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Zeitdruck im Job 20.000 Blitzentscheidungen pro Tag

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Timmo Koy, 36, Unfallchirurg Quelle: Dirk Krüll für WirtschaftsWoche

Würde die Speed-Accuracy-These stimmen, müssten die revidierten Urteile besser sein als die spontanen – doch als die Versuchsleiter anschließend Profitrainer um die Einschätzung der Teilnehmerentscheidungen baten, stuften die Trainer die Spontanurteile besser ein als die wohlüberlegten.

Nur wann führen uns Blitz-Entscheidungen in die Irre – und wann retten sie uns? Nach all diesen vermeintlichen Widersprüchen wäre es kein Wunder, wenn Sie fünf Minuten vor dem Ende des Artikels ungeduldig werden. 

Zum Glück braucht Professor Gerhard Roth, Direktor am Institut für Hirnforschung der Uni Bremen, nur ein paar Augenblicke, um Ihnen die Antwort zu geben.

Roth unterscheidet zwei Arten von Entscheidungen unter Zeitdruck: Zunächst die routinierten Entscheidungen, die schnell, präzise und unemotional ablaufen und an bestimmte Probleme angepasst sind. „Man kann beliebig komplizierte Probleme erkennen und weiß intuitiv, wie man sie lösen muss“, sagt Roth. 

Diese abgespulten Expertenentscheidungen sind nicht nur sehr schnell, sondern führen auch zu den besten Ergebnissen, hat Roth festgestellt. Allerdings haben sie einen Nachteil: Sobald irgendetwas anders ist als erwartet, wird die Sache kompliziert. Dann geraten wir in extremen Stress. Im Gehirn werden dann die „Panik-Stoffe“ Noradrenalin und Adrenalin ausgeschüttet, es kommt zu sogenannten affektiv-impulsiven Entscheidungen. Oder anders formuliert: Es kommt zu Steinzeitreaktionen – wegrennen, zuschlagen oder erstarren. Roths Fazit: Unter Zeitdruck sind nur Entscheidungen für Standardsituationen gut, affektive Panikreaktionen sind dagegen meist schlecht.

Um richtige Blitz-Entscheidungen zu treffen, brauchen wir also vor allem eins: Erfahrung und Übung – wie die Handballer, die so lange trainiert haben, bis sie die richtigen Spielzüge intuitiv erkennen konnten. Für den Arbeitsalltag heißt das umgekehrt: Menschen, die auf Positionen arbeiten, auf denen sie häufig spontan entscheiden müssen, sollten unbedingt Experten auf diesem Gebiet sein. In der Luftfahrt zeigt sich das besonders deutlich. 

Wer Erfahrung hat, ist gut beraten

Sicher erinnern Sie sich noch an das Orkantief Emma, das im Frühjahr über Deutschland hinwegfegte. Auch in Hamburg stürmte es heftig, als sich ein Lufthansa-Airbus donnernd der Landebahn des Hamburger Flughafens näherte. Kurz nachdem die Räder die Bahn berührt hatten, erfasste eine Böe das Flugzeug, die linke Tragfläche touchierte die Landebahn. Die Co-Pilotin, die das Steuer übernommen hatte, reagierte sofort: durchstarten! 

Der Pilot übernahm das Ruder und zog die Maschine über die Wolken. Öffentlich wurde danach heftig diskutiert: Hätte nicht besser der Pilot mit über 10 000 Stunden Flugerfahrung den schwierigen Anflug wagen sollen anstelle seiner Co-Pilotin, die nur knapp 600 Flugstunden vorweisen konnte?

Nicht ganz zu Unrecht. Studien belegen, dass die Leistung unerfahrener Piloten unter Stress schlechter wird als die erfahrener Kollegen. Interessant dabei: Mehr als zwei Drittel der erfahrenen Piloten wählen in einer Notlage gleich die erstbeste Alternative, die ihnen in den Kopf schießt – während die unerfahrenen sich nur in 53 Prozent der Fälle dafür entscheiden. Wer also über Erfahrung verfügt, findet schneller – intuitiv – den richtigen Ausweg aus der Gefahrenzone. Im Hamburger Fall hat glücklicherweise auch die Co-Pilotin richtig entschieden. 

Wer Erfahrung hat, ist also gut beraten, auf sein Bauchgefühl zu hören, meint der Forscher Gigerenzer. Für ihn haben solche erfahrenen Blitz-Entscheidungen selbst in Situationen ohne großen Zeitdruck Sinn: „Viele Menschen in leitenden Positionen versuchen, die beste Lösung zu finden, alle Gründe nachzuschauen und alle Konsequenzen durchzudenken. Das führt zu sehr langsamen Entscheidungen“, sagt Gigerenzer. Und eben nicht immer zu den besseren. 

Im Vergleich dazu sind einfache, intuitive Prinzipien oft viel besser. Anstatt viel Zeit dabei zu verlieren, aus der Vielzahl der Alternativen die beste herauszusuchen, seien Manager besser beraten, intuitiv die erstbeste zu wählen und sich danach anderen Problemen zuzuwenden. 

Beispiel: Wenn Sie schon hundert Bewerbungsgespräche geführt haben und Ihr Bauchgefühl im hundertersten gegen den Bewerber spricht, sollten Sie ihn erst gar nicht zum Interview einladen. Oder: Sie planen eine Fusion mit einem anderen Unternehmen, die Mehrheit Ihrer Vorstandskollegen ist dafür. Nur einer, der schon oft bei Verkaufsgesprächen dabei war, hat aus unerklärlichen Gründen ein mulmiges Gefühl dabei. „Wenn Sie demjenigen genug Expertise zutrauen“, rät Gigerenzer, „dann folgen Sie seiner Wahl.“ 

Auch wenn Sie schon das Ende des Artikels nahen sehen – eins sollten Sie noch wissen: Ein tückisches Problem gibt es auch für gestandene Experten. Riskant sind Bauchentscheidungen immer dann, wenn Sie sich dabei auf Ihre Erfahrung verlassen – aber nicht merken, dass sich die Bedingungen geändert haben. Wenn Sie also glauben, es handele sich um eine tüpische Situation, die sie allerdings nicht ist. Dann kann das angelernte Verhalten Ihnen eine Falle stellen und aus der Blitz-Entscheidung wird eine gewaltige Fehlentscheidung – trotz Routine und Erfahrung.

In den vergangenen zehn Minuten haben Sie sich übrigens mehrfach blitzschnell, bewusst oder unbewusst entschieden: gegen viele andere Dinge und dafür, weiterzulesen. Diese Zeit können Sie dank der so gewonnenen Erfahrung jedoch locker wieder reinholen: Treffen Sie einfach die nächsten Entscheidungen, bei denen Sie ein gutes Bauchgefühl haben, intuitiv, und sparen Sie sich lange Analysen. Schließlich stehen Sie jetzt schon wieder vor einigen Fragen: Salamibrötchen, Urlaubsantrag, Kündigungsschreiben...?

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