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Erster Besuch in Peking Wie eine 75-jährige Chinesin ihren ersten Flug erlebt

Auch im Alltag kann eine Auslandskorrespondentin viel über ihr Land lernen. Etwa warum eine 75-jährige Chinesin aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt.

Es gibt in China immer noch Menschen, die in ihrem ganzen Leben noch nie geflogen sind. So wie diese alte Erdnussbäuerin auf einem Flughafen in Peking. Quelle: Handelsblatt

PekingEs dauert ein paar Minuten, bis ich sie bemerke. Ganz leise ist die ältere Dame mit kurzen grauen Haaren und einem weinroten Mantel ans Fenster getreten. Mit ihrer rechten Hand stützt sie sich auf einen Stuhl, mit der linken auf das Fensterbrett. Lange Zeit steht sie einfach so da, mit einem kleinen, zufriedenen Lächeln auf ihrem wetterzerfurchten Gesicht und schaut aus dem Fenster.

Es ist Sonntagfrüh und die meisten anderen Gäste des Flughafen-Restaurants schauen nach unten. Entweder spielen sie mit ihrem Handy oder sie haben ihr Gesicht in eine Nudelschüssel vergraben. Zwei Gäste schlafen mit der Stirn auf dem Arm. Ein Vater am Nebentisch macht Fotos von seiner Tochter. Aber die Kamera hat er auf sie und das Essen gerichtet. „Schieb‘ den Teller ein bisschen nach rechts“, weist er sie an. „Eins zwei drei, lächeln.“ 

Keiner sonst scheint sich für das Panorama zu interessieren. Dabei kann man vom Fenstertisch aus beobachten, wie die Flugzeuge langsam losrollen, auf die Startbahn einbiegen, beschleunigen und dann in den Himmel abheben.

Endlich setzt sich die alte Dame mir gegenüber kurz hin. Aber wenige Sekunden später steht sie wieder auf. Auch wenn sie sich langsam bewegt, haben ihre Bewegungen eine nervöse Energie. Ihr Blick ist fast ununterbrochen nach draußen gerichtet.

„Oma“, rufe ich. Auch wenn wir uns nicht kennen ist diese Anrede in China ein Zeichen von Respekt und Freundlichkeit. Sie dreht sich zu mir um. „Die Flugzeuge sind spannend, nicht?“ Sie lächelt und nickt. „Fliegen Sie heute zum ersten Mal?“

Wieder lächelt und nickt sie.

Und dann erzählt sie mir, dass sie 75 Jahre alt ist und ihr Leben lang Erdnüsse in der ostchinesischen Küstenprovinz Shandong angebaut hat. Es ist ihr erster Besuch in Peking. Hingefahren ist sie mit dem Hochgeschwindigkeitszug. „Ich konnte gar nicht glauben, dass ein Zug so schnell fahren kann! Und er ist viel bequemer als die alten Züge“, sagt sie.

Während wir uns unterhalten, schaut sie immer wieder aus dem Fenster, als habe sie Angst, etwas zu verpassen. Aber bevor wir uns länger unterhalten können, kommt eine jüngere Frau und führt die alte Dame weg. In fünf Minuten müssen sie das Flugzeug besteigen, mahnt die Reiseführerin. Langsam gehen die beiden vom Fenster weg Richtung Flugsteig. Die alte Dame lächelt und winkt.

Ich stelle mir vor, wie sie ein paar Minuten später von ihrem Fenstersitz nach draußen schaut – das Land fern unter ihr und der Himmel ganz nah.

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