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Zusammenarbeit Warum deutsche Konzerne Gründern einen Heiratsantrag machen sollten

Kooperation Quelle: imago images

Deutsche Unternehmen gelten oft als effizient und durchoptimiert – doch gerade in Sachen Digitalisierung drohen sie den internationalen Anschluss zu verlieren. Eine Hochzeit könnte helfen – klingt komisch, ist aber so.

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Ja, Europa ist gut. Europa ist sogar sehr gut – in sehr vielen Bereichen. Wir sind sehr innovativ, immerhin liegen sieben der zehn innovativsten Länder weltweit in Europa. Deutschland auf Platz vier. Weltspitze also. Die Bundesrepublik ist das Land, das die meisten Weltmarktführer stellt. Die Zahlen schwanken stark: Je nach Kriterium, das angelegt wird, sind es zwischen rund 500 bis 1500. Dennoch bleibt, egal wie gemessen, Deutschland immer Weltspitze. Noch.

Im Ausland erkennt man zunehmend die schwache Stelle Deutschlands: In qualitativen Interviews befragte die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit Menschen, die eine private oder berufliche Beziehung zu Deutschland haben. Der klare Tenor: Die deutsche Wirtschaft müsse risikofreudiger, schneller und flexibler werden, um in Sachen Digitalisierung nicht den Anschluss an die Weltspitze zu verlieren. Das sind keine Einzelmeinungen, auch andere Zahlen zeigen den technologischen Rückstand, der entsteht. Blickt man zum Beispiel auf die Anzahl angemeldeter Patente im Bereich der Künstlichen Intelligenz, so hängt Deutschland dem internationalen Wettbewerb hinterher.

Was tun also? Die Antwort liegt seit Jahren auf der Hand. Es braucht mehr Zusammenarbeit zwischen jungen agilen Unternehmen und erfahrenen Konzernen, die sich in den letzten Jahrzehnten vor allem auf die Prozessoptimierung spezialisiert haben. Die Zahl von Firmenbeteiligungen an Start-ups nimmt zwar weiter zu. Trotzdem klappt die Zusammenarbeit bisher nur selten. Nach einer ersten Euphorie werden die Beteiligten jedoch häufig unzufrieden: Den jungen Unternehmerinnen und Unternehmern sind die Prozesse in der neuen Umgebung nicht agil genug, den Kapitalgebern wiederum ist der Impact, den die Neuzugänge bringen, nicht stark genug. Nach den Schmetterlingen im Bauch folgt der Krach – häufig mit Trennung.

Damit das nicht passiert, brauchen Unternehmen Gründer, die die Erfahrung mitbringen, ein neues digitales Geschäftsmodell in kurzer Zeit auf mehrstellige Millionenumsätze hoch zu skalieren. Und nicht nur das: Sie müssen zudem Vertrauen im Markt genießen und Zugänge auf globaler Ebene mitbringen und zuletzt natürlich bereit sein, mit etablierten Unternehmen zusammenzuarbeiten. Von diesen Gründern gibt es nicht so viele. Die Zahl der Startups, die Umsätze generieren, die relevant für Großunternehmen in Europa sind oder werden können, sind abzählbar. Teilweise übersteigen die Umsätze der 1000 am schnellsten wachsenden Unternehmen kaum die Marke von 2,5 Millionen Euro.

Die erfahrenen Gründer bekommen Unternehmen nur, wenn sie für neue Partnerschaften auf Augenhöhe bereit sind. Es reicht nicht mehr, sich nur an Finanzierungsrunden zu beteiligen. Wir brauchen wirkliche Zusammenarbeit. „Co-Creation“ ist das Stichwort.

Dafür ist eine echte Beziehung notwendig. Konzerne müssen Gründern einen Heiratsantrag machen. Das Gleichnis ist hier bewusst gewählt: Unternehmertum funktioniert anders als konzerngetriebene Shareholder-Value-Politik. Gründer und Konzerne müssen gemeinsam zusammenstehen und Risiken teilen – in guten wie in schlechten Zeiten. Wie in einer Ehe.

Nur dann können Herausforderungen partnerschaftlich gelöst werden, neue Technologien und Geschäftsmodelle entwickelt, aufgebaut, und skaliert werden. Entrepreneure brauchen die Möglichkeit, einerseits flexibel an Konzernstrukturen anzudocken und andererseits trotzdem wie echte Unternehmer zu arbeiten. Alle wichtigen Entscheidungen sollten aufgrund der beidseitig strategischen Bedeutung direkt auf der Führungsebene getroffen werden können. Agil und kurzfristig. Gleichzeitig ist es für viele Start-ups wichtig, auch innerhalb gewachsener Konzernstrukturen, den eigenen Unternehmensgeist aufrecht erhalten zu können. Es geht um eine gleichberechtigte Partnerschaft mit Freiheiten. Mit offener Kommunikation auf Augenhöhe.

