marianne Müller lebt seit 26 Jahren in dem sechs- bis siebenstöckigen Wohnkomplex, - wegen des Fernblicks auf den Taunus - inzwischen im fünften Stock. „Als ich 1990 eingezogen bin, war der Teufel los“, erinnert sich die 79-Jährige. Sie sei damals sogar mit einem Klappmesser bedroht worden. Das Quartier „Engelsruhe“ - benannt nach einem Bauern namens Engel, der auf dem Grundstück seine Ruhe gesucht haben soll - war weder friedlich noch ruhig, sondern berüchtigt. Heute sagt Müller: „Das ist ein ruhiges Wohnen hier. Ein paar Quertreiber allerdings gibt es immer.“

In der „Engelsruhe“ mit ihren rund 3500 Einwohnern habe sich viel getan, sagt Quartiersmanagerin Marja Glage von der Caritas. Von 1999 bis 2012 war das Viertel Teil des Bund-Länder-Programms Soziale Stadt. Seit 2013 gehört es zum Frankfurter Programm Aktive Nachbarschaft. Ein Drittel des Wohnungsbestands sei abgerissen und neu gemacht worden. Und es gibt viele Angebote - die auch angenommen würden, weil die Bewohner sie mitgestalten konnten. Göbel, der auch Vorsitzender des Nachbarschaftsvereins ist, ergänzt: „Wir sind sehr gut vernetzt.“

Das sind die exklusivsten Wohngegenden Deutschlands
Platz 14: Baden-BadenWer etwas exklusiver wohnen möchte, muss dafür auch stolze Preise auf den Tisch legen. Die Makler von Engel & Völkers veröffentlichten nun ihre Liste mit den teuersten Wohnstandorten Deutschlands. Alle angegebenen Preise wurden dabei erzielt. Auf Platz 14 liegt Baden-Baden. Für einen Quadratmeter an der Lichtentaler Allee werden bis zu 10.000 Euro fällig. Quelle: PR
Konstanz Quelle: dpa
Bismarckturm, Stuttgart Quelle: dpa
Juist Quelle: dpa
Starnberger See Quelle: dpa
Düsseldorf Quelle: dpa
 Frankfurt am Main Quelle: dpa

Ein Kettenraucher auf dem Nachbarbalkon, Streit um Parkplätze, Essensgerüche im Treppenhaus, laute Musik und Kinder, die noch spät abends vor dem Haus Fußball spielen, gehören zu den alltäglichen Konflikten in der „Papageiensiedlung“ mit ihren schätzungsweise mehr als 800 Bewohnern. „Ein sozialer Brennpunkt ist die Siedlung nicht“, sagt Anita Bucuk von der Nassauischen Heimstätte, die die Wohnungen verwaltet. „Wie in ähnlichen Gebäuden ist das Zusammenleben sehr anonym und es gibt eine hohe Fluktuation im Vergleich zu kleineren Wohngebäuden.“ Roswitha Nierobisch, die schon mehr als 20 Jahre in dem Lärmschutzriegel zu Hause ist, sagt: „Die meisten Nachbarn grüße ich und mehr nicht. Aber sie sind alle lieb und nett.“ Allerdings: Manche kippten abends ihr Essen oder sogar ganze Müllsäcke vom Balkon. Kein Wunder, dass dies Ratten anziehe. Auch Antonia Basta nervt „die Rattenplage“. „Der Hausmeister ist da dran, kann aber wegen der spielenden Kinder keine Fallen aufstellen.“

Basta ist mit ihrer Familie vor 15 Jahren in die Siedlung gezogen und wollte eigentlich nicht lange bleiben. „Es sind so viele Leute, 30 Parteien in jedem Haus.“ Inzwischen hat sie viele Kontakte zu anderen Familien geknüpft und schätzt die Infrastruktur im Viertel. Wie Glage und Göbel engagiert sie sich für ein gutes nachbarschaftliches Zusammenleben. Als „Kiezläuferin“ spricht sie die Menschen auf der Straße an, hilft ihnen bei Behördengängen und kümmert sich um die Kinder. Auch das gehört zum Programm Aktive Nachbarschaft.

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