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Wellnessversprechen Unser Lebenstempo steht dem Genuss im Weg

„Die Welt gehört dem, der sie genießt“, heißt es. Doch oft haben Genuss und Wellness bei uns gar keine Chance. Wir gönnen uns schlicht die Zeit zum Genießen und Entspannen nicht.

Ein Mann im Büro. Quelle: dpa

Ich sitze am Flughafen Düsseldorf und warte auf den Check-In. Da ich gern in Ruhe reise, habe ich Zeit für einen Kaffee und nehme mitten in der Abflughalle im Bistro Platz. An der Wand hinter dem Tresen steht: „Die Welt gehört dem, der sie genießt“. Dabei können Menschen nur noch selten etwas wirklich genießen.

Vor einiger Zeit habe ich eine Online-Befragung zu den wichtigsten persönlichen psychischen Stärken im Beruf durchgeführt. Interessant und zugleich erschreckend: Genussfähigkeit landete auf dem letzten Platz. Offensichtlich führt die vielfältige Anstrengung in diesem Lebensbereich dazu, dass wir kaum Freude an dem empfinden, was wir tun. Und ist dies nicht auch in anderen Lebensbereichen der Fall? Erfreuen wir uns noch so intensiv wie früher an der Gestaltung unseres Gartens, die wir im Winter oft vermissen oder am Kochen und Backen - etwas, wofür wir uns doch einmal begeistern konnten?

Gewohnheit und Routine, gesteuert von Betriebsamkeit und Tempo, haben deren Platz eingenommen. Wir versuchen in der gleichen Zeit immer mehr Aufgaben zu erledigen. Dies geht nicht nur zu Lasten der Qualität. Es mindert vor allem Freude und  Genuss. Schlinge ich zum Beispiel am Arbeitsplatz anstatt eines Mittagessens ein Brötchen hinunter, werde ich nicht einmal schmecken, was ich esse.

Fallen fürs Wohlbefinden
Menschen als Marionetten Quelle: Sergey Nivens - Fotolia
Wir haben keine Kraft zum AuftankenDie Müdigkeit, Energielosigkeit und verlorene Lebensfreude, die immer mehr Menschen um die Lebensmitte oder bereits früher spüren, werden durch anhaltende Überforderung, Raubbau an unseren Ressourcen und den Mangel an ausreichenden Regenerationszeiten verursacht. Es ist ganz klar das „zu viel“, das uns unter die Haut geht und dafür sorgt, dass auch der Wochenendtrip nicht mehr zum Entspannen reicht. Quelle: Korta - Fotolia
Wir nehmen uns nicht wichtig genugOft verplempern wir unsere Kraft für Dinge, die nicht wirklich wichtig sind. Familie, Freunde und Freizeit sind vielen deutlich wichtiger als Arbeit. Trotzdem nehmen sich viele Menschen nur sehr wenig Zeit für ihre Lieben. Noch sträflicher gehen wir allerdings noch mit uns selbst um. Quelle: olly - Fotolia
Hausgemachter StressIch muss, ich darf nicht, dafür habe ich keine Zeit: Den meisten Stress machen wir uns selbst. Tatsächlich geht die Welt nicht unter, wenn Sie fünf Minuten später zur Arbeit kommen, weil Sie im Stau standen. Es gibt also keinen Grund, sich in die ohnehin schon unangenehme Situation auch noch weiter hineinzusteigern. Quelle: Tijana - Fotolia
Negativen Emotionen Vorrang gebenIn Stresssituationen wird das Vermeiden oder Reduzieren von Angst zur Hauptmotivation. Wir wollen nicht auffallen, nichts falsch machen, niemanden enttäuschen. Angst jedoch ist stets ein schlechter Ratgeber. Weil negative Emotionen unsere Denkfähigkeit einschränken, viel Energie kosten und so noch viel weniger davon für uns selbst übrig bleibt. Quelle: Brian Jackson - Fotolia

All dies wäre zu verschmerzen, wenn wir unser Lebenskonzept nicht darauf ausgerichtet hätten, uns immer mehr Dinge leisten zu können, die uns Freude bringen sollen. Gehört uns das Objekt unseres Begehrens, gewöhnen wir uns innerhalb kürzester Zeit daran und streben sofort nach dem nächsten. In diesem Prozess bleiben weder Zeit noch Gelegenheit für Freude.

Wellness heißt noch nicht Wohlbefinden

Also investieren wir immer mehr Geld und Zeit in Wellness, die Genuss und Entspannung verheißt. Wir schwören auf Thalasso und Ayurveda, Massagen, Schröpfen, Yoga, Smoothies. All das soll dafür sorgen, dass wir uns erholt und aufgetankt fühlen.

Doch die Einlösung dieser Wellness-Versprechen setzt eine wichtige Fähigkeit beim Empfänger voraus: Er muss sich auf den Genuss einlassen können.

Nur die richtige Entspannung führt zum Erfolg
Leute stehen zusammen und trinken Kaffee und Wasser Quelle: Robert Kneschke - Fotolia.com
Eine Familie beim Spaziergang Quelle: dpa
Eine Frau dehnt sich hinter dem Schreibtisch. Quelle: Robert Kneschke - Fotolia.com
Eine Frau scheint tief einzuatmen. Quelle: fizkes - Fotolia
Eine To-Do-Liste Quelle: Bjoern Wylezich
Zwei Rennradfahrer Quelle: Kzenon - Fotolia.com

Wie sieht die Realität aus? Während der Kosmetikbehandlung denken wir an die kranke Schwester zu Hause und beim Yoga an die unaufgeräumten Kinderzimmer. Selbst im Urlaub schalten wir nicht ab: Das Handy ist in ständiger Reichweite. Und dann wundern wir uns, weshalb uns kleine Missgeschicke im Hotel über Gebühr aufregen oder in der Familie ein gereizter Tonfall herrscht? Die Gründe liegen auf der Hand: Wir sind erschöpft und überfordert vom täglichen Kampf um Dinge und Situationen – auch, wenn wir uns damit etwas Gutes tun wollten.

Fassen wir den Wellnessbegriff breiter, schließt das auch Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements ein. Wenn die To-do-Listen aus allen Nähten platzen, werden die Angebote schon aus Zeitgründen nicht angenommen. Wenn der Kopf im Stressmodus ist, haben Kurse, mit welchem Ziel auch immer, keinen Sinn. Ist  Wenn die Zeit bereits für Unabdingbares nicht reicht, wird selbst ein bezahlter Gesundheitstag eher als zusätzlicher Stress denn als Gewinn wahrgenommen.

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