Diese deutschen Unternehmen sind mindestens eine Milliarde Dollar wert
Celonis (Datenanalyse)"Process-Mining" - die Analyse von Prozessen in Unternehmen - ist das Geschäft des Münchener Unternehmens, in das unter anderem Accel und 83North investiert haben. Es bietet Software für Unternehmensabteilungen an, von Vertrieb über Produktion bis IT Service Management. Laut cbinsights gehört das Unternehmen mit einem Wert von einer Milliarde US-Dollar damit zu den gut 300 Einhörnern weltweit. Quelle: imago images
Ottobock Group (Medizintechnik)Mit einem geschätzten Unternehmenswert von 3,5 Milliarden US-Dollar zählt Ottobock aus Duderstadt zu den größten deutschen Unicorns. Die Entwicklung moderner Prothesen und Orthesen ist eines der Standbeine des Unternehmens. Eine weitere Einheit entwickelt Rollstühle, während sich die dritte Sparte, die Kunststoff Holding, mit der Fertigung von Kunststoffen befasst, die als Vorprodukte für die Autoindustrie verwendet werden. (REUTERS/Leonhard Foeger) Quelle: REUTERS
CureVac (Biopharmazie)Das im Jahr 2000 gegründete Unternehmen mit Hauptsitz in Tübingen ist ein Spin Off der dortigen Universität. Es hat sich auf die Erforschung und Entwicklung innovativer Arzneimittel spezialisiert. Der Kern ist dabei ein sogenanntes Botenmolekül namens mRNA. Dietmar Hopp gehört zu den Investoren. Ebenso die Bill und Melinda Gates Foundation. cbinsights beziffert den Unternehmenswert auf 1,7 Milliarden US-Dollar. Quelle: PR
NuCom Group Von den zahlreichen Unternehmungen, die sich unter dem Dach der NuCom Group befinden, dürfte die Partnervermittlung Parship auch dank massiver Plakatwerbung die bekannteste Marke sein. Auf 2,2 Milliarden US-Dollar schätzt cbinsights den Marktwert. Den hat sich die Gruppe unter anderem mit weiteren Datingseiten wie eharmony oder elitepartner, aber auch dem Vergleichsportal Verivox erarbeitet. Ebenfalls im Portfolio: billiger-mietwagen.de, Käuferportal.de, flaconi.de, mydays.de, Jochen Schweizer oder den Hersteller für Erotikartikel Amorelie. Dieser digitale Gemischtwarenladen gehört mehrheitlich zur ProSiebenSat.1 Media SE. Als großer Investor ist General Atlantic dazugestoßen. Quelle: imago images
Auto1 Group (Gebrauchtwagenhandel)Der Einstieg eines Investmentfonds der japanischen Softbank im Januar 2018 bescherte der Auto1 Group von Hakan Koc und Christian Bertermann eine Bewertung in Höhe von rund 3,6 Milliarden US-Dollar. Das zeigen die daten von cbinsight. Das Berliner Unternehmen vermittelt Gebrauchtwagen an KFZ-Händler. Derzeit wirbt die Auto1 Group mit 40.000 geprüften Fahrzeugen europaweit. Für Privatpersonen bietet die Webseite hingegen kaum etwas. Quelle: imago images
About you (E-Commerce mit Mode)Der Modehändler About you ist eine Tochter der Otto-Group. Zu den Investoren zählen German Media Pool und Seven Venture Capital. Im Juli 2018 kaufte die dänische Beteiligungsholding Heartland S/A mit Sitz in Aarhus 29 Prozent an dem Unternehmen. Seitdem zählt das Hamburger Unternehmen zu dem Kreis der Einhorn-Unternehmen. About you kooperiert zum Beispiel mit dem Model Lena Gercke für eine eigene Modereihe. Quelle: PR

Für Konzerne bedeutet das ein Umdenken, und das ist harte Arbeit. Aber ich denke, wir müssen dringend gegen altes Denken, die eigene Behäbigkeit und starre Strukturen ankämpfen. Wir brauchen unternehmerischen Mut, um neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, digitale Plattformen zu kreieren und unsere Weltmarktführer ins digitale Zeitalter zu bringen. Nur so wird Europa wirtschaftlich auch in Zukunft relevant sein. Wir brauchen Partnerschaften von Konzernen und Gründern.

Darum, liebe Managerinnen und Manager, macht den Unternehmerinnen und Unternehmern einen Heiratsantrag. Oder fragt zumindest im ersten Schritt: Willst du mit mir gehen?

Felix Staeritz ist Gründungspartner und CEO von FoundersLane. Mit seinem Team entwickelt der Serienunternehmer neue digitale Geschäftsmodelle und Plattformen für Mittelständler und große Konzerne in Europa. Felix ist Board Member der Digital Leader des World Economic Forum, Mitglied von Vattenfalls Board of Entrepreneurship und Business Angel. 

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