Work-Life-Balance Den Deutschen ist ihr Urlaub besonders heilig

Im Urlaub noch Arbeit zu erledigen, kommt für die meisten Deutschen nicht in Frage. Gerade die Generation Y hält die Work-Life-Balance besonders hoch. Eine Studie zeigt, dass Unternehmen da noch viel Nachholbedarf haben.

Im Urlaub mal eben noch Arbeit erledigen - für 73 Prozent der deutschen ist das unerdenklich. Dies hat eine Umfrage des Jobportals Monster unter weltweit 4.000 Mitgliedern ergeben. Lockerer sehen es die US-Amerikaner, bei ihnen lehnen nur 37 Prozent Arbeit in den Ferien ab. Quelle: dpa

Urlaub heißt Urlaub – und eben nicht Arbeit. Das gilt international. Eine globale Umfrage des Jobportals Monster hat ergeben, dass es für knapp die Hälfte seiner weltweit über 4.000 befragten Mitglieder inakzeptabel ist, während des Urlaubs zu arbeiten. Den 45 Prozent an Arbeitsverweigerern im Urlaub stehen lediglich elf Prozent gegenüber, die es in Ordnung finden, sich auch im Urlaub um ihre Arbeit zu kümmern.

Doch auch wenn international die meisten Befragten ihren Urlaub hochhalten, gibt es Länder, die dies lockerer oder strenger sehen. Am vehementesten verteidigen die Deutschen ihren Urlaub: 73 Prozent sagen, grundsätzlich im Urlaub nicht zu arbeiten. Lockerer sehen es die Briten, wo nur 39 Prozent dieser Meinung sind, oder die US-Amerikaner (37 Prozent) und die Franzosen (35 Prozent).

„Viele Arbeitnehmer haben das Gefühl, selbst im Urlaub arbeiten zu müssen“, sagt Mary Ellen Slayter, Karriereexpertin bei Monster. „Und wenn sie immer im Hinterkopf haben, das Büro könnte sich jederzeit melden, bleibt die Erholung auf der Strecke.“ Dabei sei Urlaub wichtig  - nicht nur fürs eigene Wohlbefinden, sondern auch für die Leistung von Mitarbeitern. „Denn wer im Urlaub einmal die Arbeit aus den Gedanken verbannt, schärft den Blick für anstehende Aufgaben nach der freien Zeit und kehrt motivierter und produktiver zur Arbeit zurück“, sagt Slayter. „Den Urlaub sollte man also unbedingt nutzen, wofür er gedacht ist – so profitiert man selbst, die Familie, Kollegen und der Chef.“

Schon Wirtschaftspsychologe Stephan Grünewald forderte vor einiger Zeit im Interview mit der WirtschaftsWoche, dass die Deutschen öfters innehalten sollten: „Schöpferisches Arbeiten funktioniert nicht über eine Vereinseitigung - indem wir nur in preußischer Akkuratesse am Schreibtisch kleben - sondern funktioniert durch eine Rhythmik von Innehalten und Betriebsamkeit, von Abstraktion und Einfühlung, von Effizienz und Träume“, sagt Grünewald.

