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Zukunft der Arbeit Das Ende der Firmen-Diktatur

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Die Macht verändert ihr Gesicht

„Wenige Firmen machen radikal alles anders“, sagt Berater Ulf Brandes, „aber Tausende experimentieren“. Sein Mitstreiter Daniel Trebien, ebenfalls Unternehmensberater, weiß aus eigenen Erfahrungen, dass es in den meisten großen Unternehmen nicht die Leute an der Spitze sind, die Veränderungen der Unternehmenskultur anstoßen.

Sondern Leute aus der zweiten Reihe, mit einem gewissen  Einfluss und Spielraum innerhalb der Firmen. Und manche agierten auch durchaus im Untergrund. „Intrapreneure“ oder „Corporate Rebels“, nennt er diese Überwinder der alten Hierarchien.

Doch bedeutet die Schwächung der Hierarchien die Auflösung von Macht an sich? Breitet sich tatsächlich mehr Freiheit aus? Oder nur das „Gefühl der Freiheit“, das eine der Angestellten von HPPBerlin besingt? Der Film stellt diese Frage nicht.

Doch auch, wenn man die Ziele und Tendenzen der neuen Arbeitswelt grundsätzlich begrüßt, ist neo-revolutionäre, antiautoritäre Träumerei fehl am Platz. Dass Arbeitgeber im Wettstreit um engagierte Arbeitnehmer sich viel einfallen lassen, um deren Gefühle zu streicheln, zeigt die beachtenswerte Studie der jungen Historikern Sabine Donauer. Sie macht aber auch deutlich, dass der Antrieb dahinter nicht in erster Linie Menschenfreundlichkeit war und ist, sondern die Steigerung der Leistungsbereitschaft - ohne dafür höhere Gehälter zahlen zu müssen. Topmanager jedenfalls wurden und werden nicht mit einer besseren Firmenkultur und Freiheitsgefühlen angespornt, sondern mit üppigen Grundgehältern und noch viel üppigeren Boni.

Der Grat zwischen echten humanitären Idealen und interner Propaganda ist schmal. Wenn gute Gefühle eine angemessene Bezahlung ersetzen sollen, ist der Grat überschritten.

Was gute Führung ausmacht

Wer von einem langen Marsch hin zur völlig befreiten Arbeitswelt ganz ohne Hierarchien und Macht träumt, kann sich vor bitterer Enttäuschung durch die Erkenntnisse der soziologischen Machtforschung bewahren. Der Soziologe Heinrich Popitz war solch ein Desillusionist: Es gibt keine „machtsterilen Verhältnisse“, ist eine seiner zeitlosen Erkenntnisse von befreiender Klarheit.

Die Macht bleibt

Wenn offene Strukturen der Macht, also klare Hierarchien verschwinden, so heißt das nicht zwangsläufig, dass die Macht verschwindet. Wenn Menschen ihr Verhalten, also zum Beispiel zur Erwirtschaftung von Premium-Cola, aufeinander abstimmen, bringen sie eine soziale Ordnung hervor, ob als GmbH oder als vertragsloses Kollektiv. Und soziale Ordnungen schränken notwendigerweise die Freiheiten der beteiligten Individuen ein.

Völlig frei ist nur der Einsiedler. Selbst bei Premium-Cola wird es ein Machtgefälle zwischen dem „Moderator“ und anderen „Kollektivisten“ geben. Was sich ändert, ist das Angesicht der Macht, die Art und Weise, wie sie ausgeübt wird.

In Arbeit
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Der einzelne Produktionsarbeiter von Allsafe oder Unilever wird nicht mehr vom Chef alter Prägung mit strengem Blick kontrolliert. Sein neuer Chef sitzt nicht mehr hinter der Glasscheibe des Chefbüros. Der einzelne Mitarbeiter hat mehr Freiheit und Eigenverantwortung.

Aber Freiheit in einer Wettbewerbswirtschaft ist immer auch der Zwang zur ständigen Selbstverbesserung. Die mächtige Kontrollinstanz ist nicht verschwunden. Sie ist nicht einmal weiter weggerückt. Im Gegenteil. Sie sitzt nun im eigenen Kopf.

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