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Zukunftsforscher Jánszky im Interview "Brain-Food wird bald so normal sein wie Kaffee“

Der Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky glaubt an das Geschäft mit „Neuro-Pushern“. Die Mittel können die Hirnleistung steigern, sind aber umstritten.

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Jánszky leitet die Beratungsfirma Forward2Business, die Unternehmer in Trendfragen berät und den gleichnamigen Thinktank unterhält.

WirtschaftsWoche: Herr Jánszky, was sind Neuro-Pusher?

Jánszky: Neuro-Pusher sind in erster Linie Medikamente, die zum Beispiel für Demenz- oder Parkinsonkranke gemacht sind. Ihre Wirkstoffe sorgen aber auch bei Gesunden dafür, dass die Hirnleistung verbessert wird.

Wer, außer Kranken, schluckt diese Tabletten?

Zum Beispiel Menschen, die in kurzer Zeit viel lernen müssen. Statistiken zufolge nehmen zwischen 16 und 25 Prozent der amerikanischen Studenten solche Mittel. Dieser Trend schwappt gerade zu uns nach Deutschland herüber.

Wo wird die Grenze verlaufen zwischen dem, was erlaubt ist und was nicht?

Entscheidend sind die Nebenwirkungen. Nehmen Sie zum Beispiel Koffein: Das ist ein Wachmacher und damit auch nichts anderes als Hirndoping. Dennoch trinken wir Kaffee, weil wir wissen, dass wir die Nebenwirkungen im Griff haben. Kokain macht dagegen psychisch abhängig und hat enorme Nebenwirkungen.

Welche Stoffe außer Koffein sind denkbar?

Die Hoffnungen richten sich vor allem auf Naturextrakte, die bereits zugelassen sind und denen eine Verbesserung der Hirnleistung zugesprochen wird.

Hat dann jeder künftig ein Pillendöschen dabei?

Nein. Aber es könnte Margarine oder Soft-Drinks geben, die Kinder intelligenter machen. Oder Brain-Joghurt für Manager.

Werden wir dann permanent gedopt sein?

Ich glaube nicht. Weil die Wirkung mit der Ausschüttung von Dopamin zusammenhängt wird man die Stoffe eher kurzfristig nehmen. Dadurch wird man nicht intelligenter, aber erfolgreicher. 

 

In welchen Situationen zum Beispiel?

Ein Manager könnte es zum Beispiel vor einer Bilanzkonferenz nehmen; ein Uni-Absolvent vor einem Vorstellungsgespräch. Oder vor Prüfungen, wenn ich merke: Mein Banknachbar ist schlauer als ich – das will ich kompensieren.

Und wer nicht dopt, verliert?

Auch wenn wir gern über die Leistungsgesellschaft reden, funktioniert unser normales Leben nicht wie Leistungssport. Wir kämpfen nicht jeder gegen jeden. In den meisten Situationen unseres Lebens geht es darum, ein vorgegebenes Level zu erreichen, in der Schule die Note eins, in der Ausbildung ein abgestecktes Leistungsziel. Wenn dies erreicht ist, ist Schluss.

Wer das ohnehin schafft, braucht die Neuro-Pusher also gar nicht?

Genau. Sinnvoll sind sie hauptsächlich für von Natur aus weniger leistungsfähige Menschen, die durch Brain-Doping diese natürliche Ungerechtigkeit kompensieren können. Insofern glaube ich, dass unsere Gesellschaft gemessen an den Ergebnissen schlauer wird, weil mehr Menschen ein höheres Leistungslevel erreichen.

Reichen Bafög und Hartz IV überhaupt aus, um diese speziellen Lebensmittel zu kaufen?

Brain-Food wird nach meiner Prognose sicher teurer sein als heutige Lebensmittel, aber nicht übermäßig teuer. Die Industrie, die so etwas entwickelt, wird schauen, wo der größte Absatzmarkt ist. Ich erwarte diese Artikel im Massenmarkt.

Wie lange dauert es noch, bis wir den ersten Joghurt fürs Hirn im Regal finden werden?

Diese Mittel werden sicher bald Alltag sein. Das Einzige, was die Firmen noch zurückhält ist, dass sie unsicher sind, wie die Öffentlichkeit reagiert. Die Debatte darüber, ob es moralisch oder unmoralisch ist, seinen Hirnzustand zu verbessern, ist noch nicht geführt. Lebensmittelunternehmen laufen also Gefahr, sich mit solchen Produkten ihren Ruf zu ruinieren.

Welche Positionen gibt es in dieser Debatte?

Eine eher schöpfungsgeschichtliche: Ein Körper ist und soll so sein, wie er geboren wurde. Er darf maximal nach einem Unfall oder bei einer Krankheit wiederhergestellt werden. Die andere Position lautet: Der Zustand, wie Körper geboren werden, ist ungerecht. Warum soll nicht der, der weniger schlau geboren wurde, diesen Zustand mit Pillen kompensieren dürfen?

Und wer gewinnt?

Ich denke, dass die Befürworter gewinnen werden – immer vorausgesetzt, dass die neuen Mittel keine schlimmeren Nebenwirkungen haben als Nikotin oder Koffein.

Was macht Sie so sicher?

Die Menschen sind seit jeher bestrebt, ihren Körper zu optimieren. Das fängt beim Rasieren an und geht bis hin zu Schönheitsoperationen. Dass die Menschen ihr Hirn noch nicht optimiert haben ist der Tatsache geschuldet, dass die Wissenschaft noch nicht so weit war.

Wächst damit nicht die Gefahr, dass Leistungsdrogen wie Kokain verharmlost werden?

Ich traue den Menschen durchaus zu, dass sie damit souverän umgehen und wie heute schon unterscheiden können zwischen gefährlichem und nützlichem Doping.

Sie halten viele Vorträge. Schaffen Sie das noch auf natürliche Weise oder helfen auch Sie nach?

Und hier sind wir bei der Kernfrage: Was ist eine natürliche Weise? Ich trinke morgens Kaffee, um schnell wach zu werden. Ich esse an anstrengenden Tagen voller Workshops und Vorträge gezielt mehr Kohlenhydrate und weniger Eiweiße. Ich trinke Energiedrinks, wenn ich nachts arbeiten muss. Ist das natürlich oder nicht? Aber als konkrete Antwort: Pillen für Demenzkranke habe ich noch nicht probiert.

Haben Sie Angst vor den Nebenwirkungen?

Ich spüre eine mentale Grenze in mir, die heißt: Ich bin gesund, also nehme ich keine Pillen. Zudem ist es mir zu kompliziert, die Präparate über Online-Apotheken zu besorgen. Aber wenn die Brain-Food-Produkte in den Supermarkt kommen, werden wir alle sie genauso normal kaufen wie Kaffee. Da bin ich mir sehr sicher.

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