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Zukunft der Arbeit Heute hier, morgen dort

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Die Schattenseiten des neuen Arbeitstrends

Der US-Soziologe Jeremy Rifkin prägte vor einigen Jahren den Begriff „Proteische Persönlichkeit“.

Diese Wortschöpfung geht zurück auf den griechischen Gott Proteus, der sich zwar in jede beliebige Gestalt verwandeln konnte, dafür aber einen existenziellen Preis bezahlte: Er konnte sich nie selbst finden. Rifkin versteht darunter heutzutage Menschen, die so sehr durch moderne Kommunikationsmittel vernetzt sind, dass sie ihre eigene Identität aus den Augen verlieren.

Die Folgen sind bereits heute zu beobachten. Seit einigen Jahren nehmen die psychischen Erkrankungen von Angestellten dramatisch zu. Im vergangenen Jahr behandelten deutsche Kliniken zum ersten Mal häufiger Verhaltensstörungen und Depressionen als Krebs- und Kreislauferkrankungen.

Führungskräfte sind gut beraten, darauf rechtzeitig zu reagieren. Nicht nur, um den eigenen Stress zu minimieren, sondern weil die neue Arbeitswelt auch die Management-Anforderungen umkrempelt.

Der Chef als Einpeitscher und Komandant hat dann ebenso ausgedient wie der Typ Vaterfigur, der alles weiß, sieht und kontrolliert. Gefragt sind vielmehr Manager, die mit den neuen Kommunikationsformen perfekt umgehen können sowie über „Kollegialität führen und nicht über strikte Hierarchien“, sagt Kienbaum-Geschäftsführer Tiemo Kracht. Der Manager von morgen ist eher Moderator und Motivator in einem.

Die Anforderungen an die Arbeitsumgebung steigen

Zum einen, weil Kreative einen Großteil ihrer Motivation aus Freiräumen, aus Verantwortung und spannenden Projekten schöpfen. Diese Freiräume müssen ihnen die Manager einräumen, genauso wie sie ihre Belegschaften aus unterschiedlichen Kulturen und unterschiedlichen Standorten auf gemeinsame Ziele einschwören können müssen – und zwar immer seltener durch persönliche Ansprache, dafür umso häufiger über eine Klaviatur aus diversen digitalen Kanälen.

Zum anderen, weil derlei Kreative und hoch qualifizierte Top-Talente eine zunehmend knappe Ressource sind, um die alle Unternehmen global werben. Für die Führungskräfte heißt das: Sie müssen nicht nur regelmäßig die besten Teams zusammenstellen und rekrutieren, sondern die Talente auch halten. Und das gelingt bei diesen Leuten eben kaum par ordre du mufti.

Projektarbeit, Flexibilität, Kreativität – mit den neuen Anforderungen an die Arbeitswelt steigen auch diejenigen an die Arbeitsumgebung. „Kreative Menschen brauchen ein kreatives Umfeld“, sagt der Innenarchitekt Rudolf Schricker. Die grauen, eintönigen Bauten von heute sind damit sicher nicht gemeint.

Entsprechend widmet sich auch die Fachmesse Orgatec im Oktober in den Kölner Messehallen dem Erfolgsfaktor Büro. Und dabei wird es nicht nur um Tische und Stühle gehen. Sondern um geräuschabsorbierende Türfüllungen, um energiesparende Lampen und angenehme Düfte. Grund: Mitarbeiter in solchen modernen Büros sind „bis zu 36 Prozent produktiver“, sagt Jörg Kelter, Projektleiter am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart, der ebenfalls am Büro von morgen forscht. Ein Unternehmen ist schon heute Vorreiter in Sachen angenehme Arbeitsatmosphäre: Google.

Der Internet-Konzern hat in der Zürcher Entwicklungszentrale Aufenthaltsräume mit Flipperautomaten, Billardtischen und Kaffeebars eingerichtet. Für Entspannung sorgt ein von Bachrauschen beschallter Raum, Massagen inklusive.

Natürlich macht der Konzern das alles aus Kalkül: Wer sich wohlfühlt, arbeitet freiwillig länger und umso lieber. Das zieht sogar Top-Talente an: Der Suchmaschinendienst landete beim jüngsten WirtschaftsWoche-Ranking der beliebtesten Arbeitgeber allein bei den Informatikern mit weitem Abstand auf Platz eins.

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