Deutsche leiden am meisten unter Arbeitslast
Fast jeder fünfte Deutsche (19 Prozent) empfindet seine Arbeitsbelastung als zu hoch, weitere 47 Prozent als „hoch“. Das ergab eine Studie der HR Partners Von Rundstedt in Düsseldorf. Quelle: dpa
Demnach sind in puncto Arbeitslast besonders Brasilianer und Spanier am wenigstens belastet. Mehr als zwei Drittel (68 Prozent) der Brasilianer empfinden die Arbeitsbelastung als normal oder niedrig, bei den Spaniern sind es immerhin 60 Prozent. Quelle: dpa
Am meisten unter der Arbeitsbelastung leiden nach den Deutschen laut der Studie die Schweizer (63 Prozent gaben an, einer zu hohen oder hohen Arbeitsbelastung ausgesetzt zu sein) und die Franzosen (61 Prozent). Quelle: dpa
Im Mittelfeld der 16-Länder-Umfrage liegen Staaten wie China und Italien: Dort empfindet jeweils fast jeder Zweite (49 Prozent) die Arbeitsbelastung als hoch oder zu hoch, in Italien und Finnland sind es jeweils 48 Prozent. Quelle: dpa
Die meiste Arbeit nach Hause nehmen sich die Marokkaner und Chinesen mit. 57 Prozent (beziehungsweise 45 Prozent) der Befragten gaben an, oft Arbeit zu Hause zu erledigten, um Deadlines einzuhalten. In Deutschland sind liegt die Quote bei immerhin noch 28 Prozent. Quelle: dpa
Für die meisten Russen allerdings bleibt Arbeit Arbeit und Freizeit Freizeit. Nur 16 Prozent erledigen Arbeit zu Hause, um Fristen einzuhalten. In den meisten anderen Ländern trifft das auf etwa jeden Vierten zu (etwa Frankreich: 25 Prozent, USA: 27 Prozent, Schweiz sogar: 35 Prozent). Quelle: dpa
In den Interviews haben die Forscher auch die Zustimmung zu Statements im Bezug auf die Loyalität des Arbeitsnehmers zu seinem Unternehmen abgefragt. Der Aussage „Ich sage nie etwas Schlechtes über meine Firma zu anderen“, stimmen 68 Prozent der Deutschen zu und liegen damit im oberen Bereich. Quelle: obs
Am loyalsten sind demnach Arbeitnehmer in Rumänien: 72 Prozent der Befragten stimmten dieser Aussage zu. Die niedrigste Zustimmungsrate weist Belgien auf: Dort gab nicht mal jeder Zweite (48 Prozent) an, nie schlecht über seinen Arbeitgeber zu sprechen. Quelle: dpa
Auch das Verhalten zu Kollegen ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Während 60 der Chinesen und 61 Prozent der Spanier angaben, sich in ihrer Freizeit häufig mit Kollegen zu treffen, sind es in Deutschland nur 39 Prozent. Quelle: gms
Am wenigstens wollen demnach die Finnen mit ihren Kollegen außerhalb der Arbeit zu tun haben: Nur 30 Prozent gaben an, sich nach dem Job häufig mit Kollegen zu treffen. Quelle: dpa
Über Probleme bei der Arbeit sprechen die meisten Arbeitnehmer mit Kollegen aus der gleichen Abteilung oder mit ihren Vorgesetzen. Doch während sich in Spanien „nur“ 56 Prozent der Befragten ihren Kollegen und dagegen 75 Prozent ihrem Chef anvertrauen, ist es etwa in Frankreich genau umgekehrt: Dort suchen die Angestellten eher ihre Kollegen (72 Prozent) als ihren Vorgesetzten (60 Prozent) bei Problemen auf. In Deutschland liegen diese Werte enger beieinander: 77 Prozent (Kollegen) und 74 Prozent (Chef). Quelle: AP
Deutliche Unterschiede gibt es beim Vertrauen der Arbeitnehmer in ihre Personal- bzw. HR-Abteilung. An die Kollegen dort wenden sich in Polen gerade mal 15 Prozent, in China dagegen 43 Prozent. In Deutschland suchen immerhin 23 Prozent der Angestellten bei Problemen die Personalabteilung auf. Quelle: Presse
Außerhalb der eigenen Abteilung, aber innerhalb der Firma (etwa bei anderen Kollegen) suchen nur 30 Prozent der deutschen Arbeitnehmer Rat, in Finnland sind es mehr als doppelt so viele (70 Prozent). Quelle: dpa
Das Unternehmen von Rundstedt HR Partners führte zwischen Anfang des Jahrs 2012 und 9145 Interviews in 16 Ländern für das international tätige Consulting-Unternehmen, BPI-Group, um ein „Stimmungsbild“ unter den Arbeitnehmern zu bekommen. Der Schwerpunkt der Studie lag auf Europa, aber auch Länder wie USA, Kanada, Brasilien und China wurden mit einbezogen. In den meisten Ländern wurden zwischen 500 und 1000 Interviews geführt - nach repräsentativen Standards. Allerdings ist etwa Afrika nur mit Marokko vertreten. Das liegt laut Rundstedt HR Partners daran, dass es als einziges afrikanisches Land Mitglied der Unternehmensgruppe ist. Von daher sind die Werte aus Marokko etwa lediglich als Vergleichsgröße zu sehen und können lediglich ein Schlaglicht auf die Situation dort werfen. Quelle: gms

Gerade die aktuelle Generation Y hält in Deutschland die Work-Life-Balance besonders hoch. Das besagt etwa die Job-Trends-Studie 2013 des Kölner Staufenbiel-Instituts. Von den 249 Personalern, die der Personalmarketing- und Recruiting-Dienstleister befragt hat, sagen 97 Prozent, dass der Generation Y die Work-Life-Balance wichtig oder sehr wichtig ist.  Obwohl die Personaler über diese Ansprüche Bescheid wissen, haben viele Unternehmen noch keine ausgewogene Work-Life-Balance erreicht – geht man zumindest nach einer Studie der Unternehmensberatung Rochus Mummert.

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