Zukunftsfähige Unternehmen Vier Faktoren für gesundes Wachstum

Unternehmen wollen wachsen, die Politik will für Wohlstand sorgen. Beides funktioniert nicht ohne Menschen. Damit die für Wachstum, Innovation und Wohlstand sorgen, müssen Politik und Wirtschaft an vier Schrauben drehen.

Schlüsselfaktor Mensch: Deutschland muss Potenziale stärker nutzen. Quelle: dpa

Das Wetter in Deutschland lässt derzeit zu wünschen übrig, dafür ist die wirtschaftliche Großwetterlage ziemlich gut: Der Geschäftsklimaindex des Münchner Ifo-Instituts kletterte im Juli überraschend von 115,2 auf 116,0 Punkte. Ökonomen hatten mit einem leichten Rückgang auf 114,9 Zähler gerechnet. "Die deutsche Wirtschaft steht unter Volldampf", sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Er bezeichnete die Stimmung als euphorisch. Die Führungskräfte beurteilten ihre Geschäftslage so gut wie noch nie seit der Wiedervereinigung und bewerteten die Aussichten für die kommenden sechs Monate noch besser als zuletzt.

Entsprechend positiv sieht es auch am Arbeitsmarkt aus. Die Nachfrage nach Fachkräften bewegt sich weiterhin auf einem stabil hohen Niveau. Immer mehr Unternehmen sprechen von Mitarbeitern als ihrer wichtigsten Ressource. Der Einzelne mag seine Mitarbeiter auch so behandeln und ihre Fähigkeiten und Ideen wertschätzen und fördern. Insgesamt kommt der "Wirtschaftsfaktor Mensch" in Deutschland aber zu kurz, wie eine Studie zeigt, die die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit beim Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut in Auftrag gegeben hat.

Autorin Christina Boll kommt dort zu dem Ergebnis, dass die Bundesrepublik deutlich weniger Geld in Bildung investiert als andere Industrieländer. In internationalen Bildungsvergleichen bewege sich Deutschland nur im unteren Mittelfeld. Ebenso kritisch sieht sie die aktuelle Arbeitsmarktpolitik: Die Wirtschaft sucht händeringend Fachkräfte, obwohl rund 4,5 Millionen Menschen arbeitslos sind. Mit einer wirklich nützlichen Fort- oder Weiterbildung könnte das Potenzial dieser Menschen genutzt werden. Wer nicht eingestellt wird, weil er kein Englisch sprechen kann, dem nützt auch das achte Bewerbungstraining nichts.

Die gängigsten Thesen zum Fachkräftemangel - und ihr Wahrheitsgehalt

Aber auch die Unternehmen müssten sich mehr anstrengen, so ihre Kritik. Insgesamt nennt die Studie vier Faktoren für mehr Wachstum, Beschäftigung und somit auch Wohlstand:

  1. Erstbildung: Wenn wir vom Humankapital sprechen, sollte schon das Ausgangsmaterial von guter Qualität sein. Das funktioniert nur, wenn alle Kinder schon in der Schule gleiche Startchancen bekommen. Wenn also Ahmed das gleiche lernt wie Mia und wenn Ben aus einem Hartz-IV-Haushalt genauso zum Schulausflug, in die Matheakademie oder zum Fußballcamp gehen kann wie Sophie aus der Akademikerfamilie. Denn nach wie vor gibt es in Deutschland einen engen Zusammenhang zwischen Bildungsbeteiligung, Kompetenzerwerb und sozialer Herkunft. Damit stempele man Menschen schon ab, bevor sie überhaupt an einen Job denken. Die Studienautorin spricht von einer "immensen Talentverschwendung". Ohne Investitionen in die Bildung werde sich daran jedoch nichts ändern. Sie sagt: "Überfällige Bildungsinvestitionen dürfen nicht von einer unsicheren "demografischen Rendite" abhängig gemacht werden."
  2. Potenziale nutzen: Viele Menschen können aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten. So mancher mag auch einfach keine Lust haben und mit der staatlichen Förderung zufrieden sein. Aber es gibt eben auch den 57-jährigen Ingenieur, der keinen Job bekommt oder die 39-jährige türkische Buchhalterin, die nur Absagen auf ihre Bewerbungen bekommt. Boll sagt deshalb ganz klar: "Die Erwerbsbeteiligung von Frauen, Älteren und Personen mit Migrationshintergrund muss gesteigert werden; Arbeitszeitwünsche müssen stärker berücksichtigt und Talente besser genutzt werden." Dazu gehört auch Punkt drei.
  3. Weiterbildung: Boll wünscht sich "zielgruppenadäquate Finanzierungsinstrumente und Bildungsformate", um Geringqualifizierte, Langzeitarbeitslose und Menschen mit Sprachdefiziten adäquat weiterzubilden. Alle zum gleichen Computerkurs zu schicken, bringt nichts und kostet nur.
  4. Digitalisierung: Flexibleres und mobileres Arbeiten und Lernen könne die Produktivität der Unternehmen und die Zufriedenheit der Mitarbeiter erhöhen. "Hier ist ein kluger Interessensausgleich zwischen Unternehmen und Beschäftigten gefragt", schreibt sie.

Grundsätzlich müssten Wissen, Fähigkeiten und Ideenreichtum aller Menschen in Deutschland besser genutzt und gefördert werden, nicht nur der Beamten- und Professorenkinder. Boll plädiert für einen Bewusstseinswandel: "Bildung gehört ins Zentrum der Wachstumspolitik. Dem Bildungsprozess gebührt die Wertschätzung, die seiner Rolle für die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung entspricht. Zerfallende Schulgebäude und kaputtes Inventar passen nicht hierzu. Der Investitionsstau bei der Schulsanierung ist aufzulösen."

Denn insgesamt habe Deutschland eine gute Ausgangsperspektive, die Herausforderungen des wirtschaftlichen, demografischen, gesellschaftlichen und technologischen Wandels zu meistern.

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